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Elternbildung

Herr Juul, wie gehe ich mit Tobsuchtanfällen um?

Durch die Luft fliegende Spielzeugautos, Wutausbrüche und Kraftausdrücke – eine Mutter weiss nicht mehr weiter mit ihrem Sohn. Sie wendet sich an Fritz+Fränzi und Jesper Juul antwortet ihr.
Eine Leserin schreibt Jesper Juul:
Mit viel Interesse verfolge ich Ihre Rubrik im Magazin Fritz+Fränzi. Ich bin immer sehr gespannt auf Ihre Antwort und überlege mir im Voraus, wie ich handeln würde. Nun bin ich auch in einer Situation, wo ich mir nicht mehr zu helfen weiss, deshalb gelange ich an Sie.

Wir haben zwei Jungs im Alter von knapp 8 Jahren und 4 Jahren. Beide sind meistens lieb zueinander und verstehen sich trotz Altersunterschied ziemlich gut. Aktuell hat aber der Kleinere immer wieder extreme Wutausbrüche, wenn etwas nicht nach seinem Gutdünken läuft. Das typische Trotzen in diesem Alter. Nur fliegen leider Sachen wie Metall­autos und Legosteine in unsere Richtung (unsere Köpfe sind auch schon getroffen worden), wenn er noch im Wohnzimmer ist, sonst knallt er seine Türe zu und wirft auch dort seine Sachen an die Wand. Dies ist ziemlich anstrengend. Ich bin der Meinung, dass er in dieser Situation in sein Zimmer muss, nur wird er dann noch viel wütender. Haben Sie einen «besseren» Vorschlag, wie wir diese Wut in den Griff bekommen können? Vor allem möchte ich nicht, dass er uns Objekte an den Kopf wirft.

Ein weiteres Problem sind seine Kraftausdrücke. Wie sollen wir reagieren, wenn er uns zum Beispiel sagt, wir seien doof, oder seinem Bruder, er sei ein Doppel-A…? Seit einem halben Jahr bringen wir dies einfach nicht mehr von ihm weg. Obwohl sein grosser Bruder sehr selten solche Wörter verwendet, hat der Kleine keine Hemmungen, diese zu brauchen. Gespannt freue ich mich auf Ihre Antwort!

Jesper Juul antwortet:

Verhaltensweisen, wie Sie sie für Ihre zwei Söhne beschreiben, sind nur selten an ein spezifisches Alter gebunden. Sie sind lediglich das, was wir in der modernen Entwicklungspsychologie «Signale» nennen. In diesem Fall nennen Sie es ein Pro­blem, das nach einer Lösung verlangt. Wenn wir es jedoch ein Signal nennen, verlangt es nach Verständnis.

Lassen Sie mich mit Ihrem jüngsten Sohn beginnen. Sein frustriertes oder wütendes Verhalten ist ein Si­gnal, welches Ihnen zeigt, dass er sich nicht wohl fühlt so, wie Sie ihn zu erziehen versuchen. Wenn ein Kind das Gefühl verliert, wertvoll zu sein, und darauf mit Aggressionen reagiert – ob diese nun destruktiv oder selbstdestruktiv sind –, liegt das immer an der bewussten oder unbewussten Botschaft der Erwachsenen, die dem Kind zu verstehen geben, dass es mehr Belastung als Vergnügen ist. Frustration/Aggression (bei Kindern wie auch bei Er­­wachsenen) kann ein Zeichen dafür sein, dass Ihr Sohn nicht mag, was Sie von ihm zu tun oder zu lassen verlangen. Es ist aber auch ein Zeichen dafür, dass es für Ihren Sohn nicht angenehm, ja vielleicht sogar verletzend ist, wie Sie mit ihm gerade umgehen. In so einem Konflikt geht es oft viel mehr um das Wie als um das Was.

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2 Kommentare

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Von Beatrice am 22.06.2017 09:57

Am liebsten würde ich diesen Beitrag an alle Familien und auch an alle Lehrer schicken. Denn Aggressionen im schulischen Rahmen ziehen oft schwerwiegende Probleme für das Kind nach sich, weil Lehrer sehr selten Aggressionen als Signal verstehen. Stattdessen werden die Kinder ausgegrenzt, erneut zurück gewesen, bestraft und sanktioniert. Alles in allem Reaktionen der Lehrer und Pädagogen, die dazu führen, dass ich die Situation noch verschlechtert und zum Selbstläufer wird.

Von Sabrina am 23.06.2017 23:15

@Beatrice
Sie haben so recht. Noch schlimmer ist, dass das schon im Kindergarten oder noch früher so von statten geht. Da werden dann immer die gleichen Kinder aus dem Singkreis verbannt und vor dir Tür gestellt. Niemand hinterfragt das Verhalten der Kinder (und der Erzieher*innen). *traurig*

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