Elternbildung

Eltern-Burnout: Lässt sich der Zusammenbruch verhindern?

Viele Eltern fühlen sich überfordert und ausgebrannt. Der tägliche Spagat zwischen Beruf und Familie ist nur schwer zu bewältigen, dazu kommen Anforderungen der Schule, Fahrdienste, Festivitäten. Was führt in die Erschöpfung? Was aus einem Burnout heraus? 
Text: Claudia Füssler
Bilder: Plainpicture und iStock
Die Präsentation für das neue Projekt vorbereiten, für das Abendessen mit den Schwiegereltern einkaufen, der Tochter bei den Englischaufgaben helfen, einen Kontrolltermin beim Zahnarzt vereinbaren, den Sohn zum Tanztrai­ning fahren, Muffins für das Nach­barschaftsfest backen: Eltern sind Zirkuskünstler. Sie versuchen, immer so viele Bälle wie möglich gleichzeitig in der Luft zu halten. Die Bälle wechseln mit zunehmen­ dem Alter der Kinder, doch weniger werden es nie.

Das hat Folgen: Immer mehr Eltern fühlen sich überfordert und erschöpft. Der moderne Familienalltag ist zu einem Gesundheits­risiko geworden. In Zahlen belegen lässt sich das kaum, niemand in der Schweiz zählt erschöpfte Mütter und Väter. In Deutschland allerdings schon. Das Deutsche Müttergene­sungswerk ermöglicht Müttern – und auch Vätern – Kurmassnahmen und führt kontinuierlich Statistik. Jährlich nehmen 40'000 Mütter das Angebot in Anspruch. Die Zahl der Kurmütter mit Erschöpfungssyn­dromen bis hin zum Burnout, mit Schlafstörungen, Angstzuständen, Kopfschmerzen oder ähnlichen Erkrankungen ist in den vergangenen 15 Jahren von 48 Prozent auf 97 Prozent gestiegen. 

Online-Dossier Burnout

Burnout: Wenn Eltern erschöpft und ausgebrannt sind. Doch auch Kinder und Jugendliche sind immer mehr betroffen. Ursachen, Symptome und Wege aus der Krise, lesen Sie in unserem Online-Dossier «Burnout».

Eine vergleichbare Organisation gibt es in der Schweiz nicht, doch Experten gehen davon aus, dass die Zahlen ähnlich sind. Wenn nicht gar noch höher: Dadurch, dass die Elternzeit in der Schweiz deutlich kürzer ausfällt, greift die Doppelbelastung Familie und Beruf viel früher.

Welches aber sind die Ursachen für die zunehmend erschöpften Eltern? Und was können Familien tun, um im besten Fall gar nicht erst in eine Überforderung zu geraten? Auf diese und andere Fragen will dieses Dossier Antworten geben.
Ständiger Zeitdruck, die berufliche Belastung und die Vereinbarung von Kinder und Beruf sind für Mütter Hauptbelastungsfaktoren.
Immer mehr Expertinnen und Experten beschäftigen sich mit dem Phänomen Eltern-Burnout. «Mütter wollen dem hohen Erwartungsdruck gerecht werden und suchen häufig erst dann professionelle Hilfe, wenn sie nicht mehr funktionieren können», schätzt Anne Schilling, Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks, die Situation ein.

Die drei Hauptbelastungsfaktoren, die die Mütter angeben, sind ständiger Zeitdruck, die berufliche Belastung und Probleme, Kinder und Beruf zu vereinbaren.

«Es lastet zu viel auf zu wenigen Schultern», sagt Marlene Held. Die psychologische Psychotherapeutin am Inselspital Bern beobachtet, dass Eltern in der Kernfamilie oft alleine gelassen werden. Das Risiko einer chronischen Erschöpfung sei deshalb hoch: «Dadurch, dass viel aufs Individuum abge­wälzt wird, entsteht ein grosser Druck bei den Eltern.»

Hinzu kommen die gestiegenen Ansprüche in der Leistungsgesell­schaft. Immer schneller soll immer mehr erledigt sein, wir werden von Reizen überflutet und ertrinken in gewollten und ungewollten Informationen. Wer eine Familie führt, ist 24 Stunden am Tag verantwort­lich. Schule, Job und Freizeit sind eng durchgetaktet und gleichzeitig ein höchst fragiles Konstrukt. 

Kleine Einbrüche im System – Kind krank, Hütedienst fällt aus – rauben schnell viel Energie. «Auch bei Alltagsrou­tine ohne Zusatzbelastungen ist das Leben mit Kindern in der Kleinfamilie einerseits sehr bereichernd, andererseits fordernd bis überfor­dernd», so Marlene Held. Ihr ist wichtig zu betonen: Das ist völlig normal.

Familien leiden unter der Isolation

Evolutionär gesehen lebt der Mensch am besten in Verbünden: früher in Stämmen, später in Grossfamilien. Eltern unterstützen sich gegenseitig, helfen sich aus, schauen auch nach den Kindern der anderen, machen Besorgungen füreinander. Eine Kleinfamilie kann nicht mehr auf solche Strukturen zurückgreifen. Sie muss sie sich daher schaffen. «Das afrikanische Sprichwort, um ein Kind zu erziehen, brauche es ein ganzes Dorf, ist sehr wahr», sagt Marlene Held, «aber wir leben heute nicht mehr in solchen Verbünden.»

Es sind meist die eigenen Ansprüche, an denen perfektionistisch veranlagte Eltern scheitern. «Die Anforderungen, die sich Eltern mit sehr hohen Ansprüchen selbst auferlegen, finde ich problematisch», sagt Stephanie Hefti, Psychologin an den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel. Denn: Je höher der Anspruch, desto eher kann ich ihm nicht gerecht werden.

Das Elternsein an sich sei schon eine grosse Herausforderung, so Hefti, das mache ja jeder zum ersten Mal. «Immer alles abdecken und leisten zu wollen, was theoretisch möglich ist, ist unrealistisch und führt häufig zu einer Überforderung», erklärt Hefti. Es ist okay, wenn abends mal kein selbstgekochtes Biogericht auf dem Tisch steht und der 8-Jährige nur ein Hobby betreibt statt vier. Hefti rät Eltern zu versuchen, die eigenen Bedürfnisse wieder mehr wahrzunehmen. In sich hineinzuhorchen und sich zu fragen: Was möchte und kann ich leisten? Wo sind meine Belastungsgrenzen?
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3 Kommentare

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Von Noa am 15.04.2019 09:50

Den ganz normalen Alltagsstress mit Arbeiten, 3 Kindern, Haus, Haushalt, Schule etc. fand ich irgendwie noch bewältigbar. Seit mein Sohn vor 6 Jahren an Typ1 Diabetes erkrankt ist, braucht es viel weniger, um an meine Grenzen zu kommen.
Jahrelang mein Kind fast 24 Stunden überwachen, das geht nicht spurlos an einem vorüber. Leider gibts da keine Entlastung und keine Lösung.
Da viele Eltern das chronisch kranke Kind niemandem mehr zum Hüten geben kann.

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Von Marc am 16.04.2019 08:44

Alles scheint machbar, so lang nicht ein Kind die "Norm" sprengt, ADS oder ähnliches diagnostiziert wird, und dieses eine Kind dann de facto die volle Aufmerksamkeit eines Erwachsenen beansprucht. Wo bleiben dann die, die auch Bedürfnisse haben oder die altersmäßig doch weit auseinander liegen, so dass Aktivitäten und Förderung nicht mehr gleichermaßen erfolgen kann? Bei drei Kindern ist dann immer ein Erwachsener zu wenig da.... Immer und bei allen Aktivitäten.

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Von Noa am 15.04.2019 09:50

Den ganz normalen Alltagsstress mit Arbeiten, 3 Kindern, Haus, Haushalt, Schule etc. fand ich irgendwie noch bewältigbar. Seit mein Sohn vor 6 Jahren an Typ1 Diabetes erkrankt ist, braucht es viel weniger, um an meine Grenzen zu kommen.
Jahrelang mein Kind fast 24 Stunden überwachen, das geht nicht spurlos an einem vorüber. Leider gibts da keine Entlastung und keine Lösung.
Da viele Eltern das chronisch kranke Kind niemandem mehr zum Hüten geben kann.

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