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Elternbildung

Wie Kinder von Eltern lernen

«Wir brauchen unsere Kinder nicht erziehen, sie machen uns sowieso alles nach.» In diesem Bonmot, das Karl Valentin zugeschrieben wird, steckt viel Wahrheit. Kinder achten stärker darauf, was wir tun, als was wir sagen – und übernehmen, was wir vorleben.
Text: Fabian Grolimund
llustration:
Petra Dufkova/Die Illustratoren 
Leider kommen wir auf das Lernen am Modell eher in negativen Situationen zu sprechen. Wir regen uns darüber auf, dass wir unliebsame Seiten unserer Eltern an uns selbst entdecken. Eine Mutter ärgert sich über ein Verhalten ihres Sohnes und meint: «Das hat er von meinem Ex!»
 
Oder ein Lehrer äussert nach dem Elternabend abschätzig: «Naja, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.» Das ist schade, weil diese Form des Lernens unheimlich viel Potenzial in sich birgt, das nur am Rande ausgeschöpft wird.
Kinder sind wählerisch. Sie achten darauf, ob das Vorbild attraktiv ist, ob es etwas hat, das sie auch gerne besässen.
Für Kinder (und Erwachsene) wäre das Lernen am Modell oft der effektivste Weg – gerade dann, wenn es darum geht, komplexe Kompetenzen zu erwerben. Aber nicht nur Fähigkeiten werden über diesen Weg entwickelt, auch Werthaltungen oder positive Eigenschaften wie Hilfsbereitschaft, Gemeinschaftssinn, Ausdauer und Mut können wir uns von anderen abschauen.

Damit das gelingt, müssen einige Bedingungen zusammenkommen. Es ist nämlich keinesfalls so, dass Kinder passive, willenlose Empfänger wären, die sich bereitwillig alles von uns abschauen. Sie sind in diesem Prozess aktive, wählerische Beobachter, die sich ihre Vorbilder aussuchen und nur dann etwas übernehmen, wenn sie entsprechend motiviert sind.

Kinder suchen sich ihre Vorbilder aktiv aus

Bewusst und unbewusst filtern sie mögliche Vorbilder nach ein paar Kriterien. Sie achten darauf, ob das Vorbild attraktiv ist, ob es etwas hat, das sie auch gerne besässen. Das kann beispielsweise Status, Einfluss, Erfolg oder eine bestimmte Fähigkeit sein, weshalb Kinder und Jugendliche sich oft Sportler, Musiker oder Filmstars zum Vorbild nehmen. Aber auch in einer Gruppe von Kindern lässt sich dieses Phänomen beobachten. So schauen sich beispielsweise jüngere Kinder eher etwas von älteren ab als umgekehrt.
 
In den ersten Lebensjahren sind wir Eltern die Helden im Leben unserer Kinder – und entsprechend attraktiv als Modell. Die Sprache, soziale Kompetenzen – fast alles erwerben die Kinder in dieser Zeit, indem sie uns imitieren. Kinder wählen sich auch gerne Modelle aus, die ihnen ähnlich sind. Mit ihnen können sie sich besonders gut identifizieren. Nicht umsonst sind die Helden in Kindergeschichte jeweils etwa im gleichen Alter wie ihre Leserinnen und Leser. Die Sympathie und die Beziehung zwischen dem Kind und seinem Modell entscheidet darüber, ob etwas gelernt wird. Von Menschen, die uns wichtig sind und denen wir uns emotional verbunden fühlen, schauen wir uns gerne etwas ab. 

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