Psychologie

Frau Schwager, wie schützt man Kinder vor sexuellem Missbrauch?

Die Psychotherapeutin Regula Schwager sagt, jedes dritte bis fünfte Mädchen werde im Laufe seiner Kindheit sexuell missbraucht. Die Co-Leiterin der Beratungsstelle Castagna über erschreckend hohe Opferzahlen, Traumafolgestörungen und die Frage, was Eltern tun können, um ihre Kinder vor sexuellem Missbrauch zu schützen. 
Interview: Evelin Hartmann
Bilder: Maurice Haas / 13 Photo
Ein unauffällig wirkendes Haus in der Zuürcher Universitätsstrasse vis-à-vis der Tramhaltestelle. Eine schmale Treppe führt in den zweiten Stock hinauf. Hier sollen Mädchen und Buben, Frauen und Männer Hilfe finden, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind. Ebenso wie Eltern, die sich fragen, ob ihrem Kind solches Leid zugefügt wird. Regula Schwager steht lächelnd am Eingang der Beratungsstelle Castagna und bittet wenig später, für dieses Gespräch auf einem Sofa Platz zu nehmen. 

Frau Schwager, ab wann spricht man von sexuellem Missbrauch? 

Sobald hinter einer Handlung sexuelle Absichten stecken. Wenn Sie Ihr Kind umarmen, weil sie es gernhaben, ist das kein Übergriff. Sobald diese Umarmung aber sexuell motiviert ist, entspricht das einer sexualisierten Grenzverletzung. Sexueller Missbrauch fängt dort an, wo man sich am Anblick eines Kindes erregt, dem Kind gegenüber Worte benutzt, die sexualisiert sind, ihm Pornofilme zeigt, vor dem Kind sexuelle Handlungen vollzieht, bis hin zu Penetration von Körperöffnungen des Buben oder Mädchens.

Viele Täter sagen, dass sie dem Kind nichts Böses tun, es keinen Schaden nimmt, weil es zum Teil gar nichts von ihren Absichten weiss. 

Die meisten Menschen, die Kinder missbrauchen, tun dies unter dem Deckmantel von Zuneigung und Zärtlichkeit. Die Behauptung, den Kindern dabei nicht zu schaden, ist eine kognitive Verzerrung, mit denen sich die tätlichen Personen erklären, um ihre Taten vor sich selbst zu rechtfertigen. Fakt ist, dass schon die minderschweren Taten für Kinder schädlich sind. Auch für kleine Kinder. Sie spüren, dass sich die Atmosphäre sexualisiert hat. «Und dann hat er auf einmal so schnell geatmet» ist ein Satz, den man von Opfern häufig hört. Kinder können dies anders als Erwachsene nicht einordnen, aber sie spüren die Veränderung beziehungsweise die Sexualisierung des Kontaktes. 
Regula Schwager ist Psychotherapeutin und Co-Leiterin der Beratungsstelle Castagna. Castagna berät sexuell ausgebeutete Kinder und Jugendliche oder Erwachsene, die in ihrer Kindheit missbraucht worden sind. www.castagna-zh.ch
Regula Schwager ist Psychotherapeutin und Co-Leiterin der Beratungsstelle Castagna. Castagna berät sexuell ausgebeutete Kinder und Jugendliche oder Erwachsene, die in ihrer Kindheit missbraucht worden sind. www.castagna-zh.ch

Wie viele Kinder werden hierzulande sexuell missbraucht?

Man geht davon aus, dass in Westeuropa jede dritte bis fünfte Frau und jeder sechste bis zehnte Mann als Kind missbraucht worden ist. Und wir müssen davon ausgehen, dass dies nicht die leichten, sondern die mittelschweren bis schweren Fälle sind. 
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So viele? Dann müsste jeder von uns ein bis mehrere Personen in seinem Umfeld kennen. 

Natürlich, aber wir wissen nicht, wer betroffen ist. Weil diejenigen nicht darüber sprechen können oder weil sie sich selbst nicht daran erinnern. Letzteres nennt man eine traumatische Amnesie. Das Erlebte, das nicht bewältigt werden kann, wird weggespalten. Es ist dann, als ob es nicht geschehen wäre. Viele Kinder können ihre traumatischen Erlebnisse nur auf diese Art überleben. 

Wie meinen Sie das? 

Über 90 Prozent der Kinder werden von einer nahen Bezugsperson missbraucht, vom Sporttrainer, vom Onkel, vom eigenen Vater. Die Kinder wollen den Täter schützen, ihre Lebenswelt erhalten, weil sie dem Täter auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind. Deshalb interpretieren sie diese Taten ganz anders, viele sagen sich: Das, was mir widerfährt, geschieht aus Liebe. Die Statistik zeigt, dass viele Täter sehr junge Kinder und sogar Kleinkinder sexuell ausbeuten: Über 50 Prozent aller Opfer sind unter zehn Jahre. Das überrascht nicht, wenn man bedenkt, dass gerade junge Kinder stark an ihre Bezugspersonen gebunden und somit von ihnen abhängig sind. Es sind die «perfekten Opfer». Sie reden nicht und sie sind extrem loyal gegenüber den Tätern. 

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