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Elternbildung

Wenn Kinder keine Freunde finden

Noemi, 9, steht am Fenster und schaut in den Hof hinunter, wo die anderen Kinder aus der Nachbarschaft Gummitwist und Verstecken spielen. «Geh doch runter und frag, ob du mitmachen kannst», sagt die Mutter. Noemi zuckt zusammen: «Ich muss noch Hausaufgaben machen.» Noemis Mutter versteht die Welt nicht mehr: «Das kannst du doch später erledigen. Geh einfach zu ihnen hin und frag, ob du mitspielen darfst. Was soll denn dabei schon passieren?»
Text: Fabian Grolimund
Illustration:
Petra Dufkova/Die Illustratoren
Bevor Sie sich als Elternteil unnötig Sorgen machen, sollten Sie sich die Frage stellen, ob Ihr Kind unter der Situation leidet. Nicht für alle Kinder haben Freundschaften den gleichen Stellenwert. Manche Kinder blühen in der Gruppe auf, andere fühlen sich alleine oder mit ein, zwei vertrauten Freunden wohl.

Introvertierte Kinder sind beispielsweise gerne in Kontakt mit anderen Kindern, benötigen jedoch mehr Zeit für sich, um sich zu regenerieren. Während extrovertierte Kinder in der Gruppe Energie auftanken, laden introvertierte Kinder ihre Batterien auf, wenn sie alleine lesen oder zusammen mit einem einzigen vertrauten Gspänli draussen sind, Lego spielen oder etwas entdecken.
Extrovertierte Eltern haben oft Mühe, das Verhalten introvertierter Kinder zu verstehen.
Die Gruppensituation ist für diese Kinder eher kräftezehrend. Und so möchten sie sich nach dem Rummel im Kindergarten oder in der Schule zuerst ein wenig zurückziehen und ihre Ruhe haben.

Extrovertierte Eltern haben oft Mühe, das Verhalten introvertierter Kinder zu verstehen. Sie erscheinen ihnen verschlossen oder unzugänglich. Je mehr Sie sich auf das Wesen Ihres Kindes einlassen können, desto eher entdecken Sie die schönen Seiten des stillen Kindes. Diese Kinder sind oft sehr gut in der Lage, sich selbst zu beschäftigen, können sich ganz in eine Tätigkeit vertiefen und entwickeln zwar weniger, dafür aber oft umso schönere und stabilere Freundschaften.

Verständnis ist der Schlüssel

Wünscht sich Ihr Kind mehr Kontakt und Freunde, können Sie es unterstützen. Je mehr Sie sich dabei auf Ihr Kind einlassen und versuchen, seine Welt zu verstehen, desto besser merken Sie, was es braucht und was ihm hilft.
Introvertierten und schüchternen Kindern fällt insbesondere die Kontaktaufnahme schwer – die erste Phase der Freundschaft, in der es darum geht, auf andere zuzugehen, anzurufen oder Verabredungen zu treffen. Sie können Ihrem Kind diese Phase erleichtern.
Wir können dazu den Wunsch des Kindes aufgreifen und fragen, was ihm schwerfällt. Noemi könnte leichter auf die Mutter reagieren, wenn diese zum Beispiel sagt: «Du würdest auch gerne mitspielen … aber es macht dir auch ein wenig Angst runterzugehen?» Vielleicht könnte Noemi darauf antworten: «Ja, was mache ich, wenn die mich nicht mitspielen lassen?» Die Mutter könnte wahrnehmen, wie schwierig es ist, zurückgewiesen zu werden – gerade dann, wenn man kaum Freunde hat, und sich gemeinsam mit der Tochter eine Strategie überlegen.
Dabei ist es oft schon hilfreich, wenn man sich als Erwachsener bewusst macht, wie man sich in einer ähnlichen Situation fühlen und verhalten würde. Angenommen, Sie sind umgezogen und möchten mit den Nachbarn in Ihrem neuen Quartier in Kontakt kommen. Wie würden Sie vorgehen? Wenn Sie drei Frauen im Café um die Ecke sehen, würden Sie einfach hingehen und sagen: «Darf ich mich setzen und mitreden?»

Wahrscheinlich nicht! Das wäre zu aufdringlich – und peinlich, falls die anderen Ihnen ins Gesicht sagen, dass sie das nicht möchten. Vielleicht nehmen Sie sich eine Zeitung, setzen sich an den Tisch daneben und nicken der Mutter, die Sie bereits am Spielplatz gesehen haben, zu – oder stellen sich kurz vor. Sie könnten ein wenig Zeitung lesen und sich in einer Gesprächspause dem Nachbartisch zuwenden und eine Frage stellen. Vielleicht bitten die anderen Sie zu sich an den Tisch. Falls nicht, kennen Sie die anderen nun bereits etwas besser – und können bei der nächsten Begegnung leichter in Kontakt kommen.

Besprechen Sie solche Strategien mit Ihrem Kind. Zum Beispiel: «Du könntest dein eigenes Gummitwist mit runternehmen, es am Pfosten befestigen und alleine üben. Vielleicht fragen dich die anderen dann, ob du auch mitspielen willst. Vielleicht müssen sie dich auch ein paar Mal gesehen haben, bevor sie dich mitspielen lassen». Sie können mit Ihrem Kind auch besprechen, wie es Kontakt aufnehmen kann: «Was könntest du sagen? Was könntest du die anderen fragen?»
Überlegen Sie sich als Erwachsene, wie Sie sich als Kind in einer ähnlichen Situation verhalten würden.

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1 Kommentar

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Von Andrea am 07.06.2016 21:42

Ich finde Ihre Artikel immer sehr lesenswert.

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