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«Entscheidend ist, wie sich Eltern verhalten, nicht, was sie sagen»

Aus Ausgabe
04 / April 2026
Lesedauer: 13 min
Welche Rolle spielen Werte wie Respekt oder Höflichkeit noch in der heutigen Erziehung? Eine grosse, sagt der Kinder- und Jugendpsychologe Philipp Ramming und erklärt, wie Eltern ihren Kindern Orientierung geben, ohne sie zu bevormunden.
Interview: Birgit Weidt

Bilder: Ruben Hollinger / 13 Photo

Herr Ramming, welche Werte wollten Sie Ihren Kindern unbedingt mit auf den Weg geben?

Mir sind Respekt und Wertschätzung besonders wichtig, das habe ich weitergegeben. Das heisst ganz einfach, anderen so begegnen, wie man selbst behandelt werden möchte – egal ob es um Menschen, Tiere oder unsere Umwelt geht. Werte spielen dabei eine grosse Rolle, weil sie uns Orientierung geben und helfen, auch in schwierigen Momenten bewusst und fair zu handeln.

Was sind Werte genau?

Werte bilden die Grundlage, auf der wir unser Zusammenleben organisieren. Sie sind ganz konkrete Verhaltensweisen, die unser Zusammenleben tragen. Mit diesen Verhaltensweisen zeige ich dem anderen: Ich sehe dich. Sie zeigen sich in kleinen Gesten: wenn wir Bitte und Danke sagen, uns an der Kasse nicht vordrängeln oder anderen die Tür aufhalten.

Und wie können Eltern vermitteln, was ihnen im Zusammenleben wichtig ist?

Kinder beobachten sehr genau, ob wir das leben, was wir sagen. Wenn ich Ehrlichkeit einfordere, selbst aber nicht ehrlich bin, merken sie es. Das Entscheidende passiert nonverbal – in unserem täglichen Tun, in der Art, wie wir miteinander umgehen, wie wir Grenzen setzen oder Konflikte lösen. Und in der Art, wie wir unsere Kinder wertschätzen.

Wichtiger als langes Erklären ist also, wie wir uns im Alltag verhalten?

Richtig. Im Verhalten zeigen sich der Respekt und die Anerkennung des anderen als Teil der Gemeinschaft. Den Alltag prägen viele kleine Situationen: am Esstisch zu warten, bis alle sitzen; erst zu beginnen, wenn jeder etwas auf dem Teller hat; gemeinsam aufzustehen. Solche Rituale zeigen Kindern, dass Zusammenleben Rücksicht, Selbstbegrenzung und Kompromisse braucht.

Warum Werte entscheiden sind: Philipp Ramming
Philipp Ramming ist Vater von zwei erwachsenen Söhnen, die seine Erziehungsbemühungen erfreulich gut überstanden haben. Als Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie (SKJP) hat er sich berufs- und verbandspolitisch engagiert. Nun geniesst er seinen Ruhestand.

Das sind recht traditionelle Verhaltensweisen. Lassen sich solche Tischmanieren denn noch durchsetzen?

Natürlich verändern sich die Formen des Zusammenlebens und damit auch der Alltag am Tisch. Wichtiger als die starre Durchsetzung einzelner Regeln ist, dass Kinder verstehen, warum gewisse Umgangsformen sinnvoll sind – etwa weil sie Rücksichtnahme und Gemeinsinn ausdrücken.

Vater oder Mutter haben sich Mühe gegeben mit dem Kochen, jetzt schlinge ich nicht alles in mich hinein, um gleich wieder davonzuspringen.

Genau. Wenn Eltern diese Werte vorleben und im Alltag sichtbar machen, lernen Kinder meist mehr daraus als durch strikte Anweisungen. Es geht also weniger um Perfektion, sondern darum, eine Haltung zu vermitteln, die Beziehung stärkt und Orientierung bietet.

Wir unterschätzen häufig, wie stark wir in unseren sozialen Rollen noch immer verhaftet sind.

Töchter und Söhne schauen oft ganz unterschiedlich auf ihre Eltern. Wie prägt das, was sie von Mutter und Vater mitbekommen, ihr eigenes Rollenbild?

Kinder orientieren sich an beiden Elternteilen. Sie bekommen sehr genau mit, wie diese ticken. Eine Tochter schaut besonders auf die Mutter – wie sie als Frau auftritt, wie sie mit Nähe und Distanz umgeht, Konflikte löst oder mit dem gesellschaftlichen Druck klarkommt, «schön» und in allem perfekt sein zu müssen. Und wie sie mit dem Vater und mit anderen Männern umgeht. Gleichzeitig beobachtet sie auch den Vater: Wie geht er mit der Mutter um, wie mit ihr als Tochter und wie mit anderen Frauen? Aber auch: Wie setzt er Grenzen, wie übernimmt er Verantwortung?

Und bei Söhnen?

Ähnlich, doch der Blickwinkel ist ein anderer. Söhne schauen genau hin, wie der Vater seine Kraft einsetzt, wie er anderen Männern begegnet und sich in der Gesellschaft bewegt. Auch wie er mit der Mutter, mit der Schwester und mit anderen Frauen umgeht. Von der Mutter lernen sie, wie Frauen gesehen und respektiert werden wollen, wie Kommunikation funktioniert und dass Sensibilität und Gefühle genauso zum Mannsein gehören wie Stärke.

Sind das nicht Stereotype, die heute so gar nicht mehr bestehen?

Wir unterschätzen häufig, wie stark wir in unseren sozialen Rollen noch immer verhaftet sind. Entscheidend ist weniger, ob Stereotype noch bestehen, sondern was Kinder im Alltag tatsächlich beobachten. Sie nehmen sehr genau wahr, wie Erwachsene Verantwortung teilen, wie sie streiten und sich wieder versöhnen – und wie sie Respekt, Wertschätzung und Nähe leben.

Daraus entwickeln Kinder ihr eigenes Verständnis davon, wie Zusammenleben gelingt; wie Konflikte gelöst werden, wie Kompromisse entstehen und wie Beziehungen auf Augenhöhe möglich sind.

Erziehung passiert ja ganz oft im Alltag. Genau hier können Eltern Werte zeigen.

Das hängt sicher auch vom Alter und Entwicklungsstand eines Kindes ab.

Ja, bei einem Achtjährigen beispielsweise geht es noch sehr stark um das konkrete Begleiten: zeigen, erklären, einfordern, Grenzen setzen. Kinder in dem Alter brauchen klare Orientierung. Sie schauen uns Erwachsenen genau zu: Wie gehe ich mit anderen um? Bin ich ehrlich? Zeige ich Respekt? Halte ich mich an das, was ich versprochen oder angedroht habe? Alles, was ich vorlebe, wirkt direkt, weil Kinder die Welt vor allem noch über die Familie entdecken. Ein zentraler Punkt ist dabei die Empathie.

Nämlich?

Schon Säuglinge können die Emotionen der Mutter «lesen» und sehen, wie diese damit umgeht. Sie trennen aber noch nicht zwischen sich und dem anderen. Das lernen sie erst mit der Zeit. Dann beginnen sie auch zu verstehen, wie es zum Beispiel Mutter und Vater geht, welche Gefühle sie haben.

Dieser Prozess ist zentral, weil Empathie nicht angeboren fertig vorhanden ist, sondern sich aus vielen kleinen Beziehungserfahrungen entwickelt. Wenn Eltern ihre Emotionen benennen und zeigen, wie sie damit umgehen, entsteht für Kinder eine Art Landkarte, an der sie sich orientieren können. So entwickeln sie allmählich die Fähigkeit, sich in andere einzufühlen, ohne sich selbst darin zu verlieren.

Wie werden Respekt und Wertschätzung für Kinder nachvollziehbar und erlebbar?

Die Vermittlung erfolgt immer im Dialog. Bei kleinen Kindern geht es vor allem darum, eigene Prinzipien vorzuleben und konkrete Alltagssituationen zu nutzen – beim Spielen, Aufräumen oder im Umgang mit anderen.

Entscheidend ist, dass sich Kinder als eigenständige Personen ernst genommen fühlen.

Ganz oft passiert Erziehung ja im Alltag, in Momenten von Stress, Konflikten oder Frust. Genau hier können Eltern Werte wie Respekt und Gleichbehandlung zeigen. Es sind die kleinen Situationen, in denen Kinder beobachten, wie man mit Ärger, Enttäuschung oder unterschiedlichen Meinungen umgeht. Indem Mutter und Vater selbst ruhig bleiben, zuhören und klare Grenzen setzen, lernen Kinder Schritt für Schritt, Werte im eigenen Handeln umzusetzen. Und wenn die Eltern mal ausflippen, versteht der Nachwuchs, dass dies auch sein kann und dazugehört.

Aber wie gelingt es, klare Haltung zu zeigen, ohne autoritär zu wirken?

Das ist tatsächlich anspruchsvoll. Wenn ein Erwachsener mit mehr Körpergrösse, Lebenserfahrung und Gewicht einem sechsjährigen Kind etwas erklärt, entsteht automatisch ein Machtgefälle. Kinder nehmen das sehr genau wahr – Erwachsene übersehen es dagegen leicht.

Entscheidend ist, dass sich Kinder als eigenständige Personen ernst genommen fühlen: «Ich sehe, dass dich die Situation stresst. Ja, das wäre für mich auch herausfordernd.» Gleichzeitig dürfen Eltern klare Grenzen setzen: Frust darf nicht in verbale Eskalation oder rücksichtsloses Verhalten übergehen.

Wie sieht es in der Pubertät aus? Verändert sich die Art, wie Eltern Töchter und Söhne für Werte sensibilisieren?

Wenn dieser Prozess erst in der Pubertät beginnt, wird es schwierig. In dieser Phase sind Eltern keine Instanz mehr, die alles vorgibt, sondern eher Begleitende, Beratende oder manchmal schlicht Beobachtende. Jugendliche entwickeln ein stärkeres Selbstbild, eigene Freundeskreise, eigene Meinungen und Werte. Sie beginnen, die Wertvorstellungen der Familie zu hinterfragen, zu verändern oder durch neue zu ergänzen.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Ein klassisches Beispiel ist das Handy. Plötzlich kommen Aussagen wie: «Wenn du doch siehst, dass ich die Nachricht gelesen habe, warum muss ich dir das noch extra bestätigen?» Also quasi: «Respektiere meine Zeichen.» Solche Diskussionen zeigen, dass Jugendliche Regeln infrage stellen und eigene Lösungen suchen.

Werte werden immer wichtig bleiben: Philipp Ramming
«Wichtig ist, dass Eltern eine gemeinsame Haltung haben, die das Kind verstehen kann», sagt Philipp Ramming.

Was bedeutet das für den Familienalltag?

In dieser Phase sind Jugendliche stark mit sich selbst beschäftigt. Das prägt ihren Alltag deutlich. Der Begriff «Hotel Mama» beschreibt das gut – das Spannungsfeld zwischen der Beteiligung an der Familiengemeinschaft mit Werten wie Pünktlichkeit oder Ordnung und der gleichzeitigen Orientierung nach aussen, hin zu ihrer eigenen Peer-Gruppe. Die Familie bleibt dennoch das wichtigste Trainingsfeld.

Was heisst das konkret?

Zu Hause üben Jugendliche vor allem, Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen abzuwägen und die Folgen ihres Handelns einzuschätzen. Sie lernen, Konflikte auszuhalten, Rücksicht zu nehmen und Kompromisse einzugehen – auch wenn sie das nach aussen oft gut verstecken. Und sie erfahren, dass Beziehung nicht davon lebt, dass immer alles reibungslos läuft, sondern davon, wie man nach einem Streit wieder in Kontakt kommt. Das ist anstrengend, und manchmal entsteht bei Eltern der Eindruck, die Wirkung des eigenen Vorlebens komme überall an – nur nicht zu Hause.

Elterliche Werte bleiben auch für Teenager wichtig, selbst wenn sie das nicht immer zugeben.

Nun sind Mutter und Vater nicht immer einer Meinung, ist das problematisch?

Nein. Eltern bringen eigene Erfahrungen und Überzeugungen mit – und Kinder spüren das sofort. Entscheidend ist, wie man damit umgeht. Bei binationalen Elternpaaren ist dies besonders herausfordernd, weil unterschiedliche kulturelle Prägungen und Werte aufeinandertreffen.

Das kann für Kinder zugleich eine Chance sein. Sie erleben, dass es verschiedene Wege gibt, Verantwortung zu übernehmen und Beziehungen zu gestalten. Ein «Wertekampf» sollte jedoch nicht entstehen. Die Frage, wer sich durchsetzt, ist kein hilfreiches Modell.

Wichtig ist eine gemeinsame Haltung, die das Kind verstehen kann. Diese kann etwa darin bestehen, dass beide Eltern ihre Sichtweisen transparent machen, einander zuhören und eine Lösung wählen, die für das Kind nachvollziehbar ist – auch wenn sie ursprünglich unterschiedliche Positionen hatten.

Das ist leichter gesagt als getan.

Stimmt! Schwierig wird es vor allem dann, wenn Grundhaltungen stark auseinanderdriften und es eher ums Rechtbehalten als um Lösungen geht. Wichtig ist, Unterschiede nicht gegeneinander auszuspielen. Zuerst sind die Eltern gefragt, miteinander tragfähige Kompromisse zu finden, denn genau dadurch erleben Kinder, wie respektvolle Verständigung funktioniert.

Es ist Gift für die familiäre Gemeinschaft, wenn die Kinder das Gefühl bekommen, sich entscheiden zu müssen, auf wessen Seite sie stehen.

Bei verhandelbaren Themen – etwa Ausgehzeiten, Kleidung oder Mithilfe im Haushalt – kann man Kinder gut einbeziehen und gemeinsam nach Lösungen suchen, mit denen alle leben können. Und manchmal hilft es auch, klar zu unterscheiden: In diesem Bereich gilt eher die «Mutter-Welt», in jenem eher die «Vater-Welt» – solange dies für das Kind nachvollziehbar und stimmig bleibt.

Warum ist das so wichtig?

Es ist Gift für die familiäre Gemeinschaft, wenn die Kinder das Gefühl bekommen, sich entscheiden zu müssen, auf wessen Seite sie stehen. Förderlich ist es, wenn die Erwachsenen respektvoll miteinander reden, erklären, warum es verschiedene Sichtweisen gibt, und dem Kind zeigen, dass sich Mutter und Vater trotz allem achtungsvoll zueinander verhalten. Kinder merken dann, dass Kompromisse möglich sind und Regeln klar kommuniziert werden können, auch wenn die Eltern unterschiedlicher Meinung sind.

Und was passiert, wenn Eltern sich trennen?

Nach einer Trennung wird das besonders sichtbar: Kinder vergleichen sehr genau, was bei Mama erlaubt ist und was bei Papa. Unterschiede können das Zusammenleben erschweren, zugleich bietet die räumliche Trennung oft eine klarere Orientierung.

Nehmen Jugendliche Überzeugungen der Eltern ab einem bestimmten Alter überhaupt noch an?

Auch wenn Teenager sich ausprobieren, abgrenzen und vieles infrage stellen, verlieren elterliche Überzeugungen nicht an Bedeutung. Die früh vermittelten und vorgelebten Werte bleiben ein stabiles Fundament und bieten Orientierung, selbst wenn Jugendliche das nicht immer zugeben.

Eltern können nur dann glaubwürdig sein, wenn sie selbst bewusst mit Medien umgehen.

Aber wie behalten Eltern Einfluss, wenn Kinder immer selbständiger werden?

Der wichtigste Faktor ist erstaunlich einfach: indem Eltern präsent bleiben. Kinder müssen eigene Wege gehen dürfen und vieles anders sehen. Doch wer früh Vertrauen aufgebaut und einen verlässlichen Rahmen geschaffen hat, behält auch in dieser Phase Einfluss, eben durch Orientierung, Vorbildwirkung und durch die Gewissheit für das Kind: «Ich bin da, ich höre zu, ich begleite dich.» Entscheidend ist, im Gespräch zu bleiben, regelmässig nachzufragen, zuzuhören und sichtbar zu sein. Widerspruch ist in dieser Phase meist eine Entwicklungsstrategie, nicht eine Infragestellung elterlicher Autorität.

Ein grosser Streitpunkt zwischen Eltern und Teenagern sind die digitalen Medien, allen voran das Handy.

Gerade in der Pubertät empfinden Jugendliche vieles, was Eltern sagen, als Bevormundung, besonders beim Thema digitale Medien. Dennoch ist es wichtig, deutlich zu machen, dass es mir als Vater nicht egal ist, welche Inhalte meinem Kind begegnen.

Worin besteht eine gute und respektvolle Begleitung?

Bewusste Begleitung heisst, gemeinsam hinzuschauen: Was konsumieren die Kinder? Was interessiert sie? Welche Inhalte nehmen sie auf? Und darüber im Gespräch zu bleiben. Hilfreich sind offene Fragen wie: Was denkst du darüber? Wie siehst du das? Warum findest du das spannend? So lernen Kinder, Medieninhalte zu reflektieren und eigene Urteile zu entwickeln, ohne dass Eltern jedes Detail vorgeben müssen.

Das funktioniert jedoch nur, wenn Mutter und Vater nicht selbst ständig vor dem Bildschirm hocken, oder?

Eltern können nur dann glaubwürdig sein, wenn sie selbst bewusst mit Medien umgehen. Dazu gehört, zu erklären, warum sie bestimmte Quellen nutzen und Informationen kritisch prüfen. Sie können deutlich machen, dass Wahrheit, Objektivität und Respekt zentrale Grundlagen für ein gutes Zusammenleben sind. Auf diese Weise lernen Kinder, selbst zu sagen: «Das gefällt mir nicht, das passt nicht zu dem, was ich gelernt habe.» Kinder zu schützen, bedeutet also nicht, sie abzuschirmen, sondern sie zu stärken, durch Bildung, Orientierung und klare Werte als Massstäbe.

Und wenn Kinder oder Jugendliche eigene Haltungen entwickeln, die stark von denen der Eltern abweichen?

Das kommt häufig vor und ist völlig normal. Kinder und Jugendliche entwickeln mit der Zeit eigene Wertvorstellungen, eigene Überzeugungen. Das gehört einfach zur Selbständigkeit, zur Persönlichkeitsentwicklung. Aber das heisst nicht, dass unsere Werte plötzlich nutzlos sind. Im Gegenteil: Sie bilden oft nach wie vor das Fundament, auf dem die Kinder aufbauen, auch wenn sie manches anders sehen oder hinterfragen.

Werte muss man vorleben: Philipp Ramming
Philipp Ramming: «Eltern müssen respektieren, dass Kinder und Jugendliche eigene Erfahrungen machen und eigene Schlussfolgerungen ziehen.»

Wie sollten Eltern reagieren, wenn das Kind auf einmal Ansichten vertritt, die sie ablehnen?

Mir gefällt die Haltung «Freiheit für den Widerspruch». Denn aus Gegensätzen entsteht oft Neues. Eltern können zunächst wirklich zuhören und verstehen wollen, warum der Nachwuchs diese Ansichten vertritt.

Und dann?

Sich mit ihrem Teenager in einen offenen Austausch begeben: erklären, warum bestimmte Werte wichtig sind, Beispiele aus dem Alltag nennen, eigene Gründe transparent machen – und dem Jugendlichen zugleich zugestehen, dass er widersprechen, nachfragen oder eigene Sichtweisen einbringen darf.

Gleichzeitig muss man respektieren, dass Kinder und Jugendliche eigene Erfahrungen machen und eigene Schlussfolgerungen ziehen. Diskussionen dürfen durchaus heftig sein. Werden sie aber respektvoll geführt, fördern sie die Entwicklung auf beiden Seiten. Und das Kind merkt: Ich darf meine Meinung sagen und Dinge ausprobieren, aber es gibt Grundprinzipien, die weiterhin gelten. Kein Gegenüber zu haben, niemanden, der Haltung zeigt, ist schädlicher als Eltern, die manchmal nerven.