Desktop alle depression mami jumi
Psychologie

Wenn Mama immer traurig ist

Yvonne B. leidet an schweren Depressionen. Ihre Kinder Niklas, Lena und Emilia leiden mit, jedes auf seine Weise. Eine Geschichte über Kinder von psychisch kranken Eltern, was die Krankheit mit ihnen macht und warum es so wichtig ist, sie stärker in die Therapie der Eltern miteinzubeziehen.
Text: Sarah King
Bild: Fabian Unternährer / 13 Photo
Niklas sagt: «Wenn Mama in die Klinik muss, geben wir ihr etwas mit. Ich einen Teddybär.» – «Und ich ein Elefantenetui», sagt Lena. Und Emilia, die Kleinste? «Eine dreckige Socke. Damit mich Mama nicht vergisst.» Niklas, Lena und Emilia haben eine psychisch kranke Mutter. Sie sind nicht alleine. Laut einer Studie der Integrierten Psychiatrie Winterthur leben in der Schweiz 20 000 bis 50 000 schulpflichtige Kinder mit einem psychisch kranken Elternteil. 300 000 dürften es sein, wenn jene Eltern mitgezählt werden, die ihr Leiden verschweigen oder gar nicht wissen, dass sie krank sind. Von den ersten Symptomen bis zu einer allfälligen Diagnose kann es zehn Jahre dauern. Doch wie erklärt man Kindern, warum die Mutter oder der Vater fortgeht? Und: Wer kümmert sich um sie? Was gesunde Eltern fordert, kann kranke überfordern. Das weiss Yvonne B., die Mutter der drei Geschwister. Die 43-Jährige aus dem Kanton Bern kämpfte zwei Jahre lang gegen schwerste Depressionen. Antidepressiva, 14 Elektrokrampftherapien unter Vollnarkose und 30 Wochen Klinikaufenthalt brachten keine Linderung. Anzeichen von Lebensfreude zeigten sich erst, als das Narkosemittel Ketamin eingesetzt wurde. «Das hilft auch gegen Schmerzen, wenn jemand nach einem Unfall eingeklemmt im Auto sitzt», sagt Yvonne B. Wie eingeklemmt – so hört sich auch ihre Schilderung der Krankheit an: bleierne Müdigkeit, abgrundtiefe Traurigkeit, Rückenschmerzen. Und in Gedanken dem Tod stets ein bisschen näher als dem Leben. 
«Ich habe meine Mutter umarmt. Es hat nichts genützt.»
Daneben geht das Muttersein weiter. Nur trösten kann sie die Kinder nicht. Die Kinder trösten sie. Versuchen es zumindest: «Ich habe sie umarmt. Es hat nichts genützt», sagt der zehnjährige Niklas. Dabei hatte Niklas Glück. Der Psychiater der Mutter erklärte ihm, warum seine Mama traurig ist. Das ist nicht selbstverständlich. Denn Kinder werden im Behandlungsplan nicht mitgedacht. Schlaf, Appetit, Arbeit, Beziehung: Die Fragen der Ärzte decken alles Mögliche ab. Doch das Wohl der Kinder wird meist mit zwei Fragen abgehakt: «Haben Sie Kinder? Wie viele?» Für den Psychiater Thomas Ihde, Chefarzt der psychiatrischen Dienste der Spitäler Frutigen, Meiringen und Interlaken, reicht das nicht. Bei einer Tasse Tee am Bahnhof Bern sagt er: «Wenn es gut geht, weiss der Psychiater noch, wer die kleinen Kinder während eines Klinikaufenthalts betreut. Sind sie älter als zehnjährig, interessiert man sich aber kaum für sie. ‹Sie sind ja gross genug›, so die Vorstellung.» Auch in Therapiemanualen seien Kinder oder Erziehungsfragen inexistent. Hier bräuchte es ein Umdenken. Er ist überzeugt, dass die Frage «Verlieren Sie häufig die Nerven mit Ihren Kindern?» zum Ausgangspunkt für wichtige Gespräche werden könnte. Manche Therapierichtungen, etwa die systemorientierte, interessieren sich zwar für familiäre Zusammenhänge. Das Augenmerk werde dort aber auf erwachsene Kinder gelegt, welche die erkrankte Person unterstützen können. Dass Kinder von kranken Menschen selber Hilfe brauchen, wird nicht bedacht. Oder, wie Thomas Ihde sagt: «Da klafft eine Lücke im System. » Wie hilflos Kinder sein können, wenn sie mit dem Leiden ihrer Eltern alleingelassen werden, zeigen Gespräche mit Erwachsenen, die vor Jahren selbst Betroffene waren. «Unser Vater redete zehn Tage am Stück kein Wort mit uns.» – «Meine Mutter legte mir ihre eigene Todesanzeige vor: Ort, Trauerspruch, alles drin.» – «Hatte ich nachts Angst, stellte mir mein Vater zur Beruhigung ein Gewehr neben das Bett.» 

Unfähigkeit, ärztliches Fachwissen in Kindersprache zu übertragen

Manche realisierten erst nach dem Auszug aus dem Elternhaus, dass das, was sie erlebt hatten, eine Ausnahmesituation war: «Sie kochte in einer leeren Pfanne das Essen für Gäste, die nicht kamen.» – «Sie nahm mich nicht ein einziges Mal in die Arme.» Manche wussten um das Leiden ihrer Eltern, schwiegen aber aus Scham oder weil Reden verboten war. «Ich stahl auf dem Schulweg Früchte, weil ich mich schämte für mein leeres Znünitäschli.» Andere mussten erleben, dass psychische Krankheiten tödlich enden können: «Sie lag tot im Bad. Auf dem Tisch ein Zettel: Ich muss gehen.» Selbst wenn Eltern in Behandlung sind, bleibt für Kinder die Irritation. Der Arzt kümmert sich um die erkrankte Person. Mit den Kindern selbst spricht keiner. Damit wird die psychische Krankheit zum «Elefanten im Wohnzimmer, über den niemand redet», wie Thomas Ihde sagt. Warum ist das so? Hemmungen sind ein Grund. Die Unfähigkeit, Fachwissen in Kindersprache zu übertragen, ein weiterer. Wie erklärt man einer Vierjährigen, warum Schlaf nicht nützt gegen die Müdigkeit? Dieses Wissen gehört weder im Medizin- noch im Psychologiestudium zum Pflichtstoff. Den Facharzttitel als Psychiater bekommt man, ohne je ein Familiengespräch durchgeführt zu haben. 
«Wenn es ein bisschen schlimm ist, also recht schlimm, geht man in die Klinik.»
Zeitlicher und finanzieller Aufwand seien nicht der Grund, ist Thomas Ihde überzeugt. «Ein Gespräch mit dem Kind entlastet die Familie, und das beschleunigt die Heilung.» Immerhin: Nach und nach zeichnen sich Veränderungen ab. Fachleute werden sensibilisiert, erste Kliniken bieten Programme für Kinder an. Ehemalige Patienten brechen das Tabu und berichten in Schulen von ihrer Krankheit. Doch etwas fehlt noch immer: die Stimmen der Kinder. Bei Familie B. erklingen diese mehrstimmig. «Man ist müde und mag nicht mehr so. Wenn es ein bisschen schlimm ist, also recht schlimm, dann geht man in ein Spital.» Die achtjährige Lena weiss, wie man mit der Krankheit der Mutter umgehen muss. Was passieren kann. Zurückhaltend wirkt sie mit ihrer leisen Stimme, dem lachsfarbenen Röcklein und dem zusammengebundenen Haar. Das Reden überlässt sie gern dem grossen Bruder: «Man wird immer trauriger und geht nicht mehr raus.» Zwischen zwei Kartoffelchips meldet sich die sechsjährige Anina. «Das hat man, wenn man ein bisschen zu viel macht. Das ist bei unserer Mama so.» Emilia, Lena und Niklas rangen mit ihrer Mutter um die Sprache und fanden einen Namen für den Elefanten: Von der «Traurigkeitskrankheit» reden sie an diesem Sommertag. Hinter ihnen schaukeln Boote auf dem See. Über die Sprache fand die Familie einen Umgang mit der Depression im Alltag. War die Mutter müde, stellte sie einen Wecker. «Wenn er klingelt, dürft ihr mich wecken.» Die Kinder halfen im Haushalt. Nils lernte, wie man die Matratze vom Hochbett herunternimmt, Emilia lernte kochen. «Chli Wasser, chli la blöderle, chli Hörnli dri, chli warte, chli Anke dri, fertig.» Auch Yvonnes Mann war eine Stütze. Wenn sie wieder in die Klinik musste, organisierte er die Kinderbetreuung und übernahm, so viel er konnte, selber. Von fachlicher Seite vermisste Yvonne B. diese Unterstützung. «Die Sozialarbeiterin sass mit einem leeren Block vor uns. In die Klinik konnte ich die Kinder nicht mitnehmen. Sie führen kein Mutter-Kind- Zimmer. Nur ein Zimmer, wo man Haustiere mitnehmen darf.» Die Klinik von Yvonne B. ist kein Einzelfall. Zwar bieten immer mehr Psychiatrien in der Schweiz Mutter- Kind-Plätze an, aber meist nur für Kinder «bis zum gehfähigen Alter», wie es mancherorts heisst. Und: Ein Kinderplatz kostet rund 50 Franken pro Tag – und wird von den meisten Krankenkassen nicht übernommen. Inzwischen bieten einige Spitex- Organisationen und das Rote Kreuz Kinderbetreuungsdienste an. Doch vielen Kranken fehlt die Energie, sich auf die Suche nach einem solchen Angebot zu machen. Bei Yvonne B. übernahmen ihr Mann und eine Nachbarin die Organisation: Tagesmutter, Haushaltshilfe, Nachbarn und Freunde. Alle übernahmen während der Woche einen Teil und der Vater das Wochenende. 
Anzeige

3 Kommentare

Zugehörige Tags

Diesen Artikel kommentieren

Von Jean-Michel am 04.01.2017 23:21

Psychotherapeuten sollten mit den Bausteinen der systemischen Therapien befreundet sein. Wenn ein Patient leidet, leiden Angehōrige, besonders wenn sie abhängig sind wie Kinder, aber auch Behinderte und Partner, Sie sollten seit Anfang einer Therapie auch angehört werden und in die Behandlung einbezogen werden.
Dieser Artikel deutet mit Recht auf ein zu oft vermiedenes Einbeziehen des Umfeldes und ihre Folgen belasten gestern wie heute oft schwerwiegend die Zukunft der Nahestehenden, Kinder als erstes.

> Auf diesen Kommentar antworten
Von Alfred am 07.06.2016 08:01

Als ergänzung möchte ich noch dazu Sagen. Dass Alleistehende mit Haustieren genau so ergeht wie bei den Kindern. Beim Eintritt in die Klinik wurde nicht mal gefragt haben Sie Haustiere! Als ich Sie darauf Ansprach kam keine Antwort. Die Haustiere sind auch Lebewesen und können der Kranke Person sehr gut unterstutzend sein.

> Auf diesen Kommentar antworten
Von Stefanie am 06.06.2016 19:24

Ein wichtiger Beitrag, ich konnte in meinem letzten Beruf viele Kinder betreuen, die secundär oder primär von familierer Depresssion betroffen waren, es war eine schwere aber fantastische Arbeit. Erst mit meinem Berufswechsel und meinem Alter konnte ich die Reflexion machen, warum ich zu dieser Arbeit Fähigkeiten entwickelt konnte. Es sind dabei eine sehr hohe Sozialkompetenz und ein sehr frühes Verantwortung übernehmen die wichtigsten Komponenten. Kinder stark machen, das ist der Punkt, aus diesen starten Kindern werden dann auch, die starken Helfer.

> Auf diesen Kommentar antworten