Elternblog

Die Sache mit den Kindern: Eine vorläufige Bilanz

Unser Autor fragt sich, was bald 18 Jahre Vatersein mit ihm gemacht hat, und was er daraus gelernt hat. Eine Erkenntnis sei vorweggenommen: Was man in der Erziehung auch macht – das Gegenteil ist auch immer falsch. 
Text: Mikael Krogerus
Ich stehe an einem Punkt im Leben, an dem ich, verzeihen Sie mir das Bild, das Licht am Ende des Tunnels sehe. Meine Kinder sind jetzt 17 und 12. Das heisst, ich habe das Gröbste hinter mir. Die Erziehung ist weitestgehend abgeschlossen, ich kann ihnen jetzt nicht mehr viel beibringen, und sollte ich es doch versuchen, werden sie es mit Augenrollen quittieren.

Ich kann nur hoffen, dass sie etwas mitgenommen haben von dem, was mir wichtig schien. Hoffen, dass ich in den richtigen Momenten ihre Hand hielt und sie in den richtigen Momenten wieder losliess.

Im Auge des Orkans

Die beiden entfernen sich langsam aber sicher von mir, und mitunter habe ich das Gefühl, jetzt erst etwas klarer zu sehen, was die letzten Jahre eigentlich los war. Das hier wird also eine vorläufige Bilanz dessen, was ich gelernt habe.

Mein vorherrschendes Gefühl als Vater war, in einem tollen, aber zu anspruchsvollen Job zu stecken, überfordert von der Belastung, alles sollen zu müssen und nichts richtig machen zu können. Ständig stand man inmitten eines nicht enden wollenden Orkans, und sobald er sich doch legte, vergass man ihn, weil bereits der nächste drohte.

Kinderhaben ist Superzeitlupe und schneller Vorlauf in einem: Wenn man Tobsuchtsanfälle handeln, mit Holztieren spielen oder in überfüllten Wartezimmern der Notaufnahme hocken muss, dann wandeln sich Sekunden in eine zähe Einheit aus Blei und Teer. 
Die Tage sind lang, aber die Jahre sind kurz. Geniessen Sie also die Minuten, die Ihnen wie Stunden vorkommen.
Zugleich aber rast die Zeit: Eben konnten die Kleinen noch nicht gehen, plötzlich drehen sie Joints. Erst hinterher versteht man, dass mit Kindern folgende Formel gilt: Die Tage sind lang, aber die Jahre sind kurz. Geniessen Sie also die Minuten, die Ihnen wie Stunden vorkommen.

Sagte ich vorhin, dass sich die Kinder von mir entfernen? Das stimmt nicht ganz, sie entfernen sich von uns. Denn ich hatte das Glück im Leben, die Kinder nicht alleine zu erziehen. Nicht, dass das unmöglich wäre, mit meiner Mutter hatte ich da eigentlich ein hervorragendes Vorbild. Aber es ist doch leichter, das Kochen und das Aufräumen, die Verzweiflung und den Wahnsinn, das Glitzern und das Glück zu teilen.

Und wir waren auch nicht zu zweit. Da waren noch Grosseltern, Onkel und Tanten, ein ebenso verrückter wie entzückender Babysitter, Erzieherinnen und Lehrer, Nachbarn und Freunde. Sie alle gehörten zum Bezugsrahmen unserer Kinder. Sie alle, nicht wir, waren zuständig für die Erziehung unserer Kinder. Zu glauben, man selbst allein wisse, was für sein Kind am besten ist, ist eine Anmassung. Ich glaube sogar, das Gegenteil ist wahr: Je mehr vertrauensvolle Bezugspersonen ein Kind hat, desto eher ist eine drunter, die ihm entspricht.

Jung und ahnungslos waren wir, als wir Eltern wurden

Wir wurden zu einem Zeitpunkt Eltern, als wir selber noch unterwegs waren. Wohin, wussten wir nicht. Und weil es schwer ist, anderen zu zeigen, wie sie leben sollen, wenn man selbst nicht weiss, was man vom Leben will, konnten wir unseren Kindern ausser jugendlicher Energie und Liebe nicht viel bieten.

Die Sache mit Kindern ist die, dass du nicht mehr Ctrl + Z drücken kannst.
Du kannst nicht mehr zurück, um ein paar Weichen in deinem Leben anders zu stellen. Du wirst mit einem Schlag älter. Alles ändert sich. Alles wird verbindlich. Das hat auch Gutes. Die Selbstbezogenheit nimmt ab. Du lernst über Nacht, was es heisst, Verantwortung zu übernehmen, und auch, was es heisst, sie zu tragen. Und, dass das etwas vom Schönsten ist. Und vom Schwersten. Noch etwas zum richtigen Zeitpunkt: Eigentlich passt es nie. Warum nicht jetzt?
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Das Gefühl tiefer Verzweiflung beim Erziehen der eigenen Kinder ist eines der universellsten Erlebnisse, die das Menschsein überhaupt mit sich bringt.
Trotz unserer jetzt fast 18-jährigen Erfahrung als Eltern würde ich uns nicht als «erfahren» bezeichnen, denn Erfahrung setzt ja irgendwie voraus, dass man daraus schlau geworden wäre. Tatsächlich aber ist es nicht so, dass ich das Gefühl habe, jemandem Tipps geben zu können oder sichere Erkenntnisse gewonnen zu haben.

Wir waren jung und ahnungslos und versuchten irgendwie, das Beste daraus zu machen. Und ging das nicht allen so? Je aufrichtiger ich mit anderen Eltern spreche, auch mit meinen eigenen, desto mehr beschleicht mich der Verdacht, dass niemand wirklich weiss, wie es geht, das mit den Kindern. Niemand kennt das richtige Verhältnis zwischen Liebe und Strenge. Niemand weiss, wie man Genervtheit in Gelassenheit verwandelt, Sorge in Vertrauen und Härte in Klarheit. Und am allerwenigsten wissen es jene, die dir mit grosser Sicherheit erklären, was richtig ist.
Mikael Krogerus ist Autor und Redaktor des «Magazins». Im ElternMagazin Fritz+Fränzi schreibt er eine Kolumne im Wechsel mit Michèle Binswanger. Mikael Krogerus ist Vater einer Tochter und eines Sohnes. Er lebt mit seiner Familie in Basel.
Mikael Krogerus ist Autor und Redaktor des «Magazins». Im ElternMagazin Fritz+Fränzi schreibt er eine Kolumne im Wechsel mit Michèle Binswanger. Mikael Krogerus ist Vater einer Tochter und eines Sohnes. Er lebt mit seiner Familie in Basel.
Heute denke ich, in der Erziehung gilt: Das Gegenteil ist auch immer falsch. Es wird so viel über die Kinder gesprochen. Über die richtige Ernährung, das richtige Erziehungskonzept, die richtige Schule und den richtigen Umgang mit sozialen Medien. Aber ist es eine ehrliche Diskussion? Es gibt wenig Platz für Zugeständnisse. Selten hört man, dass vielleicht nicht immer alles reibungslos läuft, dass nicht alle Gefühle, die man für seine Kinder hegt, auch wenn man sie noch so sehr liebt, immer ausschliesslich positiv sind.

Ganz zu schweigen vom Druck, der auf einem lastet, alles richtig machen zu müssen. Wir reden nicht drüber. Dabei ist doch das Gefühl tiefer Verzweiflung beim Erziehen der eigenen Kinder eines der universellsten Erlebnisse, die das Menschsein überhaupt mit sich bringt.

1 Kommentar

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Von Elisabeth am 23.05.2019 09:48

Danke für die offenen Erkenntnisse. Ich bin nun Grossmutter von 3 Enkelkindern und denke im nachhinein, es braucht keine Erziehung nur Vorbilder und Liebe. Je mehr Präsenz im eigenen denken und handeln je mehr Liebe kann fliessen. Viel Freude im wachsen. es geht immer höher und tiefer. Lg Elisabeth

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