Mediennutzung

So geht gutes Benehmen – im Internet

Online wie offline braucht es gutes Benehmen und Höflichkeit für ein funktionierendes Miteinander. Unser Kolumnist Thomas Feibel plädiert dafür, die etwas in Vergessenheit geratenen Internet-Benimmregeln zu aktualisieren.
Text: Thomas Feibel
Illustration:
Petra Dufkova/Die Illustratoren
In der Anfangszeit des Internets entstand die sogenannte Netiquette, eine kurze, aus Stichworten bestehende Benimmfibel mit Hinweisen für einen guten und respektvollen Umgang miteinander im Netz. Der Begriff Netiquette ist ein Kunstwort, das sich aus Netz und Etiquette zusammensetzt.

Während die klassische Etiquette dafür sorgen sollte, dass sich niemand bei offiziellen Anlässen blamierte und das gesellschaftliche Miteinander funktionierte, konzentriert sich die Netiquette auf höfliche Umgangsformen. Doch ist die Netiquette nicht verpflichtend – und scheint in den letzten Jahren in Vergessenheit geraten zu sein. Denn bekanntlich wird nirgends so hemmungslos geflucht, geschimpft, gelästert, gelogen, gehänselt, gequält, genötigt, gedroht und gemobbt wie im Internet.

Weshalb ist die Netiquette verstaubt?

Das Problem: Die Netiquette entwickelte sich nicht mit dem extrem hohen Takt technischer Innovation, sondern blieb stehen. Eine der damals üblichen Empfehlungen lautete zum Beispiel, sich online kurz zu fassen. Denn wer ins Netz wollte, loggte sich eigens mit einem Modem ein und danach wieder aus. Heute sind wir dank Flatrate permanent «on», und die Mails stellen keinen nützlichen Zusatz zum persönlichen Brief dar, sondern haben ihn inzwischen fast ersetzt.

Während die freien Chats durch Whatsapp und andere Messenger weitgehend abgelöst worden sind, kam auch noch das Smartphone hinzu, das sich zwar als ungeheuer praktisch erweist, jedoch eben auch gänzlich neue Unsitten an den Tag bringt. Etwa, wenn beim Essen auf dem Tisch neben Gabel, Messer und Löffel ganz selbstverständlich das Natel liegt. Und in sozialen Netzwerken wiederum ist tagtäglich die Verrohung der Sprache zu beobachten. Von Hassparolen und Hetze einmal abgesehen, werden nicht nur diejenigen beleidigt, die politisch eine andere Meinung vertreten. Bereits bei unverfänglicheren Themen wie Erziehung können die Fetzen fliegen.

Warum ist der Ton im Netz so rau?

Das Gute am Internet ist: Jeder kann mitmachen. Diese freie Zugänglichkeit wird jedoch oft als Ventil für Wut und Frustration missverstanden, um regelrecht Dampf abzulassen. Die damit einhergehende Hemmungslosigkeit erklären sich Psychologen mit der Entkörperlichung. Menschen werfen sich online Dinge an den Kopf, die sie offline in einem persönlichen Gespräch nie so äussern würden.

Besonders nachdenklich stimmt, dass manche nicht einmal mehr das Bedürfnis haben, sich hinter ihrer Anonymität zu verstecken, sie teilen sogar – als besonderes Zeichen ihrer Meinungsstärke – unter ihren Echtnamen ganze Salven an Derbheiten aus. Wenn aber im Netz die Regeln des Umgangs miteinander ausser Kraft gesetzt werden, kann das für unsere Gesellschaft fatale Folgen haben.
Wer sich nicht an Regeln oder auch Gesetze hält, nimmt sich mehr Rechte als der Rest heraus. Das führt jedoch dazu, dass andere entweder zu Opfern ihrer Rücksichtslosigkeit werden oder sich eben auch nicht mehr an Vereinbarungen halten. Die Hemmschwelle sinkt insgesamt, und von der verbalen Gewalt im Netz zur handgreiflichen Gewalt im echten Leben ist es dann nur noch ein kleiner Schritt. Dabei ist auch das Internet kein rechtsfreier Raum.
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