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Oh weh, das dritte Kind bekommt sein erstes Handy!

Aus Ausgabe
06 / Juni 2026
Lesedauer: 3 min

Oh weh, das dritte Kind bekommt sein erstes Handy!

Handyregeln sind kein Neuland für unsere Kolumnistin. Helfen ihre Erfahrungen mit den älteren Kindern weiter oder droht erneut die Kapitulation?
Text: Mirjam Oertli

Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren

Man tastet sich ja gern vor, wenn man mit anderen Eltern spricht. Hält erst den Finger in die Luft und schaut, was einem entgegenweht. «Jaja, wir haben klare Regeln», sage ich dann, wenn mir der Ton zu ambivalenzfrei scheint. Oder: «Nein, nein, das würden wir ebenfalls nie erlauben.» Niemand muss schliesslich meinen, Erziehung sei mein vernachlässigtes Hobby.

Ob Trotzen oder Ausgehen: Die Themen zu den Sätzen wandeln sich, nur eines bleibt konstant: das Handy. Auch da haben wir klare Regeln, jaja. Nur das Durchsetzen ist, sagen wir, kompliziert.

Ein halbes Jahr also, bis der gesammelte Schrott vom Internet direkt ins Hirn unseres Sohnes rumpelt.

Weil ich das weiss, freue ich mich weniger auf Weihnachten. Denn dann ist Tag X: Unser Jüngster bekommt ein Smartphone. Heiligabend, sechste Klasse: Das war bereits Stunde null für seine Schwestern. Schon der Familiendiplomatie wegen gibt es da nichts zu rütteln. Weil er das weiss, jammert er nicht. So gar nicht, dass ich ihn kürzlich fragte, ob er überhaupt eins will. Um seine Antwort zu zitieren, bräuchte ich jetzt Totenkopf-Emojis.

Er kann aber froh sein. Bei der Ältesten hatten wir erst, ambitioniert, noch Oberstufe gesagt. Sie aber beklagte Hänseleien. (Die hörten mit Handybesitz zwar nicht auf: «Lieber keins als so eins», hiess es, weil sie kein neues Modell bekommen hatte. Doch das ist eine andere Geschichte.)

Ein halbes Jahr also, bis der gesammelte Schrott vom Internet direkt ins Hirn unseres Sohnes rumpelt. Nein, nein, das meine ich nicht wirklich. Ein wenig höchstens, wegen der Manosphere und so. Aber wir haben ja Regeln, ganz klare.

Kein Geheimdienst

Wir werden die Bildschirmzeit begrenzen. Ihn nur begleitet auf Social Media lassen, schwierige Inhalte besprechen und schauen, dass er noch ab und zu Bücher liest. Wir werden nicht hereinfallen, wenn er das Gerät spätabends dringend für die Schule braucht. Ihn abhalten, nach Tricks zu googeln oder Gspänli zu fragen, wie man Einschränkungen umgeht.

Wir werden unsere Screens polieren, damit Fingerschlieren nicht die Codes verraten. Verhindern, dass er Zweitaccounts anlegt, das Ding abends ins Zimmer schmuggelt oder nachts das WLAN noch an ist. Und wenn er sich bei den Nachbarn einklinkt? Das würden wir doch merken!

Weil wir dann aber doch kein Geheimdienst sind, werden wir ihm das Gerät auch mal entnervt entreissen. Und wenn wir es bewachen, ungläubig feststellen, wie hektisch es brummt. Die Nachrichten lesen werden wir nicht, nein, das werden wir nicht. Aber wenn wir sie zufällig aufploppen sehen, wird uns womöglich klar, dass selbst klarste Regeln nicht immer verhindern, dass nach Mitternacht Snaps verschickt werden.

Ich werde die Bildschirmzeit nach unten frisieren und sagen, jaja, wir haben klare Regeln.

Jaja. Das wird alles passieren. Und dann werden wir uns wundern, ob es nicht doch vielleicht Verbote bräuchte. Was richtig ist, was falsch. Ob Tiktok an jugendlichen Krisen oder diese am Tiktok-Konsum schuld sind. Und warum diese Plattformen mit all ihrem Zucker und ihren Bergen von Kleingedrucktem immer noch durchkommen.

Zu guter Letzt wird es sich schon mal nach Kapitulieren anfühlen. Dann wieder werden wir finden, es hat auch sein Gutes, darauf vertrauen, er wird es schon lernen. Und ab und zu werde ich mir wohl wieder zuhören, wie ich – je nach Wind – die Bildschirmzeit nach unten frisiere und sage, jaja, wir haben klare Regeln. Und falsch ist der Satz ja auch wieder nicht.