Wie fühlt es sich an, Eltern zu sein? Kann man diese Frage als Mutter beziehungsweise Vater überhaupt beantworten? Kann man die Liebe zu und von Kindern, ihre Lebensfreude, den sozialen Halt einer Familie mit Worten fassen – oder gar in Zahlen ausdrücken?
Anders sieht es mit den Begleiterscheinungen der Elternschaft aus. Man kann ausrechnen, wie viel es kostet, ein Kind bis zur Volljährigkeit grosszuziehen (rund eine halbe Million Franken). Zehn Jahre nach Geburt des ersten Kindes verdienen Mütter immer noch bis zu 70 Prozent weniger als kinderlose Frauen. Auch haben Eltern etwa 14 Stunden weniger Freizeit pro Woche als Kinderlose. Und dann leben rund 250 000 Kinder und Jugendliche in der Schweiz in getrennten oder geschiedenen Familien.
Eine Frau bringt in der Schweiz noch durchschnittlich 1,29 Kinder zur Welt.
Nimmt man diese greifbaren Fakten, verwundert es nicht, dass die Geburtenrate seit Jahren steil nach unten geht. Durchschnittlich 1,29 Kinder bringt eine Frau in der Schweiz heute noch zur Welt. Viele Paare haben gar keine Kinder mehr und die, die welche haben, bekommen immer weniger.
Ein Job, der Spass macht, eine glückliche Beziehung, Freunde – dies sind für Schweizerinnen und Schweizer heute die drei wichtigsten Dinge, um ein glückliches Leben zu führen. Die Familiengründung kommt erst auf Platz vier.
Was belastet Familien? Zehn Thesen
Sind die Rahmenbedingungen für Familien hierzulande heute wirklich so viel schlechter als noch vor 50 Jahren? Oder sind vielmehr die gesellschaftlichen Werte unserer Zeit schuld am negativen Familienbild? Setzen sie doch stark auf Selbstverwirklichung, Selbstoptimierung, Flexibilität und Immer-mehr-haben-Wollen – was nicht so recht zu Kindern passt, die eher Chaos, Verzicht, Kompromisse und Verbindlichkeit mit sich bringen.
Oder fehlt es schlicht an positiven Vorbildern? An Familien, die offen sagen: Ja, das ist alles super anstrengend – aber wir haben eben auch so unglaublich viele schöne, lustige, innige Momente mit den Kindern. Familie ist etwas sehr Sinnstiftendes jenseits aller rational-ökonomischen Überlegungen.
Wir haben mit Expertinnen und Experten sowie mit Familien zusammen zehn Thesen aufgestellt, um zu prüfen, was Familien belastet. Wo wäre mehr Unterstützung von Arbeitgebern, von der Politik, aber auch von der Gesellschaft angebracht? Und wo machen sich Eltern selbst das Leben unnötig schwer, weil sie sich zu stark mit anderen vergleichen – und zu wenig Mut haben, ihren eigenen, unperfekten, bunten Weg als Familie zu gehen?
1. Familien sind heute stärker finanziell belastet als noch vor 50 Jahren
Fast die Hälfte aller Familien in der Schweiz kämpft mit einem knappen Budget, verzichtet auf Ferien, Restaurantbesuche oder Freizeitaktivitäten und kann nicht sparen. Als besonders belastend nennen sie die hohen Krankenkassenprämien sowie die steigenden Lebenshaltungskosten.
Das sind die zentralen Ergebnisse des aktuellen Schweizer Familienbarometers 2026. Pro Familia, der Dachverband der Familienorganisationen, gibt diese repräsentative Studie seit 2023 jährlich in Auftrag. «Man muss dazu allerdings wissen, dass das subjektive Wahrnehmungen sind. Wir fragen die Familien, wie sie ihre Situation empfinden, wo der Druck im Alltag spürbar wird. Wir erheben jedoch nicht, wie viel Geld tatsächlich da ist», sagt Eva-Maria Kaufmann Rochereau, Direktorin von Pro Familia Schweiz.
Früher war es normal, dass ein Einkommen für ein eigenes Haus, ein Auto und mehrere Ferien pro Jahr gereicht hat.
Philipp Frei, Budgetberatung Schweiz
Solche objektiven Daten finden sich beim Bundesamt für Statistik. Sie zeigen: Am meisten Einkommen haben Paare ohne Kinder, am wenigsten Ein-Eltern-Haushalte. Je mehr Kinder da sind, umso knapper wird das Geld. Mit dem Älterwerden der Kinder steigt das Einkommen wieder, weil beide Eltern wieder mehr arbeiten. Hinzu kommen grosse finanzielle Unterschiede innerhalb der Bevölkerung sowie auch je nach Wohnort. An all diesen Faktoren hat sich in den letzten Jahren nichts grundlegend geändert.
«Es ist aber schon so, dass Familien überdurchschnittlich von den gestiegenen Gesundheitskosten betroffen sind, weil sie diese pro Kopf tragen. Und auch die gestiegenen Wohnkosten schlagen mehr durch, weil eine fünfköpfige Familie einfach mehr Platz braucht als ein Zwei-Personen-Haushalt», sagt Philipp Frei, Geschäftsführer bei Budgetberatung Schweiz.

Trennungen belasten Familien finanziell
Da die Löhne mit diesen Teuerungen nicht Schritt gehalten haben, bleibt Familien also tatsächlich weniger Geld als noch vor einigen Jahren. «Hinzu kommt die hohe Zahl an Trennungen. Sie belasten betroffene Familien finanziell sehr stark, weil sich viele ihrer Ausgaben dadurch verdoppeln», so Philipp Frei.
Das alles führt dazu, dass Frei in seinen Beratungen Familien immer häufiger damit konfrontieren muss, ihre Vorstellungen eines Lebensstandards, den sie aus der eigenen Kindheit kennen, zu überdenken. «Da war es ja oft normal, dass ein Einkommen gereicht hat für ein eigenes Haus, ein Auto und mehrere Ferien pro Jahr», sagt Philipp Frei. Könne man dies den eigenen Kindern heute so nicht mehr bieten, fühle sich das für viele Familien nach einem sozialen Abstieg an.
Verstärkt wird dieses Gefühl durch den fehlenden offenen Umgang damit. «In der Schweiz spricht man ungern über Geld. Und schon gar nicht über Geldprobleme. Es wird alles getan, um den Schein zu wahren. Ich hatte neulich mit Eltern zu tun, die einen Kredit aufgenommen haben, um einen Kindergeburtstag so ausrichten zu können, wie sie es für angemessen hielten», sagt Philipp Frei.
Was aber ist angemessen? Der Ausflug mit zehn Kindern in den Trampolinpark und zum Pizzaessen, den die Doppelverdiener-Eltern mit einem Kind ausrichten? Oder die Schatzsuche zu Hause, die es bei der sechsköpfigen Patchworkfamilie gibt?
«Wir haben es heute mit sehr grossen Divergenzen zwischen den Familien zu tun, also kommt man zwangsläufig stärker ins Vergleichen als früher», sagt Annette Cina, Psychologin und Familienberaterin. Zudem beobachtet sie, dass die Begehrlichkeiten durch das riesige Angebot an Freizeitmöglichkeiten, Klamotten, Hobbys und Reisen gewachsen sind.
«Durch das Handy haben wir all das stets vor Augen. Und wir Menschen sind nun mal so gestrickt, dass wir ungern verzichten, uns stets nach oben vergleichen und mehr haben wollen», sagt Annette Cina.
Mit mehreren Kindern nimmt der Druck zu
Zusammengefasst bedeutet das: Nimmt man die heute in der Schweiz sehr weit verbreitete Familienkonstellation Vater, Mutter, ein Kind und zwei Einkommen, so ist deren ökonomische Situation in aller Regel sehr viel besser, als das bei einer Familie vor 50 Jahren der Fall war, die oft noch von einem Einkommen lebte und mehr Kinder hatte als heute.
Sobald mehrere Kinder in einem Haushalt sind oder es um Ein-Eltern-Haushalte geht, sorgen die gestiegenen Lebenshaltungskosten dafür, dass der reale oder empfundene Kostendruck zunimmt – und auch mal auf Dinge verzichtet werden muss. «Und das führt durchaus dazu, dass immer mehr Menschen sagen, sie wollten keine oder keine weiteren Kinder mehr», sagt Philipp Frei.
2. Eltern arbeiten mehr als früher
Noch in den 1960er-Jahren war Hausfrau ein Vollzeitjob. «Eine Mutter von drei Kindern hatte damals so viele Arbeitsstunden und einen so hohen Kalorienverbrauch wie ein Stahlarbeiter in der Metallindustrie», weiss der Soziologe Hans Bertram. Erst der Innovationsschub bei den Haushaltsgeräten ab den 1970er-Jahren habe überhaupt dazu geführt, dass Frauen Zeit gefunden hätten, einer anderen Arbeit nachzugehen – und diese Erwerbsarbeit wird seitdem jedes Jahr mehr.
«Wir sehen bei Frauen mit Kindern eine drastische Erhöhung der Wochenarbeitszeit von 8,6 Stunden im Jahr 1997 auf 17,9 Stunden im Jahr 2020», sagt Petra Tipaldi vom Gottlieb-Duttweiler-Institut. Die Wirtschaftswissenschaftlerin hat dort im Jahr 2024 die Studie «Schweizer Familien zwischen Tradition und Transformation» verfasst.

Die Erwerbsarbeitszeit von Männern sei im gleichen Zeitraum nicht wesentlich gesunken. Gemeinsam leisten Eltern hier also deutlich mehr bezahlte Arbeitsstunden als früher. Zwar können heute Aufgaben wie die Kinderbetreuung oder die Pflege von Angehörigen oft an externe Dienstleister ausgelagert werden. Die Hauptverantwortung bleibt trotzdem in der Familie.
Spülmaschinen, Waschmaschinen, der Thermomix oder Staubsaugerroboter haben zwar dafür gesorgt, dass die Hausarbeit leichter geworden ist – von allein macht sie sich dennoch nicht. «Und wer nutzt schon die Zeit, während eine Spülmaschine läuft, um eine Pause zu machen? Wir erledigen währenddessen eben andere Aufgaben, denn bei Haushalt und Care-Arbeiten gibt es immer etwas zu tun», sagt Annette Cina.
Berufsleben ist anspruchsvoller geworden
Dadurch belastet sind vor allem die Frauen. Dem Bundesamt für Statistik zufolge kommen sie über alle Haushalte hinweg auf durchschnittlich 32,4 Stunden Haus- und Familienarbeit pro Woche. Bei Männern sind es 22 Stunden.
Nun haben Eltern schon immer viel gearbeitet, weil sie nicht nur für sich, sondern auch für ihre Kinder sorgen müssen. Und eine Bauernfamilie kam auch früher schon nicht mit einer 40-Stunden-Woche aus – aber sie hatte über den Winter wenigstens mal ein paar ruhige Monate.
Familien mit klaren Rollenaufteilungen sind zufriedener.
Annette Cina, Psychotherapeutin
«Heute ist das Berufsleben in vielen Bereichen anspruchsvoller und stressiger geworden. Das liegt am höheren Arbeitstempo und an der ständigen Erreichbarkeit», sagt Annette Cina. Alles müsse inzwischen schnell und vieles möglichst gleichzeitig passieren. «Und das ist etwas, was unser Gehirn eigentlich gar nicht mag. Denn es ist so aufgebaut, dass es eine Aufgabe nach der anderen abarbeiten möchte und dazwischen auch immer mal wieder eine Pause braucht», so Cina weiter.
Hinzu kommt, dass heute viele Mütter und Väter weite Strecken zu ihrem Arbeitsplatz pendeln – oft auch, weil der Wohnraum in der Stadt, wo viele einen Job finden, teurer ist als auf dem Land. «Wenn das dann auf beide Elternteile zutrifft und davor auch noch mehrere Kinder in verschiedene Betreuungseinrichtungen gebracht werden müssen, dann kosten diese Wege sehr viel Zeit. Viele unterschätzen das», sagt Hans Bertram.
3. Familien und ihr soziales Umfeld werden immer kleiner
Drei Generationen, die harmonisch unter einem Dach leben und sich gegenseitig unterstützen: Diese Sehnsucht nach der früheren Grossfamilie keimt heute in Eltern gern auf, wenn sie merken, wo sie bei der Kinderbetreuung oder bei ihren Arbeitszeiten an Grenzen stossen.
Nur: «Dieser Mythos der Grossfamilie stimmt so gar nicht», sagt der Psychologe Guy Bodenmann. Bis ins 19. Jahrhundert hinein haben Seuchen, Hungersnöte, mangelnde Hygiene, Kriege, Krankheiten oder Armut dafür gesorgt, dass die Familien recht klein waren. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts waren überhaupt Grossfamilien möglich. Weit verbreitet waren sie in Europa dennoch nicht.
Trotzdem nimmt die Grösse einer durchschnittlichen Schweizer Familie seit Jahren stetig ab, weil Frauen immer weniger Kinder bekommen. Das führt nicht nur dazu, dass inzwischen 41 Prozent der Kinder als Einzelkinder aufwachsen und 42 Prozent nur eine Schwester oder einen Bruder haben. Über die Jahre schrumpfen so die ganzen familiären Strukturen zu dem zusammen, was die Entwicklungspsychologin Pasqualina Perrig-Chiello als «Bohnenstangenfamilien» bezeichnet.
«1950 hatte eine Frau in der Schweiz durchschnittlich 49 Verwandte. Heute sind es bei der gleichen Frau nur noch halb so viele», nennt Petra Tipaldi die eindrücklichen Zahlen dazu. So sind dann stetig weniger Tanten oder Cousins da, die mal eben auf ein Kind aufpassen könnten. Und die Grosseltern wohnen oft nicht in der Nähe. «Das ist insbesondere bei Akademikerhaushalten der Fall, die jobbedingt in eine grössere Stadt oder ins Ausland umgezogen sind, weil beide Karriere machen wollen. Genau diese Familien bräuchten die Unterstützung aber oft am dringendsten», sagt die Soziologin Katja Rost.
Ein Drittel aller Kinder wird von Grosseltern betreut
Doch selbst wer die Grosseltern in der Nähe wohnen hat, kann nicht mehr zwingend auf deren Hilfe setzen. «Die Frauen, die heute Oma werden, haben ja selbst meist einen Beruf gelernt und arbeiten oft noch. Hinzu kommt, dass sich das Rentenalter immer mehr nach hinten verschiebt», sagt Hans Bertram. Oder aber die Kinder werden heute so spät selbst Eltern, dass ihre eigenen Eltern schon pflegebedürftig sind oder gar nicht mehr leben.
Trotzdem stehen die Schweizerinnen und Schweizer bei der Betreuung durch Grosseltern im europäischen Vergleich noch sehr gut da. Ein Drittel aller Kinder unter 13 Jahren wird hierzulande regelmässig von den Grosseltern betreut. Bei Kleinkindern bis drei Jahren ist es sogar fast die Hälfte.
Die vielen Möglichkeiten zur Lebensgestaltung können auch verunsichern und überfordern.
Pasqualina Perrig-Chiello, Entwicklungspsychologin
Dem Bundesamt für Statistik zufolge ist dieser Wert deutlich höher als in anderen europäischen Ländern (Deutschland und Frankreich maximal 10 Prozent). Und wer die Grosseltern in der Nähe hat, profitiert in aller Regel von einer immensen Unterstützung: Rund 157 Millionen Stunden pro Jahr passen die Grosseltern hierzulande auf ihre Enkel auf.
Diese Zahlen zeigen: Können Familien nicht auf ihre Grosseltern zurückgreifen, brauchen sie umso dringender alternative soziale Unterstützungsangebote. Der Soziologe Norbert F. Schneider plädiert stark für lokale Netzwerke in der Nachbarschaft oder im Freundeskreis. Anders als bei der Verwandtschaft muss man solche «Caring Communities» aber aktiv und kreativ aufbauen. «Durch unsere Mobilität und durch die sozialen Medien ist es zumindest sehr viel einfacher geworden, dies zu tun», findet Pasqualina Perrig-Chiello.

4. Die Arbeitsverteilung zwischen den Elternteilen bleibt ungleich – obwohl sich Väter immer stärker einbringen
«Die gleichberechtigte Aufteilung von Hausarbeit, Kinderbetreuung und Erwerbsarbeit ist die Idealvorstellung von vielen Familien, die wir befragt haben», sagt Petra Tipaldi. Insbesondere bei der Kinderbetreuung, aber auch bei der Hausarbeit zeigen die Zahlen, dass sich die Männer immer stärker einbringen, aber dennoch nach wie vor deutlich weniger machen als die Frauen – weil sie meist Vollzeit arbeiten oder ihr Pensum maximal auf 80 Prozent reduzieren und so den Hauptverdienst für die Familie einbringen.
«Für eine Familie hat man einfach auch eine finanzielle Verantwortung. Und weil Frauen sehr oft in sozialen Berufen arbeiten, die nicht so gut bezahlt sind, ist diese Aufgabenverteilung durchaus zweckrational», sagt Soziologe Hans Bertram.
Aber: Ist eine egalitäre Aufteilung aller Aufgaben in einer Familie überhaupt erstrebenswert? «Wir wissen aus Studien, dass Familien mit klaren Rollenaufteilungen zufriedener sind. Das scheint schlicht den Stress zu reduzieren», sagt Annette Cina.
Denn je mehr Verantwortungen gemeinsam übernommen werden, umso mehr Absprachen sind nötig – sei es bei beruflichen Terminen, bei der Betreuung und Erziehung der Kinder oder bei Hausarbeiten. «Als Gesellschaft sind wir überhaupt nur so weit gekommen, weil wir eine Arbeitsteilung haben. Jedes Unternehmen organisiert sich heute so, dass es klare Zuständigkeiten gibt, weil das einfach sehr effizient ist und darüber hinaus Konflikte vermeidet», sagt Katja Rost.
Klar geregelte Zuständigkeiten in der Familie
Viele Familien dagegen würden heute ständig versuchen, alles auszubalancieren und abzusprechen. «Das aber kostet sehr viel Zeit und Energie», so Soziologin Rost. Zudem stelle sich in der Regel eine ständige Unzufriedenheit ein – weil man zwar für alles zuständig sei, aber zeitlich bedingt dadurch auch alles nur mit Abstrichen erledigen könne.
Hinzu komme, dass der Partner dann manchmal auch noch andere Vorstellungen als man selbst davon habe, wie er oder sie die Aufgaben erledigen würde. Auch Annette Cina plädiert für klar geregelte Zuständigkeiten in Familien, um Stress zu reduzieren: «Ob das nun die klassische Rollenverteilung ist oder ein anderes Modell, das kann und soll jedes Paar für sich entscheiden.»
5. Die Vielzahl der Lebensmodelle und Erziehungsstile sorgt für Unsicherheit
«Familie. Wer gehört da eigentlich dazu?», fragen sich der Soziologe Norbert F. Schneider sowie die Psychotherapeutin Maria M. Bellinger in ihrem Buch «Mut tut gut» über die Herausforderungen moderner Elternschaft.
Sie kommen zum Schluss, dass Familien einerseits nach wie vor von aussen durch Gesetze, kulturelle Normen und gesellschaftliche Erwartungen geformt werden. So erfasst die offizielle Statistik eine Familie beispielsweise nur dann als solche, wenn sie auch gemeinsam in einem Haushalt lebt. Andererseits wird Familie heute individuell vor allem auch so gelebt, wie sich die Menschen verbunden fühlen.
Früher musste man sich allzu oft an strikten gesellschaftlichen Normen orientieren.
Pasqualina Perrig-Chiello, Entwicklungspsychologin
«Wir leben in einer Zeit, in der jeder seinen eigenen Lebensentwurf, seine eigene Beziehungsdefinition und seine persönliche Beziehungsgestaltung machen kann», sagt Guy Bodenmann. Der getrennt lebende leibliche Vater kann dadurch genauso zur Familie gehören wie die mit im Haushalt lebenden Patchworkgeschwister.
«Durch all diese Freiheiten muss sich heute zum Glück keiner mehr in ein vorgegebenes Korsett pressen. Früher musste man sich allzu oft an strikten gesellschaftlichen Normen orientieren. Diese starke Fremdbestimmung hat zu viel Unzufriedenheit geführt», sagt Pasqualina Perrig-Chiello.
Aus traditionellen Mustern auszubrechen, ist anstrengend
Aber sind Familien mit all den Freiheiten, die sie heute haben, wirklich zufriedener? «Die vielen Möglichkeiten bringen die Verantwortung mit sich, dass ich mich entscheiden und mein Leben dann auch danach ausgestalten muss. Das kann verunsichern, überfordern und mit dem steten Gefühl einhergehen, etwas zu verpassen», sagt Pasqualina Perrig-Chiello.
Vielleicht wäre man ja auch glücklicher, wenn man sich wie die Nachbarsfamilie trennen würde? Oder wie der Studienfreund statt in einer Familie einfach dauerhaft in einer Wohngemeinschaft leben würde? Oder sich als Vater Vollzeit um Kinder und Haushalt kümmern würde?
Wer aus den traditionellen Familienmustern ausbricht, merkt Petra Tipaldi zufolge schnell, dass das vor allem eins ist: anstrengend. «Wer seine eigene familiäre Rolle anders lebt oder sich auch den Kindern gegenüber in der Erziehung anders verhält, als das bislang in der Gesellschaft üblich war, dem fehlen schlicht auch die neuronalen Shortcuts und Automatismen.»
Ähnlich wie ein Kind, welches das Schreiben neu lernt, muss das Gehirn erst einmal viel Mühe aufbringen, um neue Vernetzungen aufzubauen und alte Glaubenssätze aufzulösen. So dauert es beispielsweise rund fünf Jahre, bis eine Patchworkfamilie stabil zusammengewachsen ist.
Es kommt auf die Erwartungshaltung an
«Mit dem neu entstandenen Familienmodell ist man dann auch nicht zwingend glücklicher, weil man seine Kinder vielleicht nicht mehr so oft sieht oder neue Konfliktlinien entstanden sind», sagt Katja Rost. Und egal, für welches Familienmodell man sich entscheidet: «Am Ende kommt es auch auf die eigene Erwartungshaltung an», so Rost.
Hier hätten es frühere Generationen oft einfacher gehabt, weil eben klar war, dass eine Ehe vorwiegend der Versorgung diene und auch aus Gründen der Vernunft aufrechterhalten wurde. «Heute erwartet dagegen jeder die grosse, romantische Liebe bis ans Lebensende. Das ist vielleicht auch ein zu stark idealisiertes Ziel», findet Katja Rost.
Es ist ganz normal, dass man die klassischen Lebensformen infrage stellt.
Hans Bertram, Soziologe
Zumal die Lebenserwartung der Menschen stetig steigt. Wer früher mit 17 Jahren jemanden kennengelernt hat, hat geheiratet, Kinder bekommen – und ist recht früh gestorben. «Wenn wir heute mit 17 jemanden kennenlernen, ist das meist nicht die Person, mit der wir Kinder bekommen, denn das passiert ja mehr als zehn Jahre später», sagt Hans Bertram.
Neu seien für Paare auch die sehr vielen Jahre, die sie nach dem Auszug der Kinder noch gemeinsam verbringen würden. «Wenn sich solche neuen Lebensperspektiven ergeben, ist es ganz normal, dass man die klassischen Lebensformen infrage stellt», sagt Hans Bertram. Da es aber noch an Vorbildern fehle, wie das alles zu meistern sei, entstehe eine grosse Unsicherheit.
6. Keine Generation zuvor hat mit so vielen Parallelbelastungen gelebt
«Eltern haben heute eigene Kinder zu versorgen, sind berufstätig und betreuen häufig noch betagte Familienangehörige», sagt Guy Bodenmann. Entstanden ist dieses neuere Phänomen der «Sandwich-Generation» durch die immer spätere Elternschaft insbesondere von Akademikerinnen und Akademikern, die doppelte Berufstätigkeit sowie die stetig steigende Lebenserwartung.
Die Folgen sind weitreichend: «Erwachsene mittleren Alters sind heute hochbelastet», sagt Guy Bodenmann. In der Familienstudie des Gottlieb-Duttweiler-Instituts gaben 34 Prozent der befragten Eltern an, ihrer Familie aufgrund dieser Parallelbelastungen nicht mehr gerecht werden zu können.

Interessant dabei: Die Bereitschaft, mehr Care-Arbeit an externe Dienstleister auszulagern, ist eher gering. «Nannys, Babysitter, Haushaltshilfen, sie alle geniessen bei Eltern recht wenig Akzeptanz. Diese wollen das meiste selbst machen», sagt Petra Tipaldi.
Etwas höher sei die Bereitschaft, sich bei der Pflege von betagten Familienmitgliedern unterstützen zu lassen. Das wird aber meist auch erst dann initiiert, wenn es gar nicht mehr anders geht. «Ich habe neulich eine 73-jährige Tochter getroffen, die ihre 93-jährige Mutter ins Pflegeheim geben musste, weil sie die Pflege nicht mehr geschafft hat. Das hat ihr fast das Herz gebrochen», erzählt Hans Bertram.
Flexibel zwischen Familien- und Karrierephasen wechseln
In einer weiter alternden Gesellschaft werden solche Geschichten zunehmen. «So, wie unser Arbeitsleben und unser Familienleben derzeit organisiert sind, entstehen da eigentlich unlösbare Situationen», sagt Hans Bertram. Er sieht auch nicht, dass Politik und Wissenschaft für diese Herausforderungen Lösungen anbieten, vielmehr erlebe er diese Akteure als «ziemlich sprachlos».
Ähnlich beurteilt er das fehlende Bewusstsein vieler Arbeitgeber. «Früher hat man meist in der Mitte des Arbeitslebens Karriere gemacht. Dort bekommen heute Frauen aber oft erst ihre Kinder, zudem werden die Eltern langsam pflegebedürftig. Wir bräuchten heute ganz andere berufliche Lebensläufe», sagt Hans Bertram.
Damit Mitarbeitende flexibel zwischen Familien- und Karrierephasen wechseln können, plädiert Petra Tipaldi für eine Lebensarbeitszeit. «Ausserdem müssen die Karrierechancen für Menschen über 40 stärker gefördert werden.»
Vielleicht sollten die Menschen einfach wieder früher Kinder bekommen.
Katja Rost, Soziologin
Eine andere Möglichkeit: «Vielleicht sollten die Menschen einfach wieder früher Kinder bekommen, während ihrer Ausbildung oder während des Studiums», schlägt Katja Rost vor. In diesem Alter sei man meist auch noch flexibler, komme mit weniger Schlaf aus, könne besser mit Belastungen umgehen – und habe vor allem noch weniger hohe Ansprüche an alles.
Und wenn im Berufsleben wichtige Karriereschritte anstünden, seien die Kinder schon älter und liessen sich leichter betreuen. «Auch Rollenbilder haben sich noch nicht so verfestigt. Jüngere Paare leben oft automatisch gleichberechtigter und müssen das nicht später erst wieder mühsam ausdiskutieren», so die Soziologin.
7. Das Auslagern von Care-Arbeit hat Grenzen
31 Stunden pro Woche: Nie zuvor haben Eltern so viel Zeit mit der Kinderbetreuung verbracht wie heute. Noch in den 1970er-Jahren, als deutlich weniger Frauen berufstätig waren und es weniger Kitaplätze gab, waren es lediglich 15 Stunden, so eine Studie des Beratungsbüros BSS aus dem Jahr 2024.
Was zeigt: «Betreuung kann man nicht beliebig an externe Dienstleister abgeben. Am offensichtlichsten sind die infrastrukturellen, örtlichen und finanziellen Gründe», sagt Pasqualina Perrig-Chiello. Laut dem Familienbarometer gehören die Kinderbetreuungskosten zu den grössten finanziellen Belastungen von Familien. «Oft sind sie so hoch, dass sich eine doppelte Berufstätigkeit der Eltern nicht lohnt, weil ein Gehalt dafür draufgeht. Das belastet viele Familien stark», sagt Eva-Maria Kaufmann Rochereau.
Aber selbst wenn es überall flächendeckend eine sehr flexible oder sogar kostenlose Kinderbetreuung geben würde, blieben immer noch die kulturellen und emotionalen Grenzen. «In der italienischen Schweiz gibt man die Mutter einfach nicht ins Altersheim», sagt Pasqualina Perrig-Chiello.
Auch kann keine Einrichtung den Eltern die Erziehung ihrer Kinder abnehmen – selbst wenn sie personell wie zeitlich dafür rund um die Uhr parat stehen würde: «Man wird ja nicht Eltern, um die sozialen Beziehungen zu seinen Kindern oder zu anderen Familienangehörigen komplett aus der Hand zu geben», sagt Hans Bertram.
8. Die Erwerbsarbeit ist noch nicht so flexibel möglich, wie das der Familienalltag erfordern würde
Neu-Eltern sind oft überzeugt: Sobald das Kind in die Kita geht, können sie in dieser Zeit arbeiten. Was viele nicht bedenken: Dass so ein Kind wirklich viel krank sein kann. Dass die Erzieherinnen krank sind. Dass berufliche Termine sich nicht immer an die Öffnungszeiten von Kitas halten. Kurz: Dass so ein Familienalltag ziemlich unvorhersehbar ist.
Eine externe Kinderbetreuung vermittle einem zwar das Gefühl, beruflich flexibel zu sein, findet Annette Cina. «Tatsächlich ist das aber eben überhaupt nicht so, weshalb ich auf jeden Fall private, soziale Helfer brauche.» Denn Grosseltern sind auch dann da, wenn die Kinder krank sind, ein wichtiges Meeting um 16 Uhr ansteht oder im Pflegeberuf aufgrund von Personalmangel eine Extraschicht anfällt.
Viele kommen heute nicht mehr zur Ruhe.
Guy Bodenmann, Psychologe
«Neben der persönlichen Flexibilität spielen aber auch die Frei- und Gestaltungsräume am Arbeitsplatz eine grosse Rolle», sagt Guy Bodenmann. Mit oft grosszügigen Homeoffice-Regelungen hat sich hier in den letzten Jahren in vielen Branchen und Firmen die Situation für Familien vereinfacht. Allerdings erfordern viele Berufe eben eine Anwesenheit am Arbeitsplatz. «Und das sind oft ausgerechnet die Jobs, in denen weniger verdient wird», sagt Philipp Frei.
Die Folge: Diese Menschen müssen meist mehr Stunden arbeiten, zu den Arbeitszeiten addieren sich noch die Fahrzeiten. Und schon kommen die externen Betreuungsmöglichkeiten an ihre Grenzen – zumal hierfür auch noch hohe Kosten anfallen.
Es überrascht daher nicht, dass rund 30 Prozent der Eltern, die im Familienbarometer angeben, unter belastendem Druck zu stehen, als Hauptursache weiterhin die Herausforderung nennen, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren. Helfen würde ihnen der Umfrage zufolge vor allem, wenn Unternehmen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mehr Spielraum bei der Einteilung von Arbeitszeiten geben würden.

9. Auf den Alltagsstress folgt in vielen Familien der Freizeitstress
Für jede dritte Familie wären mehr freie Zeit und weniger Stress die wichtigsten Faktoren für ein besseres Familienleben. So lautet eines der zentralen Ergebnisse des aktuellen Familienbarometers. Nun ist es aber auch so, dass die Schweizer Bevölkerung laut dem Gottlieb-Duttweiler-Institut so viel freie Zeit hat wie nie zuvor in den vergangenen 150 Jahren.
Vielleicht wird diese freie Zeit also auch nicht so genutzt, wie es Guy Bodenmann als Ausgleich zu einem stressiger gewordenen Arbeitsalltag empfiehlt: für Musse und Entspannung. Der Psychologe beobachtet: «Viele kommen heute nicht mehr zur Ruhe. Zu viele Aktivitäten oder der immer mehr auch in der Freizeit aufkommende Leistungsdruck schmälern das regenerative Potenzial der freien Zeit.»
Der 80-jährige Hans Bertram erzählt, wie er die freie Zeit nach der Schule früher verbracht hat. «Wir waren nachmittags immer draussen und keinen Erwachsenen hat es interessiert, was wir gemacht haben.» Heute dagegen spielen Kinder in der Schweiz durchschnittlich noch 47 Minuten täglich draussen – und davon nur eine knappe halbe Stunde ohne Aufsicht.
Das ist das Ergebnis einer Umfrage zum Freizeitverhalten von Kindern, welche die Stiftung Pro Juventute im Jahr 2016 veröffentlich hat. Jedes sechste Kind hatte an den Tagen der Internetbefragung gar nicht draussen gespielt und insgesamt 20 Prozent nur unter Aufsicht.
Eltern wissen Kinder gern unter Aufsicht
Stattdessen hat inzwischen fast jedes Kind mindestens ein, meist mehrere Hobbys. Für viele Eltern bedeutet das am Nachmittag: das Kind zum Ballettunterricht kutschieren. Auf dem Sportplatz warten, bis das Fussballtraining vorbei ist. Beim Kinderturnen Geräte auf- oder abbauen. Entspannung kommt dabei erfahrungsgemäss nicht unbedingt auf.
«Nun machen das die Eltern ja aus der besten Motivation heraus. Und es ist auch gar nicht so einfach, als Familie zu sagen, wir machen da weniger, wenn andere Eltern es auch ermöglichen», findet Petra Tipaldi. Und auch Hans Bertram kann verstehen, dass viele Eltern heute einen sehr fürsorglichen Umgang mit ihren Kindern haben und sie gern unter Aufsicht wissen – auch deshalb, weil sich die Rahmenbedingungen durch Handys und Internet stark verändert haben.
«Selbst zu Hause kann ich ein Kind ja nicht mehr vor all den Gefahren schützen, die das Internet mit sich bringt. Da ist es nachvollziehbar, dass das Gefühl entsteht, die Kinder bei Freizeitaktivitäten ausser Haus betreut zu wissen.»
Für Entspannung sorgen könnte seiner Meinung nach eine bessere Verzahnung von Schule und Freizeitaktivitäten. «Wenn Angebote wie Sportvereine oder Musikschulen örtlich auch dort angesiedelt wären, müssten die Eltern nicht Taxi spielen», sagt Hans Bertram.
Für Eva-Maria Kaufmann Rochereau hätte dies noch einen weiteren Vorteil: «Dann wären auch die sozialen Unterschiede nicht mehr so gross, wer seinem Kind was bieten kann. Denn auch die Tatsache, bei den Freizeitaktivitäten nicht mithalten zu können, sorgt besonders bei finanziell schwächer gestellten Familien für Stress.»
Durchschnittlich zahlen Schweizer Eltern für die ausserschulischen Aktivitäten ihrer Kinder monatlich 114 Franken. Allerdings sitzt auch in jeder Schulklasse im Schnitt ein Kind, dessen Eltern dieses Geld nicht haben: Dem Bundesamt für Statistik zufolge kann in der Schweiz jedes zwanzigste Kind keinem Hobby nachgehen, welches mit Kosten verbunden ist.
10. Die familienpolitische Unterstützung ist unzureichend
Das Familienbarometer 2026 zeigt Eva-Maria Kaufmann Rochereau zufolge ganz klar: Familien wünschen sich finanzielle Entlastung bei den Gesundheitsprämien, bei den Steuern und bei den Betreuungsleistungen.
«Hinzu kommt, dass Modelle und Förderungen je nach Kanton sehr unterschiedlich sind. Wünschenswert wäre hier ein stärker abgestimmter Ansatz», so Kaufmann Rochereau. So gibt es Philipp Frei zufolge in manchen Kantonen bereits sogenannte Familienergänzungsleistungen.

Blickt man auf verschiedene Statistiken des Bundesamtes für Statistik, hinkt die Schweiz bei den familienpolitischen Leistungen im Vergleich zu anderen europäischen Ländern tatsächlich weit hinterher. So lagen die Sozialleistungsausgaben für Familien und Kinder im Jahr 2023 bei etwa 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, während sie in Deutschland bei 3,5 Prozent lagen – und im europäischen Mittel bei 2,3 Prozent. «Für ein so reiches Land wie die Schweiz ist das völlig unzureichend», findet Pasqualina Perrig-Chiello.
Bei den externen Kinderbetreuungskosten wiederum nimmt die Schweiz einer Studie der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) aus dem Jahr 2021 zufolge europaweit einen Spitzenplatz ein. Ein Kitaplatz kostet im Schnitt pro Tag und Kind rund 130 Franken.
Auf den Monat und mit einem Durchschnittseinkommen gerechnet, geht bei Vollzeit arbeitenden Paaren so über ein Viertel des Haushaltseinkommens für die Fremdbetreuung drauf. In Deutschland ist es im Schnitt lediglich 1 Prozent des durchschnittlichen Haushaltseinkommens.
Stagnierende Familienpolitik
«Hinzu kommt, dass die Elternzeit für Mütter in der Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern sehr kurz ist, der Vaterschaftsurlaub völlig unzulänglich», sagt Guy Bodenmann. Auch hält er eine flexible Aufteilung der Elternzeit für wichtig. «Zusätzlich sollte mit der Bezahlung der Elternarbeit die Möglichkeit geschaffen werden, dass sich Mütter oder Väter ohne finanzielle Einbusse frei entscheiden können, ob sie ihr Kind selbst oder fremdbetreuen lassen», findet Bodenmann.
Auch Annette Cina beobachtet, dass bei der Familienpolitik derzeit vieles stagniert – was ihrer Meinung nach aber auch einen guten Grund hat. «Familien heute sind einfach sehr vielfältig und wollen sehr unterschiedliche Dinge. Also wird das Geld breit verteilt und am Ende kommt eben nur eine Kompromisslösung heraus, die nie alle komplett zufriedenstellen kann.»
Wäre sich die Gesellschaft beispielsweise darüber einig, dass beide Eltern grundsätzlich 100 Prozent arbeiten möchten, dann könnte man auch die entsprechenden Strukturen dafür schaffen. Wird aber die Hälfte der Betreuungsplätze dann nicht genutzt, sei ein solch flächendeckendes und zeitlich flexibles Angebot nicht bezahlbar.
Auch Katja Rost ist es wichtig, die Grenzen der Familienpolitik aufzuzeigen, etwa wenn es um die Frage der Geburtenentwicklung geht. «In Skandinavien sinkt die Kinderzahl, obwohl die Kinderbetreuung teilweise kostenlos ist. Ähnlich sieht es in Deutschland aus, wo die Regelungen bei Elterngeld und einem Rechtsanspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz recht grosszügig sind.»
Rahmenbedingungen sind gesetzt
Ihrer Meinung nach könnte die Familienpolitik zwar die Paare mehr unterstützen, die sich bereits für Kinder entschieden haben. «Damit es grundsätzlich wieder attraktiver wird, eine Familie zu gründen, müsste sich aber auch das Bild in der Gesellschaft grundlegend ändern», findet Katja Rost. Derzeit werde einem vor allem vermittelt, dass Kinder viel kosteten, schlecht für die Karriere seien und einen bei den individuellen Interessen stark einschränkten.
«Vielleicht müssen wir uns als Eltern auch einfach klar werden: Die äusseren Rahmenbedingungen sind aktuell gesetzt und auch wenn ich darüber jammere, werden sie sich nicht von heute auf morgen ändern», sagt Annette Cina. Aber ein Bild bestehe eben nicht nur aus dem äusseren, vorgegebenen Rahmen – sondern auch aus einem Motiv.
«Und hier hat heute wirklich jede Familie sehr viele Freiheiten, dieses zu gestalten. Wenn ich mir das bewusst mache, gewinne ich sehr viel Kontrolle zurück, hadere weniger, vergleiche mich weniger und fühle mich weniger getrieben», so Annette Cina.
Zum Weiterlesen
- Jesper Juul: Was Familien trägt. Werte in Erziehung und Partnerschaft. Ein Orientierungsbuch. Beltz 2008, 175 Seiten, ca. 19 Fr.

Der dänische Familientherapeut zeigt anhand vieler Beispiele auf, welche Ressourcen Familien haben, um auch in unruhigen Zeiten gelassen und optimistisch zu bleiben.
- Nora Imlau: Was Familie leichter macht. Entlastende Impulse für einen bindungsstarken Alltag. Beltz 2025, 224 S., ca. 25 Fr.

Die Autorin legt dar, warum es sich lohnt, alltäglichen Entscheidungen kein so hohes moralisches Gewicht zuzuschreiben – und wie man ohne ständige Schuldgefühle das Familienleben entspannter geniessen kann.
- Norbert F. Schneider, Maria M. Bellinger: Mut tut gut. Warum wir unseren Kindern mehr zutrauen können. Harper Collins 2025, 272 Seiten, ca. 29 Fr.

Die beiden Autoren schauen kritisch auf die Lebensbereiche, die Familien heute prägen. Dabei liefern sie viele Denkanstösse für alle, die Antworten auf die Frage suchen: «Warum stehen Eltern und Kinder heute so unter Druck?»
- Ashley Davis Bush: Das kleine Buch der Ruhe und Gelassenheit. Ganz entspannt die Stürme des Alltags meistern. Heyne 2017, 96 Seiten, ca. 13 Fr.















