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Ich will nicht, dass meine Kinder Idioten werden

Lesedauer: 5 min
So lautet der Titel von Silvan Meiers Buch. Der Lehrer, der auf drei Kontinenten unterrichtet hat, stellt seine wichtigsten Erkenntnisse aus über 20 Jahren Erziehung vor.
Text: Silvan Meier

Bild: Adobe Stock

Ein Vater fährt mit seinem fünfjährigen Sohn auf dem Rücksitz durch die Stadt. An einem Zebrastreifen hält er vorbildlich an und lässt einen alten Mann die Strasse überqueren. Plötzlich tönt es vom Rücksitz: «Alter, nimm deine Finger aus dem Arsch und schwing dich gefälligst schneller über die Strasse. Wir haben nicht bis morgen Zeit!»

Schockiert blickt der Mann zu seinem Sohn und fragt: «Woher hast du das?»
Der Junge antwortet nur: «Das hat Mama das letzte Mal auch gesagt.»

Eltern auf der ganzen Welt verfolgen dasselbe Ziel: Sie wollen ihre Kinder zu selbständigen und verantwortungsbewussten Erwachsenen erziehen.

Wir Eltern sind Vorbilder. Egal, was wir tun: Kinder beobachten uns und übernehmen unser Verhalten. Deshalb gilt: Erziehung beginnt bei den Erziehenden. Dessen müssen wir uns ständig bewusst sein. Was wir essen, wie wir mit dem Handy umgehen, wie wir mit anderen Menschen sprechen – Kinder lernen von uns. Immer.

Praxis statt Theorie

«Ich will nicht, dass meine Kinder Idioten werden» – so lautet der Titel meines Buches. Wie sorgt man denn am besten dafür, dass dies nicht passiert? Dieser Frage bin ich über ein Jahr lang nachgegangen. Ich habe mit Menschen gesprochen, die es wissen müssen: Lehrpersonen, Schulleitungen, Eltern, Coaches – und natürlich mit Kindern selbst.

Dabei habe ich etwas Entscheidendes gelernt: Egal wo – ob in einer buddhistischen Klosterschule in Myanmar oder an einer wohlhabenden internationalen Schule in Ecuador – Eltern verfolgen überall dasselbe Ziel: Sie wollen ihre Kinder zu selbständigen und verantwortungsbewussten Erwachsenen erziehen.

Entstanden ist ein Buch aus der Praxis. Keine trockene Theorie, sondern klare, umsetzbare Ideen und Tipps. Geschrieben in einfacher Sprache, abgerundet mit Humor und persönlichen Beispielen aus dem Alltag.

Werte vorleben – das Gerüst der Erziehung

Erziehung muss nicht neu erfunden, sondern richtig angewendet werden. Sie ist keine Prüfung, bei der es um die beste Note geht. Und überhaupt: Wer sagt eigentlich, dass diejenigen mit den besten Noten später auch die besten Menschen sind?

Entscheidend ist die Haltung. Und das Vorleben klarer Werte – Werte, die uns eigentlich allen vertraut sind, die im Alltag aber oft zu kurz kommen.

Kinder müssen sich auch langweilen dürfen. Aus Langeweile entsteht Kreativität – wenn die Umgebung stimmt.

In rund 50 Interviews habe ich nach den wichtigsten Erziehungswerten gefragt. Ganz oben stehen – wenig überraschend – Anstand und Respekt. Aber auch Dankbarkeit, Bescheidenheit und Demut nennen viele Eltern. Andere betonen Ehrgeiz und Durchhaltewillen – «damit aus den Kindern einmal etwas wird». Nicht zu vergessen ist die jedem Kind angeborene Neugier. Sie verkümmert leider immer häufiger – nicht zuletzt durch den übermässigen Gebrauch von Smartphones, bei Erwachsenen wie bei Kindern.

Wie lassen sich all diese Werte vermitteln, sodass sie sich wirklich festsetzen? Immer mit dem gleichen Ziel vor Augen: Dass aus unseren Kindern keine Idioten werden.

Die richtige Umgebung schaffen

Um dieses Ziel zu erreichen, habe ich konkrete Ansätze gesammelt und sie in 16 Wegweisern für eine gelingende Erziehung zusammengefasst. Zentral ist dabei die Umgebung, in der ein Kind aufwächst. Kinder brauchen Räume, in denen Materialien bereitstehen, mit denen sie kreativ sein können. Wächst ein Kind in einem «Museum» auf, in dem nichts berührt werden darf, verkümmert seine Fantasie.

In einer guten Umgebung darf ein Kind laut sein, streiten und Gefühle zeigen. Es darf Fehler machen – ohne Angst, sofort bestraft zu werden. Denn genau so lernt es.

Ein Kind lernt Mut, wenn es etwas riskiert – wenn man ihm etwas zutraut. Mut lässt sich nicht downloaden.

Und ganz wichtig: Kinder müssen sich auch langweilen dürfen. Aus Langeweile entsteht Kreativität – wenn die Umgebung stimmt. Zu viele Eltern meinen es gut, indem sie ihre Kinder ständig beschäftigen und unterhalten: mit Spielzeug oder einem prall gefüllten Terminkalender, der kaum Zeit für Erholung oder freies Spielen mit Freunden lässt.

Was erlebt und gelernt wird, muss sich auch einmal setzen können. Eltern empfinden dieses «Nichtstun» oft als verschwendete Zeit – für Kinder hingegen ist genau diese Zeit besonders wertvoll.

Mut durch Erfahrung

Auf dem Weg in die Selbstständigkeit brauchen Kinder Begleitung – nicht Kontrolle. Sie sollen ihre eigenen Ziele verfolgen, nicht unsere. Dabei müssen wir sie unterstützen.

Ein Kind lernt Mut, wenn es etwas riskiert – wenn man ihm etwas zutraut. Viele Eltern lassen ihre Kinder nicht einmal mehr auf Bäume klettern. Stattdessen setzen sie sie darunter und geben ihnen lieber ein Handy, damit sie ja nicht auf «dumme Gedanken» kommen. Wie sollen Kinder so lebenswichtige Erfahrungen machen? Wie sollen sie Selbstvertrauen entwickeln? Mut lässt sich nicht downloaden.

Sicher in den sozialen Medien

Apropos Downloaden: Ein grosser Konfliktherd in der Erziehung ist der Umgang mit der digitalen Welt. Ein Thema, das alle Eltern kennen und das viele Fragen aufwirft: Wie viel Bildschirmzeit ist erlaubt? Was passiert, wenn sich ein Kind nicht an die Regeln hält? Wie bewegt es sich sicher in den sozialen Medien?

Das Wichtigste ist ein Vertrauensverhältnis zwischen Erziehenden und Kindern, das früh aufgebaut wird – im Teenageralter ist es dafür oft zu spät. Deshalb sollten Eltern sich bewusst Zeit nehmen und gemeinsam mit ihren Kindern online sein, zum Beispiel indem sie zusammen ein Spiel spielen.

Sind die Medienregeln klar, erübrigen sich viele Diskussionen.

Es geht vor allem darum, Interesse zu zeigen – als Grundlage dafür, offen über das Thema sprechen zu können. Wenn Eltern wissen, wo und wie sich ihre Kinder im Internet bewegen, ist bereits ein grosser Teil des Problems entschärft.

Und es braucht klare Regeln, die alle kennen. Welche das sind, muss jede Familie selbst entscheiden. Sind diese Regeln klar, erübrigen sich viele Diskussionen.

Erziehung bedeutet Vorbereitung auf das Leben. Wir wünschen uns Kinder, die sich später in einer immer anspruchsvolleren Welt zurechtfinden – und sich nicht wie Idioten verhalten.

Diese Verantwortung beginnt bei uns Erwachsenen.

Zum Buch:

Das Buch wurde im Eigenverlag publiziert und ist u.a. bei Orell Füssli erhältlich. Weitere Infos finden Sie hier.