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Familienleben

«Wie an einem Marathonlauf – aber ohne Aussicht auf Erholung»

Der Spagat zwischen Arbeit und Familie brachte unsere Autorin an den Rand ihrer Belastbarkeit. Seit sie sich aus der Abhängigkeit als Angestellte losgesagt hat, hat sie vor allem gewonnen: Zeit und Geld und Lebensqualität – inzwischen ist ihr drittes Baby zur Welt gekommen. 
Text: Sibylle Stillhart
Bild: Gabi Vogt / 13 Photo
Ich weiss nicht, was letztlich den Ausschlag gab. War es das Gespräch mit meiner Ärztin, das mir nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte? «Kümmern Sie sich allein um Ihre Kinder und den Haushalt oder werden Sie von Ihrem Mann unterstützt?», fragte sie während einer Routineuntersuchung. «Falls nicht – kündigen Sie Ihren Job und suchen Sie erst wieder eine Stelle, wenn Ihr jüngster Sohn in der Schule ist. Sonst fallen Sie irgendwann um vor lauter Erschöpfung.» Moment! Irgendwie hatte ich das Gefühl, etwas nicht richtig mitbekommen zu haben. «Ich? Zu Hause? Soll das etwa ein emanzipiertes Leben sein?», wollte ich sagen, doch ich schwieg. War denn meine jetzige Situation «emanzipiert»? Dieses Gehetze zwischen Kita und Büro? Diese Anspannung, die sich anfühlte wie bei einem Marathonlauf, aber ohne Aussicht auf Erholung? 

Einige Tage nach diesem Gespräch reichte ich die Kündigung ein. Vielleicht war es auch das Niveau im Büro, wo ich als Kommunikationsverantwortliche angestellt war: Mit dem neuen Chef sank dieses zusehends. Ich ärgerte mich, für einen Vorgesetzten zu arbeiten, der nicht imstande war, selbst eine Mail zu verfassen, aber darauf bestand, dass man ihn als Herrn Doktor ansprach. Als ich mich einmal mit ihm im Flur unterhielt, brach er das Gespräch abrupt ab, weil er zu einem Treffen mit «wichtigen Leuten» musste. Ganz Herr alter Schule, überreichte er mir seinen Füllfederhalter, bat mich, ihn zurück in sein Büro zu bringen. Natürlich gehorchte ich. Aber mal ehrlich: Würde er das auch von einem Mann verlangen? 
«Ich? Zu Hause? Soll das etwa ein emanzipiertes Leben sein?»
Sibylle Stillhart, Journalistin und Mutter von drei Kindern
Meine Bemühungen, Job und Familie unter einen Hut zu bringen, brachten mich zusehends an den Rand meiner Belastbarkeit. Ich fühlte mich zerrissen zwischen zwei Welten, die sich gegenseitig abstossen. Zudem hatte ich das Gefühl, weder meinen Kindern noch meinem Arbeitgeber gerecht zu werden – obwohl ich von früh bis spät auf den Beinen war. Das begann schon am Morgen, wenn ich nach neun Uhr ins Büro kam und von meinen Kollegen bloss genervte Blicke erntete. Denn es galt die unausgesprochene Regel: Der Erste im Büro ist der Fleissigste. Als Mutter zweier Kleinkinder war ich die ewige Verliererin in diesem Wettbewerb, an dem sich alle zu orientieren schienen. 

Meine Erinnerungen an diese Zeit sind noch sehr lebendig: Der Tag beginnt um halb sechs Uhr in der Früh. Um diese Zeit verlangt der dreijährige Sohn seinen Schoppen – so laut, dass auch sein kleiner Bruder wach wird. Ich haste todmüde in die Küche, wärme Milch, wickle das Baby, setze Kaffee auf, mache Frühstück. Um halb neun stehe ich mit den beiden Buben vor der Haustüre. Trotz Minustemperaturen bin ich nass geschwitzt, weil ich den Nuggi in der Wohnung vergessen habe und vorher noch die Playmobil- Pistole unter dem Bett hervorklauben musste. Die Wohnung sieht aus, als ob ein Wirbelsturm darin gewütet hätte: Das Frühstücksgeschirr liegt unter dem Tisch, tausend Playmobil-Teilchen sind auf dem Boden zerstreut. Endlich in der Kita, heult der Grosse. Ich tröste ihn und verspreche, ihn frühabends abzuholen. Mit einem klammen Gefühl verabschiede ich mich von meinen Kindern und renne zum Tram, das mich ins Büro bringt. 
«Als Mutter zweier Kleinkinder war ich die ewige Verliererin in diesem Wettbewerb, an dem sich alle zu orientieren schienen.» 
Sibylle Stillhart
Es ist nun fast vier Jahre her, seit ich mich aus der Abhängigkeit als angestellte Arbeitnehmerin befreit habe. Der Stress ist wie weggefegt. Heute arbeite ich als freischaffende Journalistin und Autorin, während die Kinder an zwei Tagen die Kita oder den Hort besuchen. Als Freiberuflerin habe ich nun die Freiheit, meine Arbeitszeit selbst einzuteilen: Was nicht nur mir, sondern der ganzen Familie zugutekommt. Ich kann problemlos darauf reagieren, wenn ein Kind krank wird, und es ist auch keine Katastrophe, dass meine mittlerweile schulpflichtigen Kinder 13 Wochen Ferien haben. Selbst mein Mann profitiert: Natürlich hat er nach wie vor ein schlechtes Gewissen, wenn er am Wochenende arbeiten muss oder der Bürotag bis weit in die Nacht dauert. Trotzdem hat sich unsere familiäre Situation inzwischen so entspannt, dass wir uns für ein drittes Kind entschieden haben – was ich als Angestellte niemals auf die Reihe gekriegt hätte. Baby Antonin ist vor einem Jahr auf die Welt gekommen. 

Ich verdiene heute viel weniger als früher. Doch seltsamerweise haben wir immer noch gleich viel Geld zur Verfügung wie zuvor: Die Steuern sind gesunken, ebenfalls die Betreuungskosten, die dem neuen Einkommen angepasst wurden. Geblieben ist die Ernüchterung: Erwerbstätige Mütter haben nicht die gleichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt wie erwerbstätige Väter. Ich staune, wie fleissig Mütter auf ihren Teilzeitjobs arbeiten – befördert wird dann aber doch der männliche Kollege. Selbst wenn Frauen in ihren Teilzeitpensen oft effizienter arbeiten, erhalten sie weniger Lohn und haben weniger Aufstiegsmöglichkeiten. Seit ich mich von meinem Arbeitgeber losgesagt habe, haben wir als Familie vor allem gewonnen: ein wunderbares Baby, Zeit, Geld und mein Buch, das inzwischen erschienen ist.

Dieser Text erschien innerhalb unseres Dossiers zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Lesen Sie alle Texte in unserer aktuellen Ausgabe. Sie können diese hier bestellen.

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2 Kommentare

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Von Diana am 01.12.2016 17:00

Ich kann mich nur anschliessen, an das was Muriel geschrieben hat. Ich bin schon seit 18 Jahren zu Hause tätig. Und an Arbeit fehlt es mir wirklich nicht. Ich bin alleinerziehende Mutter von zwei Jungs. Mein ältester hat das Down-Syndrom (18) und mein zweiter Sohn (15) leidet seit Geburt an Neurodermitis. Vor zwei Jahren hat er den grauen Star bekommen wegen der Anwendung von Kortison. Seit 6 Monaten leidet er zusätzlich unter Dysästhesie. Seit Jahren pflege ich meine beiden Kinder alleine und manchmal fühle ich mich erschöpft. Mein Ex-Mann interessiert sich nicht um die Kinder und hat sie seit Jahren nicht mehr besucht. Jedenfalls kommt es mir vor, als müsste ich mich ständig rechtfertigen, wenn ich jemanden antworte, dass ich nicht arbeiten gehe. Ich hätte auch gar keine Zeit, den mein zweiter Sohn liegt meistens zu Hause krank im Bett mit intensiven Schmerzen und kann sich kaum bewegen. (Leider hat noch keine Therapie wirklich geholfen.) Ich muss ihn zu seinen Therapien fahren, hole den Schulstoff mit ihm nach, muss speziell für ihn kochen etc wegen seiner Allergien. Ich habe auch öfters Sitzungen mit den Ärzten und Lehrer, aber leider keine Unterstützung von der IV. Mein ältester Sohn ist tagsüber in einer Werkstatt, aber morgens helfe ich ihm beim Frühstück machen, waschen, anziehen etc. Und abends braucht er auch meine Hilfe. Das bisschen Zeit, welches mir bleibt, brauche ich fürs Einkaufen, Putzen, Kochen, die Gartenarbeit etc. Ich kann gut auf Karriere und Ansehen verzichten, aber niemals auf die Zeit mit meinen Jungs. Ich wäre froh, wenn man die Mütter, die sich entscheiden zu Hause zu bleiben, mehr Ansehen schenken würde.

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Von Muriel am 14.11.2016 12:50

LEIDER wird aber das "Nicht-Erwerbstätig-Sein" als "NUR"- Zuhause -sein angesehen. Nach wie vor. Sobald ich 100% als Familien-Frau ARBEITE, werde ich eben als konservative, arme, gelangweilte Hausfrau angesehen.
Auch wenn ich sehr gebildet und gut ausgebildet bin (ZWEI Berufe), intelligent, interessiert, mich dazu entscheide, als Mutter Zuhause zu arbeiten.

Du hast so in der Gesellschaft Null Anerkennung.
Es heisst ja schliesslich: "Ich bin NUR zuhause". Auch wenn ich meine Kinder selber erziehen möchte, es wirklich genug zu tun gibt in der Familie, interessant ist nur wenn ich wieder 20% als Sozialpädagogin arbeite (auch wenn ich da nicht sehr viel anderes mache als Zuhause. Ok, es gibt Sitzungen!)

Mein Mann und ich sehen es von jeher so:
Wir arbeiten BEIDE 100%:

ER im Geschäft, ICH zuhause. Es ist auf jeden Fall UNSER Geld, das fifty, fifty auf beiden Konti landet.

Ja, es ist weniger Geld, als wenn ich auch erwerbstägig wäre: Aber die Entspannung zuhause, niemals Streit darüber, wer was macht, ZEIT haben ist uns die Lohn-Einbusse wert!

Und nein, mir ist nie langweilig. Es gibt immer was zu tun. Und es gibt immer jemanden zum Reden. Plus, ich habe Zeit, interessante Hobbies zu pflegen!
Luxus, viel mehr als Geld wert: ZEIT für ziemlich alles innerhalb der Familie!!

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