Junge schaut aufgeklapptes Aufklärungsbuch an
Elternbildung

Wie geht Aufklärung heute?

Noch keine Generation galt als so aufgeklärt wie die unserer Kinder. Im Internet sind alle Informationen Tag und Nacht verfügbar. Doch was wissen Kinder und Jugendliche wirklich über Sex? Wie sieht altersgerechte Aufklärung heute aus? Und welche Rolle spielen die Eltern dabei?
Text: Sandra Casalini
Bilder: Ornella Cacace / 13 Photo
Was weiss eine 11­-Jährige heu­te über Sex? Und was ein 15­-Jähriger? Was hat er selbst schon für Erfah­rungen gemacht? Noch nie galt eine Generation als so aufgeklärt wie diese – der fortschreitenden Digita­lisierung und ständigen Verfügbar­keit aller Informationen sei Dank. Doch ist die Jugend von heute tat­ sächlich so aufgeklärt, wie wir den­ken? Oder klaffen da trotz Internet grosse Wissenslücken?

Selbst wenn es uns Erwachsenen manchmal so vorkommt, als würden sich Jugendliche alle Informationen aus dem Netz besorgen, sind die Eltern in Sachen Aufklärung nach wie vor wichtig. Vielleicht sogar wichtiger als je zuvor. Warum das? Welchen Einfluss haben sie auf die Sexualität ihrer Kinder? Sollen Väter Söhne aufklären und Mütter Töchter – oder gerade umgekehrt? Und wie macht man das in Zeiten, in denen Kommunikation über soziale Medien stattfindet und Buben und Mäd­chen leichter an pornografische Inhalte kommen als an eine Dose Panaché?

Fakt ist: Aufklärung erfolgt heute sehr individuell und findet meist durch mehrere Instanzen statt. In einer aktuellen Umfrage von «Lust und Frust», der Zürcher Fachstelle für Sexualpädagogik, geben zum Beispiel 62 Prozent der Mädchen und 52 Prozent der Jungen an, von den Eltern aufgeklärt worden zu sein. Bei unseren Nachbarn sieht es ähnlich aus. In einer Studie der deutschen Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung von 2015 sagen 59 Prozent der Mädchen, sie seien von den Eltern – mehrheit­lich von der Mutter – aufgeklärt worden, bei den Jungen sind es nur 34 Prozent. In beiden Umfragen nennen zwischen 50 und 60 Prozent das Internet als wichtige Informationsquelle. Und während in der Schweiz gut 80 Prozent der Teenager angeben, unter anderem in der Schule aufgeklärt worden zu sein, sind das in der deutschen Studie lediglich rund 40 Prozent. Weitere Rollen im «Aufklärungspuzzle» spielen Kolleginnen und Kollegen, Geschwister, Bücher, Zeitschriften sowie Ärztinnen und Ärzte.
In der Schweiz werden 62 Prozent der Mädchen und 52 Prozent der Jungen von den Eltern aufgeklärt.   Dieser Text gehört zum Dossier Aufklärung. Lesen Sie hier alle Artikel zum Thema. 
In der Schweiz werden 62 Prozent der Mädchen und 52 Prozent der Jungen von den Eltern aufgeklärt.

Dieser Text gehört zum Dossier Aufklärung. Lesen Sie hier alle Artikel zum Thema. 

Ein Drittel der 13-Jährigen hat ­Pornografie ­im­ Internet­ gesehen

Das sei durchaus richtig und wichtig so, sagt Lukas Geiser, Sexualpädago­gikdozent an der Pädagogischen Hochschule Zürich. «Wenn Kinder älter werden, sollen sie unbedingt auch andere Informationsquellen als die Eltern haben.» Aber – und da sind sich Fachleute einig – beginnen sollte die Aufklärung im Elternhaus. Und zwar nicht erst in der Pubertät, sondern schon von klein auf. «Denn bevor Jugendliche heute das erste Mal Sex haben, werden sie sehr viel früher in den Medien mit diesem Thema konfrontiert. Früher war es genau umgekehrt. Man hatte keinerlei Informationen und musste alles irgendwie selbst herausfinden», so Geiser.

Wir erinnern uns: Pornografie war in unserer Jugend etwas, das man von den obersten Regalen im Kiosk kannte, an denen sich – so dachte man zumindest – nur schmuddelige alte Männer bedienten. Oder von der Teenie-Pyjama-Party, an der man spätabends heimlich und mit leichtem Schamgefühl «Eis am Stiel» schaute. Nackte Tatsachen und Klartext über Sex gab es in erster Linie in der «Bravo». 
Ein Aufklärungsgespräch beim Eintritt in die Oberstufe – so wie das die heutige Elterngeneration erlebt hat – ist heutzutage zu spät.
Seit der Kommerzialisierung des World Wide Web in den 90er-Jahren sind alle Inhalte, die man sich nur vorstellen kann, rund um die Uhr für jeden verfügbar. Auch sexuelle. Und wenn man sich vor Augen hält, dass laut einer aktuellen Umfrage der Pädagogischen Hochschule Schwyz bereits ein Drittel aller 13-Jährigen Kontakt mit sexuellen Darstellungen im Internet hatte, ist ein Aufklärungsgespräch beim Eintritt in die Oberstufe – so wie das bei der heutigen Elterngeneration in vielen Familien gemacht wurde – heutzutage viel zu spät.

Schon beim Baby alle Körperteile mit Worten benennen!

«Daher sollte Aufklärung bereits im Kleinkindalter anfangen. Einige Themen wiederholen sich und werden mit zunehmendem Alter detaillierter besprochen. Andere Themen kommen entwicklungsbedingt hinzu», sagt die Sexualpädagogin und Sozialarbeiterin Annelies Steiner von der Stiftung «Sexuelle Gesundheit Schweiz». Es geht um den Körper – den eigenen und den von anderen, um Intimität, Freundschaft, Liebe und Grenzen. Stellen Kinder Fragen, sollten Eltern diese ehrlich und altersgerecht beantworten. Das fängt bereits damit an, dass man bei Babys und Kleinkindern alle Körperteile mit Worten benennt, also auch die Geschlechtsteile, und ihnen ihre Funktion erklärt.

Wenn eine 3-Jährige ganz selbstverständlich von ihrer Scheide spricht oder ein 6-Jähriger nüchtern und sachlich beim Abendessen den Zeugungsakt erklärt, mag das für eine Elterngeneration, die Aufklärung anders erlebt hat, befremdlich klingen. Und wenn sich die 3-Jährige neugierig dazusetzt, wenn der Vater dem 6-Jährigen das Aufklärungsbuch vorliest, gerät man vielleicht ins Stocken. 
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Doch die Sorge, man könne die Kinder verstören, wenn man zu früh mit ihnen über sexuelle Themen spricht, sei unbegründet, findet Steiner. «Kinder interessieren sich schon früh für Beziehung und Sexualität. Sie stellen Fragen und nehmen von der Antwort das auf, was sie einordnen können. Eine zu frühe Sexualisierung gibt es demzufolge nicht.» Im Gegenteil: Eltern sollten sogar darauf achten, der Entwicklung der Kinder in Sachen Aufklärung immer einen Schritt voraus zu sein. So muss man zum Beispiel das Thema der Monatsblutung schon ziemlich früh ansprechen, wenn man verhindern möchte, dass die Tochter mit zehn oder elf Jahren davon überrascht wird.

1 Kommentar

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Von Kathrin am 15.02.2020 08:24

Ich habe drei Bücher für meine Kinder bestellt, die ihr in diesem Artikel vorgeschlagen habt. Nur für Boys/Girls ist zwar herzig und meine Kinder finden sie gut, aber es hat mich also sehr erstaunt, dass sie immer noch sehr stereotyp sind was die Beziehungen angeht. Ich erwarte eigentlich, dass gerade im dieser Zeit gleichgeschlechtliche Beziehungen auch eine Platz kriegen. In den Büchern wird zwar online mobbing etc angesprochen, was ja auch ein neueres Phänomen ist, aber nach wie vor ist es anscheinend logisch, dass boys auf girls stehen und umgekehrt. Schade.

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