Gesundheit und Lärm: Ruhe, bitte!
Elternbildung

Ruhe, bitte!

In Schulen und Kindergärten, aber auch zu Hause kann es empfindlich laut werden. Wie Lärm der Gesundheit von Kindern schadet und wie wir sie davor schützen können.
Text: Julia Nolte
Bild:
Courtney Hale/Getty Images
Ob Motorenlärm, dröhnende Musik bei Strassenumzügen oder das Gekreische der eigenen Geschwister und Kollegen: Kinder sind tagtäglich Lärm ausgesetzt.

Wie schädlich er ist, hängt davon ab, um welche Geräusche es sich handelt, wie laut sie sind und wie lange man ihnen ausgesetzt ist. Ein einziger Feuerwerkskörper, der in Ohrnähe explodiert, genügt, um das Gehör dauerhaft zu schädigen. Gleiches gilt für scheinbar harmlose Spielzeugpistolen, Trillerpfeifen und Luftballons: Ein Knall, Pfiff oder Platzen am Ohr und es ist im schlimmsten Fall taub. «Aurale Lärmwirkungen», sagen Expertinnen wie Maria Klatte dazu.

Die Psychologieprofessorin der TU Kaiserslautern erforscht, wie sich Umweltlärm auf die Entwicklung von Kindern auswirkt. «Aural wirkt ein Geräusch dann, wenn es das Gehör direkt schädigt», erklärt Klatte. Dazu kommt es bei einmaligen Hörereignissen von über 120 Dezibel wie im Falle des platzenden Luftballons, aber auch wenn man jahrelang täglich viele Stunden lang Pegeln von über 85 Dezibel ausgesetzt ist. Das sei bei Kindern allerdings «sehr selten». Mehr als 85 Dezibel bekommt man zum Beispiel an Stadtautobahnen zu hören, in lauten Clubs oder beim Musik­hören über Kopfhörer. 

Ungesunde Dauerbelastung

«Das grössere Problem», sagt Klatte, «sind die extra-auralen Lärmwirkungen.» Diese Geräusche machen zwar nicht das Ohr kaputt, führen aber zu einer Stressbelastung, die sich auf Dauer negativ auswirken kann. Auf den Blutdruck zum Beispiel, auf den Schlaf oder auf die Fähigkeit, sich zu konzentrieren, etwas zu behalten und Sprache zu verstehen.
 
Klatte hat die Lesekompetenz von Schulkindern untersucht, die in der Nähe eines Flughafens wohnen und dort zur Schule gehen. Ein Ergebnis dieser sogenannten NORAH-Studie (Noise-Related Annoyance, Cognition, and Health) von 2017: Bei einer um 10 Dezibel höheren Fluglärmbelastung verzögert sich das Lesenlernen um etwa einen Monat. Bei 20 Dezibel sind es zwei Monate.
Bei 10 Dezibel mehr Fluglärm wird das ­Lesenlernen um einen Monat verzögert, bei 20 Dezibel um zwei Monate.
Warum ist das so? Weil man sich bei Lärm schlechter konzentrieren kann und schlechter versteht, was gerade gesagt wird. Kinder sind davon noch viel stärker betroffen als Erwachsene etwa in einem Grossraumbüro, weil sich die kognitiven Fähigkeiten in jungen Jahren erst entwickeln. Die Schüler lernen ­gerade, wie Buchstaben und Wörter klingen und Laute auseinanderzuhalten sind. Dabei sind Störgeräusche extrem hinderlich. «Je jünger die Kinder, desto gravierender wirkt Lärm auf das Sprachverstehen», sagt Maria Klatte. Das belegen Studien zur Akustik in Klassenräumen. «Erstklässler sind durch Lärm deutlich stärker beeinträchtigt als Drittklässler und diese deutlich stärker als Erwachsene.» 

Und dafür braucht es nicht einmal Fluglärm. Auch in ruhiger ge­legenen Schulen zeigen stichprobenartige Messungen, dass der Lärmpegel oft zu hoch ist. Vielerorts liegt die Nachhallzeit im Klassenzimmer über 0,6 Sekunden. Das ist jener Wert, den die auch in der Schweiz massgebende DIN-Norm 18041 für Schulräume eigentlich vorschreibt – und der offenbar zu selten eingehalten wird. «Dabei ist gute Akustik genauso wichtig fürs Lernen wie gutes Licht oder gute Luft.» Das sagt Kurt Eggenschwiler, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Akustik. 20 Jahre leitete der Ingenieur die Abteilung Akustik/Lärmminderung am Forschungsinstitut Empa in Dübendorf und weiss: «Wenn es in der Klasse lärmig ist, wird das Lernen behindert.» Kinder, die zu Hause eine andere Muttersprache sprechen, aber auch Kinder mit Lernschwierigkeiten oder Hörbeeinträchtigung trifft das besonders hart. Auch eine Fremdsprache erlernt sich schwieriger, wenn im Unterrichtsraum keine Ruhe herrscht.

Neubauten mit schlechter Akustik

Die meisten Störgeräusche kommen nicht durchs Fenster herein, sondern entstehen im Klassenzimmer selber. Das ist ganz normal: Stühle werden gerückt, jemand tuschelt oder scharrt unterm Tisch mit den Füssen, ein Schulthek fällt um. ­Problematisch wird dies nur, wenn der Raum keine gute Akustik hat. «In einem ordentlichen Klassenzimmer mit Akustikdecke und vielleicht sogar Akustikelementen an den Wänden, vielleicht auch noch einem Polstersofa, werden die Reflektionen gedämpft, die Sprache wird klarer, die Verständlichkeit besser», sagt Eggenschwiler.

Doch selbst bei Neubauten ist dies nicht selbstverständlich, im Gegenteil: «Wer wie heute üblich mit harten Oberflächen aus Glas und Beton baut, bekommt Hallräume mit schlechter Sprachverständlichkeit. Da drin wirds richtig laut, weil der Schall reflektiert wird», kritisiert Eggenschwiler. Kein guter Ort für eine Schule. Und wenn man ehrlich ist, auch kein idealer Platz für ein ruhiges Zuhause. In einer sparsam möblierten Grossraumwohnung mit nackten Wänden aus Glas und Stein mag es luftig und hell sein – aber wer erträgt dort einen Regentag mit spielenden Kindern?
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Wie laut ist es bei uns zu Hause?

Läuft bei Ihnen ständig im Hintergrund das Radio oder kommen im Familienalltag auch Ruhepausen vor? Machen Sie den Lärm-Check. Ihre Antworten auf diese Fragen können dabei helfen, das eigene Verhalten zu überprüfen – und Sie vielleicht auf Ideen für einen ruhigeren Familienalltag bringen.

  • Schalten Sie den Fernseher ein, sobald Sie nach Hause kommen?
  • Läuft beim Essen immer Musik im Hintergrund?
  • Benutzen die Kinder Kopfhörer mit Lautstärke­begrenzung?
  • Haben Sie Kinderspielzeug, das laute Geräusche von sich gibt?
  • Wenn Sie im Wohnzimmer in die Hände klatschen, gibt das einen unangenehmen Nachhall?
  • Liegt im Kinderzimmer ein Teppich?
  • Gibt es in Ihrem Zuhause bestimmte Räume, in denen alle leise sind? 
  • Wird Rücksicht genommen, wenn jemand gerade lernen oder Hausaufgaben machen will?
  • Gehen Sie mit Ihren Kindern auf Veranstaltungen oder zu Indoor-Spielplätzen, die Ihnen eigentlich zu laut sind?
  • Gönnen Sie Ihrer Familie im Alltag auch ­Ruhepausen?
  • Gehen Sie regelmässig in die Natur?
  • Geniessen Sie manchmal ganz bewusst die Ruhe, zum Beispiel im Wald?
  • Lesen Sie vor dem Zubettgehen etwas vor oder singen gemeinsam ein Gutenachtlied?
Quelle: www.kindergesundheit-info.de

1 Kommentar

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Von Sandra am 27.03.2021 10:09

gute Erkenntnis. Aber in der Schule ist es trotzdem zu laut und dagegen wird nichts unternommen.

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