Streiten Familien dank Corona weniger über Medien?
Elternbildung

«Die Reduzierung der Medienzeit ist nicht die Lösung»

Für den Medienpsychologen Daniel Süss ist die Bildschirmzeit zweitrangig, solange ein Kind alle seine Bedürfnisse abdecken und seine Fähigkeiten entwickeln kann. Der Zürcher Forscher im Gespräch über den hohen Medienkonsum während des ­Lockdowns, den Zusammenhang zwischen Medien und Kreativität und über fiese Stunts auf Tiktok.
Interview: Bianca Fritz
Bilder: Bilder: Lukas Maeder 13 Photo / Pixabay.com/Victoria_Borodinova

Herr Süss, wenn es um Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen geht, wird oft über die Bildschirmzeit gesprochen. Sie plädieren dafür, ­stattdessen das Freizeitverhalten ­insgesamt in den Blick zu nehmen. Warum ist das wichtig?

Kinder und Jugendliche bringen Bedürfnisse mit: nach Kommunikation, Information, Lernen, sozialer Vernetzung und Unterhaltung. Dazu kommen ihre spezifischen Interessen – Games, Musik und Sport zum Beispiel. Auf welchem Kanal das Kind unterwegs ist, um seinen Bedürf­nissen und Interessen nachzukommen, ist nicht die entscheidende Frage. Wir sollten uns eher fragen: Ist unser Kind sozial eingebunden und macht es die Erfahrung, dass es seine Talente einsetzen und weiterentwickeln kann? 
Daniel Süss hat sich für unser Interview ins Zimmer seiner Tochter zurückgezogen, die gerade ein Auslandsemester absolviert. Hinter ihm hängen Post­karten und ein Bild von einem VW-Bus an der Wand. Erinnerungen an Reisen und die Welt ausserhalb der eigenen vier Wände. Wir befinden uns mitten im Corona-Lockdown und unser Gespräch findet online statt. Der Medienpsycho­loge ist virtuelle Meetings gewohnt, da er häufiger auch mit Instituten im Ausland konferiert. «Aber echte Face-to-Face-Meetings sind mir schon lieber», sagt Daniel Süss und lächelt hinter dem Mikrofon seines Headsets.
Daniel Süss hat sich für unser Interview ins Zimmer seiner Tochter zurückgezogen, die gerade ein Auslandsemester absolviert. Hinter ihm hängen Post­karten und ein Bild von einem VW-Bus an der Wand. Erinnerungen an Reisen und die Welt ausserhalb der eigenen vier Wände. Wir befinden uns mitten im Corona-Lockdown und unser Gespräch findet online statt. Der Medienpsycho­loge ist virtuelle Meetings gewohnt, da er häufiger auch mit Instituten im Ausland konferiert. «Aber echte Face-to-Face-Meetings sind mir schon lieber», sagt Daniel Süss und lächelt hinter dem Mikrofon seines Headsets.

Was ja auch am Bildschirm möglich ist …

Genau, so dass für das eine Kind zwei Stunden Bildschirmzeit schon zu viel sind, für das andere aber genau richtig, weil es am Bildschirm seinen Fähigkeiten und Leidenschaften nachgeht.

Kann man prinzipiell sagen: Wenn Medien genutzt werden, um etwas zu produzieren, ist das positiv, weil die Kinder dann kreativ sind? Wenn sie aber konsumieren, ist es eher passiv und damit schlecht?

Das ist nur teilweise richtig. Wenn ich selbst etwas gestalte, baue ich meine kreativen Fähigkeiten aus und es entsteht etwas, auf das ich stolz sein kann. Aber auch der Konsum von etwas, das sich jemand anderes ausgedacht hat, kann kreativ sein. Wenn ich zum Beispiel einen Roman lese oder einen Film sehe, mich mit dem Inhalt auseinandersetze und ihn auf mein Leben beziehe. Oder wenn ich voll in ein Game involviert bin. Wir Menschen lernen ja glücklicherweise auch am Modell.

Wir finden Vorbilder in den ­Geschichten, die uns die Medien erzählen?

Entweder das, oder wir spüren, wenn uns der Charakter einer Figur stark herausfordert. Auch so können wir etwas über uns selbst lernen.
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Gibt es auch kindliche Bedürfnisse, die sich nicht am Bildschirm erfüllen lassen?

Medien können uns emotional und kognitiv fordern – aber zu unserer Existenz gehört ja auch noch das Körperliche. Bewegung, Erfahrungen im Raum und mit allen Sinnen – all das ist allein mit Medien nicht machbar. Gleichzeitig werden heute viele Aktivitäten von Medien begleitet – zum Beispiel wenn man beim Joggen Musik hört.

Braucht es denn Zeiten ganz ohne Medien?

Ja, es ist wichtig, dass wir auch aushalten, wenn es mal keine Reizfülle von aussen gibt. Auch aus Langweile und Ruhe heraus entsteht Kreativität. Ein bewusster Offline-Tag oder eine Wanderung ohne digitale Geräte als Familie – das kann guttun. Die Idee ist dabei nicht, dass wir eine Entzugskur machen, um künftig weniger Medien zu nutzen. Wir machen nur eine Pause.

Wie oft sollte man so eine ­Medien­pause einlegen?

Das ist unterschiedlich. Wer einen hektischen Alltag hat, dem tut es gut, am Wochenende weniger Medien zu nutzen. Wer im Alltag nicht so stark gefordert ist, braucht das weniger. Der Rückzug zur Neukalibrierung hat in vielen Kulturen Tradition. Das hilft uns, wieder gestärkt zu sein für die Herausforderungen des Alltags.
Der gelernte Primarlehrer Daniel Süss erforscht die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen.
Der gelernte Primarlehrer Daniel Süss erforscht die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen.

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