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Psychologie

Kinder leiden, wenn Eltern trinken

Die Suchterkrankung von Eltern bleibt Kindern niemals verborgen. Die Buben und Mädchen bekommen wenig Aufmerksamkeit und fühlen sich oft schuldig. Wie Eltern und Experten helfen können.
Text: Rut Brunner Zimmermann
Meine Kinder haben von allem nichts mitbekommen. – Diesen Satz höre ich oft von Eltern, die wegen einer Suchterkrankung in die Beratung kommen. Und meist wird noch hinzugefügt: «Ich habe getrunken, während die Kinder schliefen, ich ging normal der Arbeit nach, und die Kinder haben auch nie gefragt.» 

Hinter diesen Gedanken steckt ein verständlicher Wunsch: Eltern möchten ihre Kinder vor den eigenen Schwächen und Problemen bewahren. Der Gedanke, dass die elterliche Sucht negative Auswirkungen auf die Kinder haben könnte, ist für viele schwer zu ertragen. Dennoch belegen Studien unzweifelhaft, dass eine solche familiäre Belastung nicht spurlos an den Kindern vorbeigeht und sie in ihrer Entwicklung gefährden kann. 

Gewiss spielt dabei der Grad der Suchtbelastung eine Rolle und es gibt auch korrigierende Faktoren. Tatsache aber ist, dass die Sucht eines Elternteils die ganze Familie betrifft. Auch dann, wenn sich die Eltern bemühen, die Kinder davon fernzuhalten.

«Ich konnte meinen Vater nicht spüren»

Kinder aus betroffenen Familien haben oft Probleme, Bindungen einzugehen – und das setzt sich im Erwachsenenalter fort. Der Grund dafür ist, dass sie wenig Verlässlichkeit, Fürsorge, Verständnis, emotionale Verfügbarkeit und Vertrauen von ihrem suchtkrankenElternteil erfahren haben. Manchmal kann dies durch den gesunden Elternteil kompensiert werden.

Oder das Kind hat das Glück, dass es andere Personen in seiner Nähe gibt, die eine verlässliche Bindung anbieten. Dies würde die kindlichen Ressourcen stärken und die Entwicklungsprognosen verbessern, wie die Resilienzforschung zeigt. (Resilienz ist eine psychische und physische Widerstandsfähigkeit.) 
Zu früh, zu viel Verantwortung: speziell gefährdet sind Kinder von süchtigen Alleinerziehenden 
Die Beziehung zum betroffenen Elternteil aufzubauen, ist hingegen schwierig. Kürzlich sagte mir eine erwachsene Person, welche als Kind die Sucht des Vaters erlebt hat: «Mein Vater war zwar da, dennoch war er nicht da. Ich konnte ihn nicht erreichen. Er war nicht spürbar.» Kinder nehmen den alkoholisierten Elternteil oft wie durch eine «Scheibe » wahr. Die Sucht oder der Alkohol stehen dazwischen. Das erschwert eine authentische Beziehung oder macht sie gar unmöglich. 

Kinder von süchtigen Eltern haben oft ein geringes Selbstwertgefühl

Betroffene Kinder haben ausserdem häufig Mühe, ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche wahrzunehmen. Sie haben sehr gute Antennen dafür entwickelt, was von ihnen erwartet wird. Ihr ganzer Fokus ist darauf ausgerichtet, die Bedürfnisse der andern wahrzunehmen und zu befriedigen. Kinder, die in suchtbelasteten Familien aufwachsen, zeigen oft ein geringes Selbstwertgefühl. Zu Hause standen die suchtkranken Eltern, die Suchtthematik oder der Stoff im Mittelpunkt – sie selbst haben wenig Aufmerksamkeit bekommen. Daher konnten ihre Eltern sie auch nicht bei ihren alterstypischen Entwicklungsaufgaben unterstützen. 

Andere betroffene Kinder wirken seltsam erwachsen. Schon sehr früh haben sie Erwachsenen-Aufgaben übernehmen müssen und wurden so um ihre Kindheit betrogen. Es kam zu einer Rollenumkehr: Die Kinder mussten jüngere Geschwister betreuen, fürs Essen sorgen, den Haushalt machen. Dies gilt vor allem bei suchterkrankten Alleinerziehenden. Hier sind die Kinder ganz besonders gefährdet. Diese Kinder lernen früh und beeindruckend, Verantwortung zu übernehmen, kommen dabei aber selbst zu kurz.
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