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Elternbildung

Väter, rauft mit euren Kindern!

Mit dem Vater spielerisch rangeln und raufen macht den meisten Kindern Spass. Und nicht nur das. Forscher fanden nun heraus, dass Kinder dabei lernen, ihre Emotionen zu regulieren. 
Text: Matt Stevenson
Eine der einflussreichsten Theorien in der Entwicklungspsychologie des letzten Jahrhunderts ist die Bindungstheorie. Danach bildet die Eltern-Kind- Interaktion im Säuglingsalter die Grundlage für die Entwicklung der kindlichen Bindung zur Mutter beziehungsweise zum Vater. Wenn Eltern feinfühlig sind, auf die Bedürfnisse ihres Kindes reagieren und ihm Wärme und Liebe geben, bieten sie ihm eine sichere Grundlage. Kinder, die über diese sichere Grundlage verfügen, wagen es, ihre Umgebung zu erkunden, wenn sie von ihren Eltern dazu ermutigt werden. 
Väter ermutigen ihre Kinder eher, ihre Umgebung zu erkunden.
Eine neue Sichtweise legt nahe, dass Mütter Kindern mehr von dieser sicheren Grundlage vermitteln, während Väter sie eher dazu ermutigen, die Umgebung zu erkunden. Die sogenannte Aktivierungstheorie geht davon aus, dass das anregende, destabilisierende Spiel der Väter den Kindern ein Umfeld bietet, in dem sie beim Spielen emotional und körperlich stimuliert werden, zum Beispiel, wenn sie mit dem Vater raufen. Diese Art des Vaterseins nenne ich «aktivierende Vaterschaft ». Allerdings haben alle Eltern schon erlebt, dass es bei aufgedrehten Kindern ein «zu wenig», «gerade richtig» und «zu viel» gibt. Väter, die mit ihren Kindern zu grob umgehen oder nicht aufhören zu raufen, wenn das Kind genug hat, können es überstimulieren.

Sozial angemessene Aggression 

Viele Aspekte des spielerischen Raufens können als sozial angemessene «Aggression» angesehen werden. Den Kindern wird dadurch ein anregendes Umfeld geboten, in dem sie üben können, ihre Emotionen zu regulieren, um am dynamischen Spiel teilzunehmen, ohne auf sozial unangemessene Aggression wie etwa Gewalt zurückgreifen zu müssen. Wenn Ihr Kind zum Beispiel auf dem Spielplatz gehänselt wird, ist es in der Lage, zu entscheiden, ob es das andere Kind auch piesackt (sozial angemessene Aggression) oder es schlägt (sozial unangemessene Aggression; Gewalt). In einer ersten Studie haben wir Mütter, Väter und Kinder zu Hause beobachtet und die aktivierende Erziehungsweise beider Elternteile erfasst. So konnten wir untersuchen, ob aktivierende Vaterschaft einen besonderen Einfluss auf Kinder hat, der über aktivierende Mutterschaft hinausgeht. Unsere Ergebnisse zeigen: Aktivierende Vaterschaft führt zu verbesserter Sozialkompetenz und zu einer verbesserten Fähigkeit
der Kinder, auch bei einer frustrierenden Aufgabe nicht gleich aufzugeben.

Auch Mütter aktivieren ihre Kinder 

Väter spielen also eine einzigartige Rolle? Wie alle Eltern wissen, ist der Kontext ausschlaggebend. Erziehungsweisen, die für Kinder auf dem Spielplatz funktionieren, sind nicht unbedingt richtig oder angebracht, wenn es um die Hausaufgaben geht. In einer nächsten Studie haben wir uns mit der aktivierenden Erziehungsweise beider Eltern im Umgang mit einjährigen Kindern befasst. Dafür baten wir Väter und Mütter, ihren Kindern im Forschungszentrum ein paar Dinge beizubringen (etwa auf dem Xylofon Klangstäbe treffen, auf Bauklötze verschiedener Formen einhämmern), und untersuchten, ob Väter und Mütter auf unterschiedliche Weise mit den Kindern interagieren. Wir fanden Väter, die aktivierende Verhaltensweisen zeigten, allerdings auch aktivierende Mütter. Im Rahmen unserer ersten Studie haben wir die Familien zu Hause beobachtet. Für die zweite Studie holten wir die Familien zu uns ins Forschungszentrum und gaben ihnen die Anweisung, dem Kind etwas beizubringen, das es alleine noch nicht kann. Es kommt eben auf den Kontext an. 
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Aktivierende Vaterschaft kann zu verbesserter Sozialkompetenz führen.
Vielleicht zeigen sich aktivierende Erziehungsweisen bei Vätern insbesondere dann, wenn sie spielerisch mit ihren Kindern raufen, was zu Hause eher der Fall sein könnte. Vielleicht praktizieren Mütter und Väter auf andere Art aktivierende Erziehungsweisen, wenn sie ihren Kindern etwas beibringen. Nun haben wir ein neues System entwickelt, um die aktivierenden Erziehungsweisen beider Eltern für die Lehraufgabe in der zweiten Studie zu messen. Derzeit werten wir Videos mit 191 Interaktionen zwischen einjährigen Kindern und ihren Vätern beziehungsweise Müttern aus. Wenn das zweite Kind dann 7 bis 10 Jahre alt ist, sprechen wir erneut mit den Familien – in einer Nacherhebung, die durch die Jacobs Foundation finanziert wird. Wir befragen Eltern und Kinder zu ihrer Beziehung zueinander, zu Konflikten mit Geschwistern, zu Sozialkompetenzen und zu emotionalen und verhaltensbezogenen Problemen der Kinder. Ausserdem untersuchen wir, ob die aktivierende Erziehungsweise in verschiedenen Kontexten nur von Vätern praktiziert wird und ob aktivierende Vaterschaft die gesunde kindliche Entwicklung langfristig beeinflusst. Also los, Väter, rauft mit euren Kindern! Das wird ihnen helfen, ihre Emotionen zu regulieren. Aber vergesst nicht, auf die Signale eurer Kinder zu achten.

Bild: fotolia.com

Take-Home-Messages:


  • Aktivierende Vaterschaft hilft Kindern, zu lernen, ihre Emotionen zu regulieren. 
  • Spielerisches Raufen schadet Kindern nicht, solange die Eltern nicht zu grob werden. 
  • In bestimmten Kontexten, beispielsweise in Lehrsituationen, zeigen Mütter und Väter aktivierende Erziehungsweisen.

Jacobs Foundation 


Als eine der weltweit führenden gemeinnützigen Stiftungen verpflichtet sich die Jacobs Foundation seit 25 Jahren der Forschungsförderung im Bereich der Kinder- und Jugendentwicklung. Die Stiftung möchte künftige Generationen durch die Verbesserung ihrer Entwicklungsmöglichkeiten nachhaltig unterstützen.

Zum Autor:


Dr. Matt Stevenson ist Postdoktorand in Entwicklungspsychologie am Center for Human Growth and Development der University of Michigan. 2014 promovierte er an der Arizona State University in klinischer Psychologie. Er interessiert sich für die Rolle der Väter in der kindlichen Entwicklung und für Entwicklungspsychopathologie. In seiner Forschung geht es um Bindungstheorie im Zusammenhang mit Vater-Kind-Beziehungen; den einzigartigen Einfluss von Vätern auf die Entwicklung kindlicher Selbstregulation und Sozialkompetenzen; und um die Verletzlichkeit von Vaterschaft und Vater-Kind-Beziehungen bei Ehekonflikten.

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