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Familienleben

«Frau Fredrich, wie leben arme Kinder in der Schweiz?»

In der Schweiz gelten rund 270 000 Kinder als arm oder von Armut bedroht.
Wie kann das sein, in einem so reichen Land? Bettina Fredrich von Caritas Schweiz über ein unsichtbares Phänomen, prekäre Lebensverhältnisse und einen Staat, der Familien besser unterstützen sollte. 
Interview: Evelin Hartmann
Bilder: Herbert Zimmermann / 13 Photo
Ein moderner Bau unweit des mondänen Art Deco Hotels Montana in Luzern. Besucher gelangen hier nur bis zur Anmeldung. Wer weiter in die Räumlichkeiten von Caritas Schweiz vordringen möchte, muss eine verschlossene Glastür passieren. Bettina Fredrich, Leiterin der Fachstelle Sozialpolitik, führt die Besucher in einen Besprechungsraum im obersten Stock: Fensterfronten bis zum Boden, der Blick schweift weit über das Luzerner Seebecken. «Ich dachte, wir führen unser Gespräch in einer angenehmen Atmosphäre», sagt Bettina Fredrich und lacht.

Frau Fredrich, die Schweiz gehört zu den reichsten Ländern der Welt. Trotzdem gibt es hierzulande Kinder, die als arm gelten. Wie geht es diesen Kindern? 

Natürlich ist die Armut in der Schweiz eine andere als beispielswei­se im Südsudan. Armut ist bei uns als Phänomen unsichtbar. Kinder leben hier nicht auf der Strasse und leiden selten Hunger. Daher spre­chen wir von einer relativen Armut. Rund 76 000 gelten hierzulande als arm und können an unserem gesell­schaftlichen Leben nicht teilhaben. 
Bettina Fredrich ist Leiterin der Fachstelle Sozialpolitik bei Caritas Schweiz. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Bern.   
Bettina Fredrich ist Leiterin der Fachstelle Sozialpolitik bei Caritas Schweiz. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Bern. 

Wann gilt eine Familie als arm?

Die Armutsgrenze richtet sich nach dem Bedarf und wird von der Schweizerischen Konferenz für Sozi­alhilfe berechnet. Als arm gelten nach diesen Berechnungen zum Bei­spiel Eltern mit zwei Kindern, die weniger als 4900 Franken im Monat zur Verfügung haben – oder Allein­erziehende mit zwei Kindern, die über weniger als 4000 Franken monatlich verfügen. Das ist der Betrag, den man braucht, um über die Runden zu kommen. Er deckt die Wohnkosten, die Krankenkasse, die Kosten für den Grundbedarf – mehr nicht.

Mit anderen Worten: Eine von Armut betroffene Familie muss mit weniger als 20 Franken pro Tag und pro Person auskommen?

Das ist korrekt. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl von Familien, die knapp über dieser Grenze leben und jederzeit in die Armut abrutschen können. Rund 190 000 Kinder sind von solchen prekären Verhältnissen betroffen. Statistisch gesehen gibt es demnach in jeder Schulklasse ein von Armut betroffenes und zwei armutsgefährdete Kinder.
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«Von Armut betroffene Kinder haben selten ein eigenes Zimmer. Ihnen fehlt ein ruhiger Ort.»
Bettina Fredrich von Caritas Schweiz

Welche Folgen hat es für Kinder, in solchen Verhältnissen aufzuwachsen? 

Die Konsequenzen sind vielfältig und betreffen oft verschiedene Lebensbereiche. Betrachten wir beispielsweise das Wohnen. Von Armut betroffene Kinder wohnen häufig sehr beengt. Selten haben sie ein eigenes Zimmer. Dadurch fehlt ihnen nicht nur ein ruhiger Ort für die Hausaufgaben, sondern auch ein Rückzugsort, an dem sie sich ausru­hen und entspannen können. Das fehlende Zimmer mag ausserdem ein Grund dafür sein, warum diese Kinder seltener Freunde einladen. Oft liegen preisgünstige Wohnungen zudem an verkehrsreichen Strassen und es gibt keine Möglichkeit, draussen frei zu spielen.

Mit welchen Folgen?

Kleine Kinder sind von Natur aus neugierig und lernen über das Spiel. Wer draussen spielt, erfährt zum Beispiel, dass Wasser im Kessel auf­gefangen werden kann, im Sand aber versickert. Wer keine Möglichkeit hat, solche Erfahrungen zu sammeln, gerät in einen Rückstand. Der Boden für Grundkompetenzen, die im späteren Leben wichtig werden, fehlt.

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