Herr Schneider, immer mehr Paare entscheiden sich heute bewusst gegen Kinder oder haben noch höchstens eins. Was macht Familie heute so unattraktiv?
Ich glaube gar nicht, dass es unattraktiver geworden ist als früher. Eine Familie hat schon immer Vor- und Nachteile mit sich gebracht. Aber bis in die 1970er-Jahre spielte das schlicht keine Rolle, weil Frauen meist keine andere Option hatten, als Ehefrau und Mutter zu werden.
Erst die besseren Verhütungsmittel und die berufliche Emanzipation brachten sie ja überhaupt in die Lage, entscheiden zu können, ob sie eine Familie gründen wollten oder nicht. Und sicher gibt es heute einen Trend zur gewollten Kinderlosigkeit, eben weil man die Entscheidungsfreiheit hat. Ich glaube aber, deutlich mehr Paare sind ungewollt kinderlos oder ungewollt Eltern von nur einem Kind, weil sie die Entscheidung zu lange vor sich herschieben.
Im Umgang mit Kindern funktioniert heute sehr viel über den Verstand und wenig über elterliche Intuition.
Was meinen Sie damit?
Weil sich die Sache mit der Familie heute planen lässt, versuchen sehr viele Paare, den optimalen Zeitpunkt für Kinder zu erwischen. Den gibt es aber nicht, weil sich immer Gründe finden lassen, die dagegen sprechen. Ausbildung, Finanzen, Wohnungsgrösse, Partner, Beruf, Alter – irgendetwas ist immer unpassend. Und die Gesellschaft vermittelt ja auch vor allem die negativen Seiten der Elternschaft wie beruflichen Verzicht oder hohe Kinderbetreuungskosten. Also wird abgewartet und in diesen Jahren entsteht dann ein immer idealisierteres Bild vom perfekten Familienglück ...
... dem die Realität dann nicht standhalten kann?
Wie auch? Ein Leben mit Kindern bedeutet nun mal Chaos, ja in vielen Situationen den kompletten Kontrollverlust – und eben nicht Perfektionismus. Viele Eltern sind schon im Kreisssaal unzufrieden, wenn sie merken, dass die Geburt nicht so läuft, wie sie sich das ausgemalt haben. Und dann kommen all die Einschränkungen der individuellen Freiheit, die Kinder nun mal mit sich bringen. Auch dazu sind heute zunehmend weniger Menschen bereit als früher.

Was ist mit all den schönen Dingen, die Familie ja durchaus auch bedeuten kann?
Die Freude, die es bereiten kann, ein Kind beim Aufwachsen zu begleiten, ist sehr vage im Vergleich zu den sehr konkreten und handfesten Dingen wie den Kosten für die Kinderbetreuung oder für die Krankenversicherung. Solche Zahlen kann ich mir anschauen. Das Glück aber, das Kinder mit sich bringen, muss ich erleben. In einer Gesellschaft, in der immer mehr Paare auf Kinder verzichten, ist das eigene Baby aber nicht selten das erste, welches Eltern im Arm halten.
Jungen Menschen fehlt es also an positiven Vorbildern?
Wir Menschen lernen nun mal am besten am Modell. Auch elterliche Intuition beruht ja letztlich darauf, dass man sich abgeschaut hat, wie man ein schreiendes Baby beruhigt oder auf einen Trotzanfall reagiert. Heute funktioniert im Umgang mit Kindern sehr viel über den Verstand, wir lesen Erziehungsratgeber oder Blogs. Auch das erzeugt sehr viel Druck und Stress, weil man sich dadurch viel mit anderen vergleicht.
Keine Familie aber funktioniert wie die andere. Ich kann allen Eltern oder denen, die es noch werden wollen, nur raten: Nehmt einfach mal den Erwartungsdruck raus und bleibt mehr bei euch, statt ständig mit anderen im Wettbewerb zu stehen und immer noch besser oder perfekter sein zu wollen. Denn das alles steht einem gesunden Familienleben definitiv im Weg.
Das klingt gut, ist in einer sehr ruhelosen Gesellschaft, die ständig nach Mehr und Bessersein strebt, aber nicht einfach.
Nein, ganz und gar nicht. Aber wenn ich mir klarmache, dass niemand eine perfekte Mutter oder ein perfekter Vater sein muss, dass es reicht, gut genug zu sein, dann bewirkt dieses Mindset schon sehr viel. Dann werde ich schnell merken, dass die Kinder auch erfolgreich gross werden, wenn ich mich nicht 24/7 um sie kümmere. Ich kann ihnen durchaus zumuten, allein zur Schule zu gehen. Und sie brauchen auch nicht jeden Nachmittag ein anderes Hobby, zu dem ich sie begleiten muss. Das schafft Eltern wiederum Freiräume, die sie für die Selbstfürsorge dringend brauchen. Denn wenn sie diese vernachlässigen, werden erst sie unzufrieden und dann die Kinder.
Was bleibt, ist der zeitliche Druck, unter dem heute sehr viele Eltern stehen, weil sie eben auch noch einen Beruf ausüben müssen – oder wollen.
Sicher sind die institutionellen Betreuungsmöglichkeiten noch alles andere als ideal. Hinzu kommen die hohen Kosten und oft eine fehlende Flexibilität. Darüber kann ich als Vater oder Mutter jammern. Oder ich mache mir einfach klar: Eine Krippe oder ein Schulhort können unterstützen, aber eben nicht vollumfänglich entlasten. Also brauche ich ein soziales Netzwerk.
Wir brauchen dringend mehr Nachbarschaftsnetzwerke, sogenannte Caring Communities.
Das sprichwörtliche Dorf, um ein Kind grosszuziehen.
Genau. Früher war das die Grossfamilie. Heute wohnen viele nicht einmal mehr in der Nähe der Grosseltern. Also muss ich mir woanders soziale Unterstützung suchen. Ich wohne in einem Mehrfamilienhaus. Hier haben sich mehrere Familien zusammengeschlossen, um die Betreuung zu organisieren – und die Kinder haben einen riesen Spass untereinander. Wir brauchen dringend mehr solcher Nachbarschaftsnetzwerke, sogenannte Caring Communities. Anders werden wir weder die Kinderbetreuung noch die Altenpflege stemmen können, sonst müsste bald die Hälfte unserer Gesellschaft in diesen beiden Bereichen arbeiten – was einfach nicht funktioniert.
Würden Sie heute noch eine Familie gründen?
Ja. Aber das muss natürlich jede und jeder für sich selbst entscheiden. Familiengründung und Familienalltag werden dort zum Problem, wo die Intuition durch den Verstand verdrängt wird und entspannte Gelassenheit durch übererregtes Optimierungsstreben.








