Als Ende 2022 unsere Beziehung in die Brüche ging, sass ich am Küchentisch meiner Mutter und weinte. Ich war wieder bei ihr eingezogen, mit einer Reisetasche, einem Computer und meiner Zahnbürste. Der Tisch, an dem ich sass, war derselbe wie früher. Die Rhododendren vor dem Fenster: unbewegt, unverändert. Anders als mein Leben, das sich zu diesem Zeitpunkt in Auflösung befand.
Es war der schlimmste Moment in meinem Leben, der Abend, an dem ich ging – nach Jahren erfolgloser Versuche, die Beziehung zu retten. Meine Kinder, drei und sechs, ihr Blick. Mein Blick an der Tür, die Tasche in der Hand, sie hier zurücklassend. Als wäre in diesem Moment eine Kontinentalplatte vom Festland abgebrochen, die ab jetzt unaufhaltsam ins offene Meer treiben würde.
Während ich am Küchentisch meiner Mutter weinte, wusste ich, dass der neue Freund meiner Ex-Partnerin gerade ein Hochbett für meine Söhne baute. Ich hatte den Werkzeugkasten im Flur gesehen. Jetzt stellte ich mir vor, wie sie abends darin schliefen, und fürchtete, ersetzt zu werden.
Kinderbetreuung 50:50
Weil ich all die Jahre von zu Hause aus und in Teilzeit gearbeitet hatte, rieten uns das Jugendamt und die Beratungsstelle zum sogenannten Wechselmodell – in der Schweiz «alternierende Obhut» genannt –, weil dies am ehesten der Lebenswelt unserer Jungs entsprach. Bei diesem Modell teilen sich die Eltern die Betreuung der Kinder wochenweise 50:50.
Das ist jetzt mehr als drei Jahre her. Es fühlt sich surreal an, darüber zu schreiben.
Ich habe keine Angst mehr, von jemandem ersetzt zu werden. Ich habe ein eigenes Hochbett gebaut. Es steht im Zimmer meines jüngsten Sohnes. Unsere Wohnung liegt nur einen halben Kilometer entfernt von Mamas Wohnung, dazwischen liegt die Schule. Seit der Trennung betreue ich meine Kinder so. Und unser aller Leben hat das deutlich verändert.
Ist es richtig, was ich da tue und den Kindern zumute? Kann ich das überhaupt? Und: Habe ich ein Recht darauf?
Ein Übergang in drei Phasen
Ich würde sagen, rückblickend lässt sich diese Zeit in drei Phasen einteilen: die Bereitung des Bodens, die Aussaat und das Ergebnis, die Ernte.
Der Übergang, also die erste Phase, war die schwierigste. Für die Kinder, aber auch für mich. Mein schon von Natur aus nicht übersteigertes Selbstbewusstsein war durch die Trennung und die damit einhergehenden Emotionen zusätzlich beschädigt worden, ich hatte in dieser Zeit viele Zweifel. Ist es richtig, was ich da tue – und den Kindern zumute? Kann ich das überhaupt? Und am Ende: Habe ich ein Recht darauf?
Natürlich bin ich der Vater und eben kein Elternteil zweiter Klasse. Aber in den vielen Stunden der Beratung traf ich viele Männer, die vorher kaum zu Hause gewesen waren, die jetzt nach der Trennung fanden, dass sich das alles ändern müsse. Dass ihnen das zusteht.
Aber Kinder sind keine Gegenstände, die man sich hinterher aneignet. Das Wechselmodell eignet sich nicht, um Beziehungen zu reparieren, die vorher nur sporadisch gelebt wurden. Alles soll gelebt werden, wie es vorher schon gelebt worden ist, sagte die Beraterin. Manchmal wusste ich nicht, was diese Väter in ihrer Vehemenz wollten: War es ihre eigene Sehnsucht, die Sorge um das Kindeswohl oder Rache an der Partnerin, die sie antrieb?
Ich hatte nicht vor, das so zu machen. Wir verschafften ihnen also einen ordentlichen Übergang. Anfangs waren sie nur tagsüber bei mir und schliefen nachts bei Mama – so lange, bis sie sich eingelebt hatten. In dieser Zeit gab es noch eine Tasche mit Kleidern, die ich sobald wie möglich loswerden wollte, damit die Kinder nicht stets auf gepackten Koffern sitzen mussten.
Sorgen und Nöte
Wir legten die Übergabe jeweils auf Sonntag, 18 Uhr. Man kann die Kinder auch über die Schule tauschen, aber je mehr Erfahrung ich gewann, desto besser fand ich, dass sie den Abend vor Schulbeginn noch hatten, um anzukommen. Es verschaffte uns Ruhe: ein Abendessen, gemeinsam ins Bett gehen. Für den Kleinen verhandelten wir flexibel, damit er nicht das Gefühl haben musste, seine Mutter eine Woche lang nicht zu sehen.
Diese erste Phase war die schwierigste, da ich oft mit Schuldgefühlen zu kämpfen hatte. Mache ich es richtig? Ist es vielleicht falsch, ihnen diese Zeit mit mir zu geben, weil sie so ja weniger Zeit mit der Mama verbringen? Die Kinder waren überwiegend heiter, weil so viel Neues zu entdecken war.
Das Gute: Diese Phase ging schnell vorbei. Nach einigen Wochen wollten sie die Übernachtungen nicht mehr bei Mama. Und die Tasche verschwand, ich hatte alles doppelt angeschafft – Kleidung, Bettwäsche, Möbel, Sportsachen –, auch wenn mein Kontostand häufiger scharf die Luft einziehen musste.
Der Alltag beginnt
Die zweite Phase, die der Aussaat, war die arbeitsintensivste. Jetzt begann bei uns der Alltag. Die Sorgen, die Hausaufgaben, die Nöte. Der erste Gipfel war erklommen, jetzt folgte das lange Tal. Die Kinder empfanden meine Wohnung nicht mehr als Zweitwohnung, sie wurde ihr zweites Zuhause. Ich ging immer noch zur Beratungsstelle und machte Erziehungsfortbildungen, um mir wesentliche Tipps abzuholen und mich begleiten zu lassen.
Der Fallstrick im Wechselmodell ist auf jeden Fall die Kommunikation, das weiss ich heute.
Häufig realisierte ich jetzt, was meine Ex-Partnerin mir all die Jahre abgenommen hatte, an Mental Load und Care-Arbeit, die ich nie wirklich gesehen oder wenig wertgeschätzt hatte. Ich musste viel lernen in dieser Zeit. Über den Haushalt, über mich, über das Leben, wenn man Dinge mit zwei Kindern alleine regeln muss. Über Logistik, Arzttermine, Kleidergrössen.
Der Fallstrick im Wechselmodell ist auf jeden Fall die Kommunikation, das weiss ich heute. Wenn man sich nicht intensiv miteinander austauscht, entwickelt sich durch die Wochenstruktur schnell ein Parallel-Parenting. Also zwei verschiedene Erziehungsstile oder -modelle, die häufiger konkurrieren oder zu Konflikten führen können.
Das Korsett muss stimmen
Heute erziehen wir beide anders. Nicht gleich. Meine Ex-Frau ist ein introvertierter und häuslicher Typ, ich bin eher das Gegenteil. Beide Kinder profitieren davon, dass sie bei Mama puzzeln und bei Papa öfters rausgehen (müssen). Sie haben sich in einem Leben eingerichtet, das nie gleich, aber vor allem nie zu verschieden ist.
Die Regeln sind gleich, die Mediennutzungszeiten sind gleich. Die Belohnungen beim Zeugnis, der Tadel, wenn es denn sein muss. Hier liegen die grössten Schwierigkeiten und hier muss man am meisten arbeiten, damit das Korsett – für das Kind – stets stimmt.
Nachteile gibt es auch. Andere Eltern sagen häufig neidisch: «Du Glücklicher, dann hast du immer eine Woche frei!» Das stimmt leider nicht. Da ich in den Wochen mit den Kindern alleine für sie und den gesamten Haushalt verantwortlich bin, bleibt immer sehr viel liegen – nicht nur, wenn sie krank sind.
In den Wochen ohne Kinder arbeite ich darum meistens in Doppelschicht samt Wochenende, weil ich ja Freiberufler bin, um die Arbeit irgendwie aufzuholen. Für mich selbst bleibt weit weniger Zeit als in einer klassischen Paarbeziehung, in der man sich viele Dinge einfach teilen kann. Und sei es bloss die Miete.
Ein völlig anderes Leben
Das ist oft ein gewaltiger Druck, der einen ziemlich kaputtmachen kann. Auch reagiere ich heute dünnhäutiger, wenn männliche Freunde mir sagen wollen, wie anstrengend das Familienleben sei. Dann sehe ich diese Männer an und denke manchmal: «Du hast echt keine Ahnung.» Und meine: so wie ich, damals. Das meiste, was einem all die Jahre nämlich abgenommen worden ist, sieht man erst, wenn die Partnerin weg ist, mein Freund. Das Leben ist dann ein völlig anderes.

In meinem Umfeld leben mittlerweile viele Männer getrennt. Die meisten im Residenzmodell, also nicht 50:50. Viele, die meinen, halb und halb zu machen, machen es tatsächlich nicht. Und wenn das nur heisst, dass sie Dinge nicht besorgen, Arzttermine für das Kind nicht vereinbaren. Das bleibt dann weiterhin unsichtbar bei der Mama liegen. Ich sage das nicht abwertend. Ich finde nur, wir sollten alle etwas mehr in diese Richtung schauen. Man muss kein Hardcore-Feminist sein, um einfach die Realität anzuerkennen.
Ich bin stolz auf diese Entscheidung. Ich bin kein Wochenend-Papa geworden. Sondern ein Papa mit dem Geschirrtuch über der Schulter.
Und dann gibt es Dinge, die mich saumässig glücklich machen. Und auch ein bisschen stolz.
So war ich neulich mit meinem Vater, mittlerweile fast 80, seiner Partnerin und meinen Kindern in Spanien. Ich also alleinerziehend unterwegs, dauernd beschäftigt, er eher so um zehn gemütlich am Frühstücken, was – natürlich – bei seiner Lebensleistung völlig gerechtfertigt ist.
«Du machst es unglaublich gut»
Irgendwann meinte mein Vater, ich hätte ja wirklich null Erholung und gar nichts von den Ferien. Und ich erwiderte: «Ist schon okay, die Kinder haben sehr viel Spass.» Abends war ich zu müde für den Wein und schlief mit den Kindern ein. Aber schöne Ferien waren es trotzdem.
Kurz vor der Abreise sagte mir mein Vater, am Strand stehend, die Arme in die Seiten gestützt, mein Vater, der sich selbst getrennt hatte und nie dieses Modell hatte leben können, weil ein Mann in seiner Zeit das nicht leben durfte: «Ich finde das unglaublich, wie gut du das machst. So ganz alleine. So robust und aufmerksam!» Ich war so stolz, weil ich wusste, dass er mir dafür so viel mitgegeben hat.
- Das Residenzmodell ist in der Schweiz wie auch in Deutschland das am häufigsten praktizierte Betreuungsmodell. Das Kind lebt überwiegend bei einem Elternteil, während der andere ein geregeltes Umgangsrecht hat.
- Beim Wechselmodell wird das Kind von beiden Eltern annähernd hälftig betreut, was eine gute Kommunikation und Kooperation voraussetzt. In der Schweiz ist dieses Modell rechtlich anerkannt und gewinnt zunehmend an Bedeutung; in Deutschland kann es unter bestimmten Voraussetzungen auch gegen den Willen eines Elternteils angeordnet werden, wenn dies dem Kindeswohl dient.
Ja, ich bin stolz auf diese Entscheidung. Jeden Tag ein bisschen. Ich bin kein Wochenend-Papa geworden. Sondern ein Papa mit dem Geschirrtuch über der Schulter. Heute kann mich niemand mehr ersetzen, nicht die Mama, nicht die Oma. Das habe ich mir erarbeitet. Das ist die Ernte.
Das Hochbett im Kinderzimmer, das ich vor drei Jahren gebaut habe, gibt es heute nicht mehr. Es wurde ausser Dienst gestellt. Dafür steht dort nun ein langes, grosses Bett für einen Teenager.
Ich glaube, nichts im Leben hat mich je so glücklich gemacht wie diese Tatsache.









