Autorität: Unser Thema im Juni
Und plötzlich ist ein Wort zurück, das lange verpönt war: Autorität. Ein Relikt aus Zeiten, in denen Zucht und Ordnung herrschten, Eltern drohten, Lehrer schlugen, Kinder sich duckten. Was steckt dahinter? Ist es die Sehnsucht nach Gehorsam und Kontrolle – oder der Wunsch nach mehr Struktur und Führung in der Erziehung?
Für das Dossier «Autorität» hat sich meine Kollegin Julia Meyer-Hermann ins Thema «Erziehungshaltung» vertieft – und die Familie von Michael Scheurer besucht. «Für mich beginnt Autorität damit, auf Augenhöhe zu agieren», sagt der zweifache Vater. «Das heisst nicht, dass es keine Grenzen gibt. Aber ich versuche, sie nicht einfach vorzugeben, sondern gemeinsam mit meinen Kindern Lösungen zu finden.»
Kennen Sie das auch? Sie lesen einen Text und möchten ihn am liebsten übers Bett hängen. So ist es mir beim Monatsinterview mit dem renommierten Bindungsforscher Karl Heinz Brisch ergangen. Darin betont er, wie wichtig es für Jugendliche sei, zu wissen: «Meine Eltern sind für mich da.» Jugendliche müssten darauf vertrauen können, dass sie immer Hilfe erhalten, wenn sie Stress haben oder in Not sind.
Laute der Hilferuf im Teenageralter: «Ich habe Mist gebaut, es ist alles ganz schrecklich, kannst du mich abholen?», antworte man als Vater oder Mutter nicht: «Ich habe es dir ja gleich gesagt!», sondern fahre kommentarlos hin, tröste und unterstütze, so gut es geht. Auch wenn die nächste Party Ihres Teenagers ohne Einsatz eines Notarztes auskommt – in der Reifephase sollte man stets mit Überraschungen rechnen. Kein Problem für Sie – Sie wissen ja jetzt, was zu tun ist.

«Als Ende 2022 unsere Beziehung in die Brüche ging, sass ich am Küchentisch meiner Mutter und weinte.» So beginnt der Essay von Alexander Krützfeldt. Der Autor und Vater von zwei Buben beschreibt eindrücklich, wie er und seine Partnerin sich die Betreuung der Kinder 50:50 teilen. Das sogenannte Wechselmodell – alternierende Obhut – sei ein Kraftakt, der einen kaputt machen könne.
Er reagiere heute dünnhäutiger, wenn männliche Freunde ihm erklären wollen, wie anstrengend das Familienleben sei. Dann sehe er diese Männer an und denke: «Du hast echt keine Ahnung.» Es gebe auch Dinge, die ihn saumässig glücklich machen, sagt Krützfeldt. Neulich habe sein Vater zu ihm gesagt: «Ich finde das unglaublich, wie du das machst mit den Kindern. So ganz allein.» Er sei fast geplatzt vor Stolz. Den Essay lesen Sie hier.
Herzlichst,
Ihr Nik Niethammer






