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Familienleben

«Die Betreuung von Angehörigen bringt viele aus dem Tritt»

Jeder fünfte Erwerbstätige würde sein Berufsleben anders organisieren, wenn die Betreuung für kranke und pflegebedürftige Angehörige besser gelöst wäre. Wir haben bei Iren Bischofberger, Leiterin des Forschungs- und Entwicklungsprogramms «work & care» nachgefragt: weshalb stossen Eltern bei der Care-Arbeit an ihre Grenzen? – und wie können sie besser unterstützt werden. 
Interview: Yvonne Kiefer-Glomme

Frau Bischofberger, warum kommen Angehörige betreuungsbedürftiger älterer Menschen trotz des bisherigen Entlastungsangebots häufig an ihre Grenzen?

Manche Angehörige geraten plötzlich – andere eher schleichend – in die Pflege- und Betreuungsrolle. Wichtig ist immer, dass sie ihre Aufgaben nicht allein schultern müssen. Dazu brauchen sie jedoch eine passgenaue und finanzierbare Unterstützung. Je länger Angehörige alles selber machen, desto schwieriger wird das Delegieren an andere Personen. Manchmal scheitert dieses aber auch am Widerstand des zu betreuenden Familienmitglieds. Hinzu kommt, dass bestimmte Hilfsangebote und  finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten nicht bekannt sind oder im Informationsdschungel nicht gefunden werden.

Was braucht es also?

Angehörige benötigen alltagsnahe und mehrsprachige Informationsangebote in Form von Internetplattformen und individueller Beratung am Telefon, im betreffenden Haushalt oder in Schulungen. Auch der Austausch mit Gleichgesinnten in Angehörigengruppen, die von geschulten Personen geleitet werden, kann hilfreich sein.
Iren Bischofberger: Pflegefachfrau und seit zehn Jahren verantwortlich für das Programm «work & care» am departementseigenen Forschungsinstitut Careum Forschung.
Iren Bischofberger: Pflegefachfrau und seit zehn Jahren verantwortlich für das Programm «work & care» am departementseigenen Forschungsinstitut Careum Forschung.

Welche Rolle spielen die Kosten und die Verfügbarkeit der Angebote?

Die Kosten für Hilfsangebote beziehungsweise der hohe Eigenanteil sind ein häufiges Problem. Beratungsangebote, betreutes Wohnen, alltägliche Handreichungen im Haushalt, Fahr- und Entlastungsdienste, die nach Hause kommen, und der Verleih von Hilfsmitteln sind in der Regel kostenpflichtig und werden nur bedingt subventioniert. Dabei wäre es sowohl sozial als auch volkswirtschaftlich wünschenswert, wenn ältere Menschen möglichst lange in ihrem gewohnten Umfeld verbleiben können. Werden Kosten übernommen, sind die Anspruchsbedingungen oft restriktiv und die Antragsverfahren bedeuten eine zusätzliche Hürde. Dafür haben Angehörige oft weder Zeit noch Kraft.

Gibt es weitere Hürden?

Auch die mangelnde regionale und zeitliche Verfügbarkeit bestimmter Dienstleistungen und deren fehlende Koordination können die Annahme externer Hilfe erschweren. Angehörige benötigen bedarfsgerechte, flexible und aufeinander abgestimmte Angebote, die auch kurzfristig genutzt werden können.
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