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Elternbildung

Gewalt und Radikalisierung  vermeiden – eine Anleitung

Wie Aggression, Gewalt und potenzieller Radikalisierung in Kindergärten und Schulen vorgebeugt werden kann, erklärt der renommierte dänische Familientherapeut Jesper Juul in diesem Fachartikel für Experten. Ein exklusiver Beitrag, der auch Eltern wichtige Einblicke in eine hochaktuelle Thematik gibt.
Text: Jesper Juul
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Diese Anleitung beschreibt, wie und warum wir einen höheren Grad an Gewalt und Aggression in Kindergärten und Schulen erwarten können, die aus der ablehnenden europäischen Haltung gegenüber den Flüchtlingen resultiert, und wie wir mit dieser Situation  als Lehrer und Eltern umgehen können. Der Text illustriert die unterschiedlichen und doch  identischen Quellen von Aggression bei europäischen und geflüchteten Kindern und  Jugendlichen, und die Notwendigkeit neuer pädagogischer Ansätze. Mit dem Begriff  «Prävention», den ich hier benutze meine ich Primärprävention. Da es über den  Zusammenhang zwischen politischen und kulturellen Haltungen gegenüber Migranten und  Flüchtlingen und dem Auftreten von Aggression und Gewalt bei Kindern und Jugendlichen  keinerlei Forschungsergebnisse gibt, sind die in Folge beschriebenen Ansprüche und  Vorhersagen nicht evidenzbasiert, sondern erfahrungsbasiert.
Die enorme Menge an Flüchtlingen und Migranten, die nach Europa kommen und die vielfältigen Methoden, mit denen unsere Regierungen beschlossen haben, sie nicht willkommen zu heissen, hat bereits von unseren eigenen Bürgern initiierte Gewaltausbrüche und Vandalismus zur Folge gehabt. Es gibt wenig Hoffnung, dass die Lage nicht eskalieren wird und es nicht noch gewaltsamere Konfrontationen, sowohl zwischen unterschiedlichen Bürgergruppen, als auch zwischen «uns und denen», geben wird»
 
Aus der jüngsten Geschichte haben wir gelernt, dass wir uns viel besser um die Kinder und Jugendlichen primär aus muslimische Familien kümmern müssen. Wir haben sie vernachlässigt, indem wir ihr existenzielles Dilemma und ihr Bedürfnis, sich unserer Gesellschaft zugehörig zu fühlen, ignoriert haben, oft einfach bis zur Entfremdung und Verzweiflung. Die daraus resultierende Tendenz, sich kriminellen Gangs oder radikalen Bewegungen anzuschliessen, die ihnen Sinn, Struktur und Ausrichtung in ihrem Leben geben, hat uns erst vor kurzem aufhorchen lassen.
 
Diese Tatsache hat nun zweierlei Dinge zur Folge:
 
Erstens hat es rechtsextremen Bewegungen Gelegenheit geboten, sich in der politischen Szene sowie auf den Straßen breit zu machen. Diese Bewegungen, ob Gruppierungen oder Gangs, sind in ihrer Philosophie und ihrem Verhalten alle aggressiv und gewalttätig, obwohl sie behaupten, sie würden aus Liebe zu ihrer Heimat handeln (aus historischer Sicht haben rechtsextreme Bewegungen die Tendenz, nationalistische Abstraktionen leidenschaftlicher zu lieben als ihre Nächsten).
 
Zweitens hat es zehntausende besonnener, mündiger und verantwortungsvoller Bürger bewegt, mit vielen unterschiedlichen empathischen, menschlichen und intelligenten Initiativen unser ethisches und moralisches Kapital sowie unsere fundamentalen christlichen Tugenden wie Güte, Empathie, Grosszügigkeit und Freundschaft zu schützen.  Kurz gesagt hat diese negative Atmosphäre zur Folge, dass Tausende europäische Kinder, die von den aggressiven und rassistischen Werten ihrer Eltern und der Netzwerke ihrer Erwachsenen geprägt sind, in unsere pädagogischen Einrichtungen eintreten werden. Gleichzeitig werden viele Kinder aus Flüchtlingsfamilien die gleichen Einrichtungen besuchen und diese werden von den Gräueln, die sie in ihrem Herkunftsland erlebt haben, psychologisch, seelisch und existenziell gezeichnet sein, aber auch von einer neuen Angst, und zwar ausgeschlossen und isoliert zu werden, eine Angst, die das Lebensgefühl ihrer Eltern und auch ihr eigenes bestimmen.

Die Etymologie der Aggression

Diese Situation wird unvermeidlich einen Anstieg aggressiven und gewalttätigen Verhaltens zwischen Kindern und Jugendlichen, und sogar von Kindern und Jugendlichen ihren Lehrern gegenüber haben. Der psychosoziale Ursprung dieser Aggression ist die Angst, seinen Besitz, seine Werte und sein Revier zu verlieren; die Angst vor Ablehnung, Ausgrenzung und Isolierung; unerkannter Schmerz aus traumatischen Ursachen, der nachweislich zu PTBS führt, sogar bei sehr jungen Kindern.Die kurze Fassung hiervon, die ich im Folgenden weiter ausführen werde, ist, dass beide Gruppen Kinder entweder einen imaginären Werteverlust erleben werden, der mit ihren übernommenen Werten und Besitz in Verbindung steht (heimische Kinder) oder einen sehr realen Verlust des Gefühls, für die Gesellschaft wertvoll zu sein (geflüchtete Kinder). 
 
Wie ich es ausführlich in meinem Buch über Aggression erklärt habe (Jesper Juul - «Aggression, warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist») bildet dieser imaginäre oder reelle Verlust ihres Wertes als menschliche Wesen an sich die die Wurzel der Aggression. Wenn mit dieser gesunden emotionalen Reaktion nicht angemessen von Seiten der Eltern, Lehrer, Therapeuten, Ärzte und Ordnungskräfte umgegangen wird und wenn sie durch Politiker und den Gesetzgeber nicht gewürdigt wird, wird sie sich immer in Gewalt verwandeln. Wenn Menschen nicht gehört werden, haben sie die Tendenz die «Lautstärke» aufzudrehen. Diese Gewalt kann entweder schädigende Gewalt sein, die andere Menschen verletzt oder ihren Besitz beschädigt, oder sie kann von der introvertierten Sorte sein, die in eine Reihe von selbstzerstörerischen Verhalten resultiert.
 
Destruktive Aggression wurzelt in der Erfahrung des Einzelnen, nicht gesehen und nicht gehört zu werden. Dadurch kommen der Sinn von Zugehörigkeit und das Gefühl, für andere wertvoll zu sein, abhanden. Das daraus resultierende aggressive oder gewaltsame Verhalten kann entweder kurzfristig und mit einer spezifischen Person verbunden sein, oder es kann langfristig sein und sich auf eine andere Person, Gruppe oder soziale Einheit beziehen. Diese Ursache ist kulturübergreifend und nicht auf ein bestimmtes Geschlecht oder Alter bezogen. 

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