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Schule

Lernen ausserhalb des Klassenzimmers

Kinder mit besonderen pädagogischen Bedürfnissen besuchen heute die ­Regelklasse. An der Primarschule Wolhusen verbringen sie einen
Morgen pro Woche in der Natur. Statt an Rechenaufgaben arbeiten sie dort
an persönlichen Themen. Das Projekt IF+ bringt auf beispiellose 
Art Volks- und Lebensschule zusammen.
 Text: Virginia Nolan 
Bilder: Salvatore Vinci / 13 Photo
Omar* steht auf einem Stein. «Ich bin Weltmeister im Zocken», sagt er und zuckt lässig mit den Schultern. Ein paar Kinder verziehen den Mund. Es ist wolkenlos, aber noch kalt. «Wer möchte als Nächstes?», fragt Jolanda Bienz. Ein Raunen geht durch die Runde. Als keiner vortritt, legt Omar nach: «Ich bin auch Weltmeister im Schlafen.» Gekicher, das Eis ist gebrochen. 
Das Weltmeister-Spiel bildet diesmal den Auftakt zum Dienstagmorgen, den zwölf Schulkinder aus der Luzerner Gemeinde Wolhusen jede Woche im Freien verbringen. Der Stein stellt dabei eine Art Podest dar, auf dem jedes Kind seine Stärken benennen darf, aber nicht muss. Das Spiel scheint eher die Fantasie als den Wettbewerbsgeist zu beflügeln. Das passt. Denn hier, so lautet die wichtigste Botschaft, ist keiner besser als der andere. Jeder ist gut, wie er ist: Das ist kein Wohlfühl-Slogan, sondern oberstes Gebot im Projekt IF+.
Beim Projekt IF+ werden Time-outs nicht erst eingesetzt, wenns brennt – sie sind in den Schulalltag integriert. 
Monika Pfyl und Jolanda Bienz haben es sich zur Aufgabe gemacht, nicht an den Kindern herumzuschrauben, sondern sie anzunehmen in ihren Stärken und Schwächen. Die Frauen, beide Lehrerinnen, leiten an der Primarschule Wolhusen das Projekt IF+. Es dient der integrativen Förderung von Kindern, die Schwierigkeiten haben, weil sie lernbehindert, zappelig, impulsiv oder extrem schüchtern sind. Auf manche von ihnen treffen Attribute zu, die wir landläufig unter dem Prädikat «verhaltensauffällig» zusammenfassen.
Time-out in der Natur: Das Angebot steht grundsätzlich allen Schülern offen.
Time-out in der Natur: Das Angebot steht grundsätzlich allen Schülern offen.
Das Projekt IF+ hat Ausnahme­charakter, weil es die Strukturen eines sogenannten Time-outs – damit ist eine produktive Auszeit vom Unterricht gemeint – in die Volksschule integriert. Denn eigentlich kommen Time-outs erst im Härtefall ins Spiel, wenn ein Kind zum permanenten Störfaktor geworden und für die Volksschule nicht mehr tragbar ist. 

Das Projekt IF+ hingegen ermöglicht Kindern eine Auszeit, bei der sie Teil ihrer Schulgemeinschaft bleiben. Und es greift nicht erst dann, wenns brennt. «Grundsätzlich steht das Programm allen offen», sagt Benedikt Küng, Schulleiter der Kindergarten- und Primarstufe in Wolhusen. Den verpassten Schulstoff muss niemand mit Nachsitzen aufholen. «Manche Schüler beschäftigen persönliche Probleme, die zu lösen aufs Ganze gesehen wichtiger ist als der Schulstoff», sagt Küng.
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Omar kam aus einem Krisengebiet in die Schweiz. Deutsch hatte er bald im Griff, nicht aber seine Wutausbrüche. Bei Streit wurde er grob. Unbekanntes, erinnert sich seine ehemalige Lehrerin, habe den Bub verunsichert. So auch der Wald, den der Viertklässler im Projekt IF+ zum ersten Mal besuchte. Hundegebell, Vogelgeschrei aus dem Dickicht: Wer den Krieg erlebt hat, nimmt Geräusche anders wahr. 

An das Bellen von Flocke hat sich Omar gewöhnt. Die Hündin von Jolanda Bienz begleitet die Gruppe jeweils. Omar wirft ihr einen Stock und folgt dem Hund die steile Böschung hinab. «Früher», sagt Monika Pfyl, «konnte er auf unebenem Boden kaum gehen. Er wurde wütend und ging in die Hocke.»

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