Arztbesuch

Rückenschmerzen bei Kindern und Jugendlichen

Immer mehr Kinder und Jugendliche klagen über Schmerzen im Nacken, an Schultern und der Wirbelsäule. Was gegen diese frühen Rückenschmerzen hilft.
Text: Claudia Füssler
Verspannungen im Nacken und an den Schultern, ein Gefühl von Steifheit auf Höhe der Brust oder ein dumpfer Schmerz unten an der Lendenwirbelsäule – längst haben sich Rückenschmerzen als «Volkskrankheit Nummer eins» einen Namen gemacht. Weniger bekannt ist, dass immer mehr Kinder und Jugendliche über solche Symptome klagen.
 
«Es gibt zwar keine evidenzbasierten Zahlen für die Schweiz», sagt Sylvia Willi, «doch ich habe auch den Eindruck, dass das zunimmt.» Praktisch täglich hat die Orthopädin an der Zürcher Schulthess Klinik mit jungen Patienten zu tun, denen das Kreuz weh tut. 

Die Schätzungen der Experten, wie viele Kinder und Jugendliche betroffen sind, variieren stark, im Mittel geht man von etwa einem Drittel aus. Zu diesem Ergebnis kommt unter anderem die europaweit grösste Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, KiGGS genannt, des deutschen Robert-Koch-Instituts. «Wir haben hier oft schon Sechs- und Siebenjährige sitzen, die unter Rückenschmerzen leiden, mit zunehmendem Alter werden es mehr», sagt Sylvia Willi. Mädchen seien häufiger betroffen als Buben.  

Warum aber sind die jugendlichen Rücken so schmerzgeplagt?

Mediziner haben da mehrere Verdächtige ins Visier genommen. Einer der ersten Kandidaten war der Schulthek: Kiloweise Gepäck, das fünfmal pro Woche in die Schule und zurück geschleppt werden muss, das kann doch nur zu Beschwerden im Kreuz führen, oder? Auch wenn heute noch immer einige Orthopäden dieser Meinung sind, ist der Schulthek von diesem Vorwurf doch weitgehend entlastet.

Weiter unter kritischer Beobachtung stehen einige andere Faktoren: seelische Belastungen oder Stress zum Beispiel, und – besonders naheliegend – mangelnde Bewegung. Dass ein Zusammenhang besteht zwischen langem Sitzen und Rückenschmerzen, haben inzwischen einige Studien belegen können. 
Mangelnde Bewegung ist Gift für den Rücken. 
«Fakt ist, dass die Kinder heute sicher eine sehr andere Alltagsbewegung haben als die Kinder vor zwanzig, dreissig Jahren», sagt Sylvia ­Willi. «Das liegt einerseits natürlich an der zu­nehmenden Digitalisierung und der für jeden verfügbaren Elektronik, andererseits aber auch am guten Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs.» 

Eine halbe Stunde Fussweg in die Schule oder am Nachmittag fünf Kilometer mit dem Rad zum Fussballtraining oder Klavierunterricht waren früher ganz selbstverständlich und weder Eltern noch Ärzte haben das als körperliche Bewegung eingestuft. 

Heute fallen bereits kürzere Strecken in die Kategorie «Sport». Dafür gehen bei vielen Kindern und Jugendlichen zusätzlich zur Sitzdauer in der Schule täglich zwei bis drei Stunden für Computerspiele und Fernsehen drauf – Zeit, die ihnen für Bewegung fehlt. Dabei muss es gar nicht zwingend ein «echter» Sport sein, sagt Willi. Es reiche völlig, sich mehrmals pro Woche ausserhalb der Schule intensiv zu bewegen – Abwechslung und Spass können dabei gerne im Vordergrund stehen.
 
Kinder, die Sport treiben möchten, suchen sich am besten eine Sportart aus, in der die Arme gefragt sind: Tanzen, Klettern, Volleyball, Handball oder ein Kampfsport zum Beispiel. «Da hat man mehr Körperspannung und Körpergefühl», sagt Willi, und der Rücken wird gut mit bewegt.

Sportarten wie Fussball oder Hockey sind nicht so rückenfreundlich, da die Spieler sich oft in einer geduckten Haltung befinden. Aber sie sind besser als keine Bewegung. «Ich rate generell dazu, gemeinsam mit den Kindern einen Sport zu finden, der ihnen Spass macht, denn nur so bleiben sie wirklich dran», sagt Willi.

Dehnen ist im Kinderalter besonders wichtig

Egal bei welchem Sport: Dehnen ist im Kindes- und Jugendalter besonders wichtig, da sich die Muskeln im Wachstum befinden. Verkürzen sich die Muskeln in dieser Phase, weil sie zu einseitig belastet werden, führt auch das wieder zu Schmerzen. 

Hilfreich sei, in Vereinen Sport zu treiben. Joggen gehen mit Mami, sagt Willi, sei zwar ein gut gemeinter Ansatz, funktioniere aber auf Dauer meist nicht. In Gruppen und mit Gleichaltrigen sei die Dynamik höher und die Motivation zum Weitermachen entsprechend stärker.
 
Genauso, wie sich zu wenig Bewegung auf die Rückengesundheit auswirken kann, ist das Wohlbefinden unserer Wirbelsäule und Rückenmuskulatur gefährdet, wenn Kinder ins andere Extrem umschlagen und ihrem Körper zu viel abverlangen, im Leistungssport etwa. 

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