Gregor Berger: «Die Anzahl an Suizidversuchen ist deutlich gestiegen, davon gehe ich aus»
Psychologie

«Anzahl Suizidversuche ist deutlich gestiegen»

Laut dem Kinder- und Jugendpsychiater Gregor Berger litten 90 Prozent der Opfer im Jahr vor ihrem Suizid an einer psychischen Erkrankung wie einer Depression. Er rät Eltern, ihre Kinder bei ersten Anzeichen darauf anzusprechen.
Interview: Claudia Füssler
Bild:
Gabi Vogt / 13 Photo*

Herr Berger, Sie haben fast täglich mit Depressionen und ­Suizidversuchen von Kindern und Jugendlichen zu tun. Wie stellt sich hierzulande die ­Situation insgesamt dar?

Wir haben pro Jahr in der Schweiz zwischen 30 und 50 Suizide bei unter 20-Jährigen, vor allem von 13- bis 19-Jährigen, selten von 10- bis 13-Jährigen. Wobei die Dunkelziffer der Kindersuizide vermutlich höher liegt, da geht man öfter unwissentlich von Unfällen aus.

Hat sich dieser Wert in den ­vergangenen Jahren verändert?

Bei Erwachsenen und älteren Menschen sind die Zahlen von Suiziden in den meisten Ländern rückläufig. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind sie allerdings relativ konstant. Erste Daten aus den USA zu aktuellen Entwicklungen zeigen leider, dass vor allem bei weiblichen Adoleszenten die Zahlen sogar deutlich steigen.
Gregor Berger ist Leitender Arzt und Leiter des psychiatrischen Notfalldienstes und Home Treatments der Kinder- und ­Jugendpsychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.
Gregor Berger ist Leitender Arzt und Leiter des psychiatrischen Notfalldienstes und Home Treatments der Kinder- und ­Jugendpsychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.

Ist das auf die Schweiz übertragbar?

Das zeigt die Erfahrung, ja. In den USA werden die Zahlen schneller gemeldet, zudem lassen sich Effekte und Trends dort genauer ablesen, weil das Land 330 Millionen Einwohner hat. Bei uns können schon wenige Suizide bei Minderjährigen die Statistik dieser Altersgruppe ­verändern.

Warum steigen die Zahlen?

Bei den Mädchen und jungen ­Frauen vermutlich deshalb, weil sich die Suizidmethoden verlagern. Erhängen oder Erschiessen wurden früher vor allem von Männern gewählt, nun entscheiden sich auch Frauen immer öfter für sogenannte «harte Methoden». Eine grosse Rolle spielen auch die Medien. In der Netflix-Serie «13 Reasons Why» nimmt sich ein junges, starkes, eloquentes, intelligentes Mädchen das Leben. Wir haben da einen modernen Werther-Effekt (Nachahmereffekt, Anm. d. Red.), in den USA wurde mit der Ausstrahlung der Serie ein deutlicher Suizid­anstieg unter jungen Menschen, besonders ­Frauen, verzeichnet.
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Also besser keine Suizide zeigen?

Es kommt darauf an, wie mit diesem heiklen Thema umgegangen wird. Die Auseinandersetzung mit dem Thema Suizid ist in dieser Lebens­phase häufig und wichtig, was auch Umfragen aus der Schweiz zeigen. Doch die Frage, wie darüber berichtet wird, ist hier zentral. Jugendliche, die keine Prädisposition haben, ­können wahrscheinlich auch mit expliziten Darstellungen von Suizid umgehen, doch geht es um die Adoleszenten, die sich sowieso schon mit dem Thema schwertun und psychische Probleme haben. Bei solchen sogenannt vulnerablen Adoleszenten senken Filme wie «13 Reasons Why» die Schwelle für Suizidhandlungen. Aus meiner Erfahrung ist jedoch ein Suizid im Jugendalter nicht auf eine einzelne Ursache zurückzuführen, sondern ein komplexes Zusammenkommen von vielen verschiedenen Faktoren. Damit der Werther-Effekt zum Tragen kommt, muss er wohl auf ein belastetes Umfeld und eine entsprechende Lebensgeschichte treffen.

Mir scheint auch der Druck auf die Jugendlichen deutlich gestiegen zu sein.

Der gesellschaftliche Druck steigt generell. Im Sport, in der Schule, im Beruf – alles ist ein bisschen extremer, das belastet auch eine jugendliche Psyche. Auch die Vielfalt der Möglichkeiten und von der realen Welt entkoppelte Rollenvorbilder erschweren eine gesunde Identitätsentwicklung. Auch die häufiger ­veränderten und komplexeren familiären Strukturen stellen Belastungsfaktoren dar. Hinzu kommen veränderte Peergruppenstrukturen, die durch die sozialen Medien einen ganz anderen Hebel haben als noch vor zehn Jahren.

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