Warum ich Kinder habe

Über Geschmack lässt sich nicht streiten, so heisst es, denn Geschmack ist eine persönliche und emotionale Frage, an der sachliche Argumente abprallen. Dennoch verliert sich alle Welt in Diskussionen darüber. Bei der Kinderfrage ist es ähnlich. Abhängig von den Variablen persönliche Geschichte, Umfeld, Partner und Zufall sind die Argumente dafür oder dagegen zahllos und meistens gruppieren sich ganze Glaubenssysteme darum. Doch letztlich sind Kinder ein Axiom, eine Setzung.

Warum also habe ich Kinder? Das weiss ich auch nicht so genau. Die Antwort muss eine Spurensuche sein. Als radikaler Teenager fand ich die Welt viel zu böse, um sie Kindern zuzumuten. Als Studentin überraschte mich die Welt positiv, allerdings fragte ich mich nun, ob ich selber gut genug war, mich einem Kind zuzumuten. Aber die Frage blieb abstrakt, Kinder und Babys fand ich intellektuell uninteressant und nervlich anstrengend.

Und dann gab es da in den Neunzigerjahren in Basel dieses Kunstprojekt namens @home. Es war ein grosses, offenes Atelier auf einem stillgelegten Areal, in dem eine Handvoll Künstler das Wohnen zur Kunstform erklärten, ein Projekt zwischen sozialer Plastik und Spiel, zwischen Factory Life und Kommunenexperiment. Ich war damals Mitte zwanzig, wohnte ebenfalls auf dem Areal und war häufig zu Gast. @home war der Knotenpunkt eines kreativen Netzwerks, Leute jeden Alters und jeder Konvenienz gingen ein und aus, Künstler, Kuratoren, Theoretiker, Randexistenzen, es gab Essen und Partys und Happenings, manchmal mit, manchmal ohne Kinder.

Ein Kind zu gebären heisst, selbst als Mutter geboren zu werden, die eigene Persönlichkeit in eine zuvor unbekannte Richtung zu überschreiten.
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