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Elternbildung

André Stern, darf man Kindern keinerlei Grenzen setzen?

Kinder können sich das nötige Wissen für das Leben aus sich selbst heraus aneignen, sagt André Stern. Der Freilerner über den Wert des freien Spiels, Motivation durch Begeisterung und warum es eine neue Haltung gegenüber unseren Kindern braucht. 
Interview: Evelin Hartmann
Bilder: Herbert Zimmermann / 13 Photo
Rund 480 Plätze bietet der Saal im Maihof in Luzern. Wer keinen freien Platz gefunden hat, steht am Rand, hockt, sitzt auf dem kalten Stein­boden. Auf der Bühne steht ein Mann, die langen Haare im Nacken zusammengebunden, weisses Hemd, Sakko, karierter Schal. André Stern breitet die Arme aus, steigt die wenigen Stufen zum Zuschauerraum immer wieder rauf und runter, kniet sich vor Zuschauer, steht wieder auf – und fast nie still. Währenddessen erzählt er von seinen Erfahrungen als Kind, das sich all das nötige Wissen überall angeeignet hat, nur nicht in der Schule. Die hat er nie besucht, ebenso wenig wie seine Söhne es heute tun. André Stern referiert über den Wert der kindlichen Begeisterung, des freien Spiels, darüber, dass schon alles gut kommt, wenn Eltern ihre Kinder sich frei entfalten lassen, ihnen auf Augenhöhe begegnen – ja, sie in gewisser Weise nicht wie Kinder behandeln. Nein, das bestehende Schulsystem kritisieren oder gar abschaffen wolle er nicht, nur sich und seine eigenen Kinder dafür ins Feld führen, dass es auch anders laufen kann. Mit dieser Botschaft füllt der Buchautor («... und ich war nie in der Schule. Geschichten eines glücklichen Kindes») und Musiker immer wieder Vortragssäle in Frankreich, Österreich, Deutschland und der Schweiz.

Vor seinem Vortrag im Luzerner Maihof hat sich André Stern die Zeit für ein Gespräch mit uns genommen.

Herr Stern, Sie wirken sehr im Reinen mit sich. Was haben Ihre Eltern richtig gemacht?

Ich wurde nicht erzogen in Kategorien wie richtig oder falsch, gut oder schlecht zu denken. So funktioniere ich nicht. Ich habe mich nie mit anderen verglichen. Und das – da haben Sie recht – verdanke ich meinen Eltern.
André Stern ist 1971 in Paris geboren und aufgewachsen, er ist Sohn des Forschers und Malort-Gründers Arno Stern. Stern ist Musiker, Autor und Vortragsredner, er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen (8 und 2) in Poitiers, südwestlich von Paris.
André Stern ist 1971 in Paris geboren und aufgewachsen, er ist Sohn des Forschers und Malort-Gründers Arno Stern. Stern ist Musiker, Autor und Vortragsredner, er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen (8 und 2) in Poitiers, südwestlich von Paris.

Inwiefern?

Das Problem ist, dass Menschen, sobald es um Kinder geht, von ihren eigenen Erfahrungen ausgehen: Was habe ich selbst mit meinen Eltern erlebt? Wie sind sie mit mir umgegangen? Oder sich an Modellen und Konzepten von sogenannten Erziehungsexperten orientieren.

Ihre Eltern haben das nicht getan?

Nein, sie sind von uns Kindern ausgegangen.
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Das heisst?

Sie haben sich die Frage gestellt: Wonach sucht das Kind? Welches sind seine ganz eigenen Bedürfnisse? Sie haben meine Schwester und mich beispielsweise nicht zur Schule geschickt, weil sie in ihrer eigenen Schulzeit gelitten hätten. Sie haben sich viel mehr für die Bedürfnisse, die Veranlagungen und den Rhythmus ihrer Kinder entschieden – demzufolge nicht gegen, sondern für etwas.

Sie betonen immer wieder, dass Sie niemanden für eine bestimmte Erziehungsmethode gewinnen wollen. Trotzdem haben Sie doch eine Botschaft?

Ich denke, es braucht eine neue Haltung gegenüber Kindern. Jeder Mensch kommt mit denselben Veranlagungen und Grundbedürfnissen zur Welt. Wir alle wünschen uns Liebe und Verbundenheit, Nahrung für alle Sinne und die Möglichkeit zur Entfaltung unserer Potenziale bei gleichzeitiger Autonomie. Wir bringen dafür optimale Fähigkeiten mit, wie Begeisterung und Offenheit für lebenslanges Spielen, Lernen und Entdecken. 

Sie sprechen in Ihren Büchern von der Ökologie der Kindheit. Was meinen Sie damit?

Die Ökologie der Kindheit ist im Grunde der Versuch, diese neue Haltung dem Kind gegenüber in einem Begriff zusammenzufassen – eine Haltung, die auf Achtsamkeit und Vertrauen beruht. Und bevor Sie fragen: Die eine richtige Haltung gibt es nicht. Die meiner Eltern habe ich schon beschrieben. Sie sind nicht von sich, sondern von uns Kindern ausgegangen, was dazu geführt hat, dass ich mich mein Leben lang meinen Veranlagungen widmen konnte. Und, was ganz wichtig ist, man hat mein Spiel nicht unterbrochen und vor allem ernst genommen.

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