Introvertierte Kinder: Die Stärke der Stillen
Entwicklung

Introvertierte Kinder: Die Stärke der Stillen

Es gibt sie, die leisen Kinder. Sie sind in der Schule eher ruhig und schüchtern und brauchen viel Zeit für sich. Eltern sorgen sich oft um diese Kinder und halten sie für «anders», für «seltsam» oder «nicht richtig». Dabei ist Zurückhaltung kein Defizit, sondern eine wertvolle Ressource, die gezielt eingesetzt werden kann.
Text: Christine Amrhein
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ld: Raymond Forbes / Stocksy
Sarah findet es anstrengend, neue Leute kennenzu­lernen. Sie ist gerne alleine und hängt ihren Gedanken nach. «In der Schule bin ich ständig von Menschen umgeben und viele Aufgaben müssen mündlich gelöst werden», erzählt die 17-Jährige aus Baden. «Ich glaube, der ständige Kontakt und das viele Sprechen kosten mich mehr Energie als andere. Zu Hause ziehe ich mich dann erst mal zurück. Das brauche ich, um neue Energie zu tanken.» Typisch für sie sei auch, dass sie von sich aus eher keine Unterhaltung beginnt. Sarah gehört zu den Stillen, Ruhigen, wenig Forschen. Mit ihrem Temperament ist Sarah ein introvertierter Mensch.
Die lauten, gesprächigen 
 Buben und Mädchen fallen mehr auf und bekommen 
 viel Aufmerksamkeit.
«Warum bist du immer so still?» oder «Geh doch mal mehr aus dir heraus!» – solche Sätze hören introvertierte Kinder und Jugendliche häufig von Erwachsenen. Denn wir leben in einer lauten Gesellschaft: Nicht nur bei Erwachsenen zählen ein hohes Selbstbewusstsein, Kontaktfreudigkeit und die Fähigkeit, sich gut zu präsentieren. Auch bei Kindern ist es ähnlich: Die lauten, gesprächigen Buben und Mädchen fallen mehr auf und bekommen viel Aufmerksamkeit. Die ruhigeren werden dabei eher «übersehen» – und ihre besonderen Fähigkeiten oft gar nicht erkannt. Nicht selten ­fragen sie sich: «Was ist eigentlich mit mir los?» Oder bekommen mit der Zeit das Gefühl: «Mit mir stimmt etwas nicht» – weil sie sich intuitiv mit anderen, selbstbewussteren Kindern vergleichen oder weil Eltern, Lehrer oder Mitschüler ihnen vermitteln, sie sollten doch «anders» sein – mutiger, lebhafter und geselliger.

Die Übersehenen ins Licht rücken

Die Persönlichkeitseigenschaft Ex­­traversion – aus dem Lateinischen extra = aussen, vertere = wenden – zeigt auf, wie umgänglich und nach aussen orien­tiert jemand ist. Für jemanden, der beispielsweise hohe Extraversionswerte in einem Persönlichkeitstest aufweist, ist das Leben ein grosser Trubel. Diese Personen sind gern unter Menschen, lieben gesellige Treffen und sind oft sehr energiegeladen. Jemand mit niedrigen Extra­versionswerten, also hoher Intra­version, ist weniger nach aussen gerichtet, weniger ausgelassen und an sozialen Aktivitäten beteiligt, sondern allgemein eher ruhig und zurückhaltend.

Das Konzept von Intro- und Ex­traversion wurde erstmals 1921 vom Psychiater Carl Gustav Jung beschrieben. Er nahm an, dass introvertierte Menschen ihre Aufmerksamkeit und Energie stärker nach innen, ­extravertierte dagegen stärker nach aussen richten würden. Später ­wurde die Dimension «Introversion – Extraversion» von Persönlichkeitsforschern in das «Fünf-­Faktoren-Modell» (englisch «Big Five»-Modell) der Persönlichkeit integriert. Die meisten Fachleute gehen davon aus, dass etwa ein Drittel der Menschen introvertiert und ein Drittel extravertiert ist. Das übrige Drittel bestreiten die sogenannten «Ambivertierten». Tatsächlich ist der Begriff ein Kunstwort. «Ambivertiert» beschreibt einen Zwischenzustand, in dem man sich mal intro- und mal extravertiert verhält.

Den Betroffenen die Augen öffnen

Mit ihrem Buch «Still. Die Kraft der Introvertierten» hat die frühere US-Anwältin Susan Cain erstmals eine grosse Öffentlichkeit auf den «ruhigen Teil» der Menschen aufmerksam gemacht. Ihre Idee dabei: In einer Zeit, in der vor allem Kommu­nikation und ein hohes Selbstbewusstsein zählen, über die typischen Merkmale und Stärken von Introvertierten aufzuklären. Dabei möchte sie auch den Betroffenen selbst die Augen öffnen – und ihnen helfen, sich so zu akzeptieren, wie sie sind. Das Buch wurde schnell zum Beststeller. «Viele Tausend Menschen erzählten mir ­einfach nur diesen Gedanken: dass ihr stilles Herangehen bei richtiger ­Nutzung eine starke Kraft darstellt», schreibt Cain. Dieser Prozess der Bewusstwerdung habe das Leben vieler Menschen tatsächlich verändert. Aber wie lässt sich erkennen, ob jemand ein «Intro» oder ein ­«Extra» ist?

Die Psychologin Brigitte Stirnemann sagt: «Die Schlüssel­frage lautet: Wie verhält sich ein Mensch, wenn er nach einer anstrengenden Zeit seine Batterien aufladen möchte?» Stirnemann ist Psychologin, systemische Beraterin für Paare und Familien und Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Zürich. «Introvertierte tun dies vor allem durch Rückzug auf sich selbst, in einer reizarmen Umgebung und ohne viele Worte. Extravertierte gewinnen ihre Energie dagegen aus dem Kontakt mit anderen Menschen.» 
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1 Kommentar

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Von Susanne am 01.07.2020 15:15

Ja, introvertierte Kinder wirken weniger selbstbewusst. Das hat einen Grund. Es verhält sich ähnlich wie mit der Schüchternheit: Ruhigen und zurückhaltenden Kindern wird zu häufig nahegelegt, forscher und kontaktfreudiger zu werden, obgleich es nicht ihrer Wesensart entspricht. Somit kommt das geringere Selbstbewusstsein eher daher, dass die Veranlagung Introversion falsch verstanden wird. Wer nicht authentisch sein darf, strahlt auch weniger Selbstbewusstsein aus.

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