«Als Vollzeitmami werde ich immer wieder belächelt»

Aus Ausgabe
05 / Mai 2026
Lesedauer: 3 min
Andrea und Jose Debrunner haben sich bewusst für ein klassisches Rollenmodell entschieden. Andrea ist zu Hause und kümmert sich um die drei Kinder, während Jose Vollzeit arbeitet. Dafür verzichten sie gern auf Restaurantbesuche oder grosse Reisen.
Aufgezeichnet von Sandra Markert

Bild: Gabi Vogt / 13 Photo

Andrea, 36, gelernte Bankkauffrau, und Jose Debrunner, 43, Sanitärinstallateur, leben mit ihren drei Kindern Liandro, 9, Elias, 4, und Noah, 1, in Zürich.

Jose: «Hier in der Schweiz sind wir schon etwas Besonderes mit unseren drei Kindern. Ich sehe viele Familien, die nur ein Kind haben. Dann scheint es noch irgendwie aufzugehen mit der Betreuung in der Kita, mit zwei Jobs, mit der Karriere. Viele haben auch keine Verwandten zur Unterstützung, weil diese weit weg leben. Das ist auch bei meiner Familie der Fall.»

Nach nur drei Stunden Schlaf arbeiten zu gehen, dazu die emotionale Trennung von den Kindern oder der Druck, wenn mal eines krank wird, wäre mir zu viel Stress.

Andrea, Vollzeitmutter

Andrea: «Mein Mann kommt aus der Dominikanischen Republik. Da ist es ganz normal, dass man viele Kinder hat und auch deutlich jünger ist, wenn man Kinder bekommt. So hat man die Eltern und oft auch noch die Grosseltern, mit denen man zusammenlebt, dazu die Geschwister. Es ist immer jemand da, der sich kümmert, da muss man gar nicht fragen, das gehört ganz selbstverständlich dazu. Ich finde das sehr schön.»

Jose: «Wir hätten eigentlich auch gern viel früher Kinder gehabt. Aber wir haben gewartet, bis ich meine Lehre als Sanitärinstallateur beendet habe. Und Andrea hat noch eine Weiterbildung gemacht, um später beruflich wieder besser einsteigen zu können. In dieser Zeit konnten wir auch Geld sparen und Andrea kann sich nun ganz um die Kinder kümmern.»

Viel Wertschätzung von der Familie

Andrea: «Ich ziehe den Hut vor all den Familien, bei denen beide berufstätig sind. Aber für uns wäre das momentan zu viel Stress: morgens alle irgendwo abliefern zu müssen, nach nur drei Stunden Schlaf arbeiten zu gehen, dazu die emotionale Trennung von den Kindern oder der Druck, wenn mal eines krank wird. Ich geniesse es einfach sehr, Vollzeitmami und Hausfrau sein zu dürfen und die Kinder aufwachsen zu sehen.

Bei Jose und mir war die Mutter zu Hause. Das hat uns geprägt.

Andrea

Von unserer Familie fühle ich mich dafür sehr geschätzt. Ich habe auch nicht das Gefühl, deshalb beruflich etwas zu verpassen. Aber nach aussen bin ich dennoch vorsichtig, wem ich das erzähle, weil ich immer wieder die Erfahrung gemacht habe, für diese Entscheidung belächelt oder kritisiert zu werden.

Doch ich erlebe die Zeit, in der man wirklich viel von den Kindern gebraucht wird, einfach als sehr kurz. Ich möchte sie nicht missen. Und dafür nehmen wir auch gern die finanziellen Einbussen mit nur einem Gehalt in Kauf.»

Warum kein Papi-Tag?

Jose: «Wir haben eben keine zwei Autos. Wir gehen nicht ins Restaurant und machen keine teuren Hotelferien. Teurere Sachen oder Freizeitaktivitäten wie beispielsweise die Jahreskarte für den Zoo oder das Skilager sind Geschenke, die sich die Kinder von den Grosseltern oder von Gotti und Götti wünschen.»

Andrea: «Die Kinder fragen mich schon manchmal, warum ich nicht arbeiten gehe oder warum es in anderen Familien einen Papi-Tag gibt und bei uns immer nur ich tagsüber zu Hause bin. Ich glaube aber, sie schätzen es, so wie ich das früher auch geschätzt habe. Auch meine Mutter war immer zu Hause, wenn ich mittags heimgekommen bin, und sie war es, die uns zu unseren Hobbys gefahren hat. Ich denke, das hat mich und Jose geprägt, dass wir eben auch so aufgewachsen sind.»