Wie rede ich mit meinem Kind?
Elternbildung

Gespräch statt Verhör: Wie rede ich mit meinem Kind?

Die Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Ulrike Döpfner ist überzeugt, dass sich über Sprache Nähe schaffen lässt und Eltern ihre Kinder besser ­kennenlernen können. Die Buchautorin sagt, warum Kinder oft knapp antworten, wenn man sie nach der Schule oder ihrem Befinden fragt, und weshalb wir mit Söhnen mehr über Gefühle reden sollten. 
Interview: Kristina Reiss
Bild: Westend61/Getty Images

Frau Döpfner, frage ich meine Tochter mittags, wie es in der Schule war oder wie ihre Prüfung gelaufen ist, ­bekomme ich oft ein einziges Wort zu hören: «gut». Weshalb sind Kinder so einsilbig?

Das liegt meist an der elterlichen Haltung. Häufig lassen wir uns nicht richtig auf unsere Kinder ein, begegnen ihnen nicht mit voller Aufmerksamkeit, sind abgelenkt von Anrufen oder Mails. Ausserdem kommunizieren wir nicht immer empathisch, stattdessen ähneln unsere Gesprächsversuche Verhören: Wir sind an bestimmten sachlichen Infos interessiert und lenken die Unterhaltung entsprechend. Die Folge: Das Kind fühlt sich unter Druck und weicht aus. Warum stellen Sie Ihrer Tochter denn diese Frage?

Weil mich tatsächlich interessiert, wie die Prüfung war.

Gerade deshalb sollten Sie Ihrem Kind aufmerksam zuhören und auf Zwischentöne achten. Antwortet es leichthin: «Oh ja, die Englischarbeit lief super», besteht vermutlich kein Gesprächsbedarf. Sagt es aber: «Naja, ich weiss auch nicht», hilft meist ein vorsichtiges Nachhaken. «Du klingst etwas enttäuscht – hattest du dir mehr erhofft?» Damit gehen Sie auf den Gesamteindruck ein, den das Kind vermittelt. Was erfolgversprechender ist als: «Wie? Hast du nicht genug geübt?» Dazu müssen wir allerdings aufmerksam und empathisch sein – nur so fühlt sich das Kind verstanden und ist bereit, zu erzählen.

Und wenn es ausweichend antwortet?

Dann ist es am besten, dem Kind ohne Vorwurf in der Stimme zu sagen: «Ich habe den Eindruck, dass du nicht darüber sprechen magst – kann das sein?» Fühlt sich das Kind verstanden, erzählt es vielleicht weiter. Drängen wir es hingegen zu einem Gespräch, macht es oft komplett zu.

Was im Alltag schnell passiert. Wann lohnt es sich, die Englischarbeit noch einmal anzusprechen?

Lassen Sie das Kind erst mal ankommen, warten Sie einen ruhigen Moment ab und versuchen es dann. Manchmal allerdings müssen Eltern akzeptieren, dass der Nachwuchs nicht reden will. Wichtig ist, dies nicht als Ablehnung der eigenen Person zu werten, sondern gesprächsbereit zu bleiben.
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Über Gespräche lässt sich mit wenig Aufwand Nähe schaffen, sagen Sie. Was braucht es dafür?

Ungeteilte Aufmerksamkeit ist ganz wichtig; einmal am Tag sollte der Fokus auf dem Kind liegen, ganz ohne Ablenkung. Wir wissen ja von uns selbst: Lässt jemand sein Handy klingeln und gibt dem Gespräch mit uns Priorität, fühlen wir uns wertgeschätzt. Idealerweise sind Eltern dabei offen und neugierig.

Wie meinen Sie das?

Spreche ich mit meinem Kind, ­sollte nicht die Haltung «Wie will ich, dass mein Kind ist?» im Vordergrund stehen, sondern das ehrliche Interesse: «Wer ist eigentlich dieses Wesen?» Auch aktives Zuhören ist hilfreich: Halten sich Eltern zunächst mit Tipps und Einschätzungen zurück und geben wieder, was vom Nachwuchs bei ihnen ankam, fühlt sich das Kind verstanden, denn es kann selbst das Gespräch in die Richtung lenken, die ihm wichtig ist. Darüber hinaus sind Gesprächsrituale hilfreich. Beispielsweise wenn beim gemeinsamen Abendessen die «Frage zum Tag» diskutiert wird: Was war das Lustigste heute? Worüber hast du dich geärgert? Wem hast du geholfen? Jedes Familienmitglied berichtet reihum, auch die Eltern. So sprechen Gross wie Klein als gleichwertige Gesprächspartner auf Augenhöhe, was für Kinder sehr stimulierend ist, weil eben kein Verhör stattfindet, keine Kommunikation von oben nach unten. Es schafft auch Nähe, wenn Kinder etwas vom Tag ihrer Eltern erfahren und nicht nur umgekehrt.
«Unsere Gesprächsversuche ­ähneln Verhören: Wir sind an bestimmten Infos interessiert und lenken die Unterhaltung entsprechend.»

Ein Austausch, für den im dicht ­organisierten Alltag oft kein Platz ist.

Umso wichtiger ist es, dafür Raum zu schaffen. Auch die «100 Fragen» im Anhang meines Buches habe ich dafür entwickelt. Zusammen darüber nachzudenken: «Was macht einen guten Freund aus?», oder sich auszumalen: «Was würde ich gern richtig gut können?», schafft Nähe. Man erfährt auf diese Weise viel mehr voneinander, als wenn nur sachliche Infos abgefragt werden. Dies bereichert beide Seiten ungemein.

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