Teilen

Wenn ihr weg seid – ein Vater im Wechselmodell

Lesedauer: 6 min
Seit der Trennung teilt sich unser Autor die Kinderbetreuung zur Hälfte mit seiner Ex-Partnerin. Hier richtet er sich an seine beiden Söhne und beschreibt, wie es ihm dabei geht.
Text: Alexander Krützfeldt

Bild: Getty Images

Wir haben ein Ritual entwickelt. Bevor es an den Sonntagnachmittagen zurückgeht zu Mama, müssen wir Abschied nehmen. Wir schlafen erst aus, frühstücken dann lange, räumen dann zusammen auf. Wenn wir fertig sind, treffen wir uns auf dem Sofa zum Lesen und Kuscheln. Jeder sagt dann, was ihm in dieser Woche besonders gefallen hat.

Manchmal schmieden wir Pläne für die nächste. Ich bin sehr traurig dann, lasse mir das aber natürlich nur kuratiert anmerken; weil ich nicht möchte, dass ihr denkt, dass ihr euch um mich kümmern müsstet. Ihr habt sicher genug mit euch selbst zu tun.

Ich glaube, es ist gut für eure Planungen, dass der letzte Tag so endet. Langsam, in Etappen – ohne dass man allzu früh darüber sprechen müsste. Natürlich ist die Woche bei Mama genauso gut wie bei Papa, daran besteht kein Zweifel. Aber der Übergang in eine andere Welt, eine neue Zeit, ist für euch nie leicht, das merke ich.

Der Mann von der Trennungsberatung hatte das «Leben auf gepackten Koffern» genannt – und uns geraten, wenn wir es beruflich vereinbaren könnten, die Wechsel wochen- und eher nicht tageweise durchzuführen. Die Kinder bräuchten einen Tag zum Ankommen und einen für den Abschied, sagte er. Ich hatte bisher keinen Grund, an den Einschätzungen dieses Mannes zu zweifeln.

Die Vorfreude anfachen

Dieser Moment ist einer der schlimmsten an der Trennung, das ist mir aber auch erst spät klar geworden. Aber ich darf nicht zu traurig sein, es ist meine Aufgabe, mich um euch zu kümmern. Ich erzähle euch dann, was euch bei Mama erwartet, um die Vorfreude anzufachen. Wie viele Menschen dort auf euch warten werden, die euch auch sehr vermissen. Wie viele schöne Momente kommen können, was Mama so besonders macht.

Ich spreche von H. und wie gut er mit euch Lego aufbauen wird. Das ist nicht ganz leicht, aber der Mann von der Trennungsberatung hat gesagt, man müsse eben seinen Scheiss auch runterschlucken können, selbst wenn das sehr wehtut. Ein Stück weit habe ich jetzt erst verstanden, was das heisst: Ein Vater sein. In diesen anderen Momenten. Ich habe mir das ausgedacht, und von den vielen Schrottideen meines Lebens war das vermutlich die beste.

Ich bin in dem Moment, in dem ihr gegangen seid, nicht gerne in meiner Wohnung. Es ist dann sehr still da, als wäre alles Leben entwichen.

Es ist doch schön, eine Woche Erholung zu haben, sagen meine Freunde, die das Wechselmodell nicht praktizieren. Das dachte ich auch, aber so ist es nicht. Alle, die ich kenne, die das Wechselmodell praktizieren, machen das so: eine Woche mit Kindern allein und eine Woche Doppelschichten, in der sie alles aufholen müssen, was bei der Arbeit liegengeblieben ist. Bisher zähle ich keine Ausnahmen.

Natürlich fühlt sich die Luft milder an, wenn man abends seine Jacke schliesst und noch rausgeht, irgendwie verheissungsvoll. Aber das hält bei mir immer exakt so lange, bis ich wieder nach Hause komme und euer Spielzeug sehe. Dann stehe ich eine Weile so da, und dann mache ich langsam die Tür zu. Ich bin in dem Moment, in dem ihr gegangen seid, nicht gerne in meiner Wohnung. Es ist dann sehr still da, als wäre alles Leben entwichen.

Keine Belohnung, sondern eine Flucht

Ich habe auch ein Ritual entwickelt. Nur für mich, wenn ihr gegangen seid. Ich räume alles auf, und manchmal sauge ich alles ab und lese das restliche Spielzeug auf. Ich putze die Wohnung gründlich und mache dann die Tür zu eurem Kinderzimmer zu, um mir selbst zu sagen, dass jetzt ein anderes Leben dran ist. Um den Absprung zu schaffen, von sehr viel Leben hin zu weit weniger. Dann, wenn es Abend ist, treffe ich mich mit meinen Freunden.

Anfangs dachte ich, das sei eine Art Belohnung, aber mittlerweile weiss ich, dass es eine Flucht ist. Dass die Wohnung erst ein wenig weniger nach euch riechen muss, bevor ich zurückkomme. Es ist der Anblick eurer Betten, der mir das Herz bricht, nicht weil ich nicht erwachsen mit meinen eigenen Gefühlen umgehen oder alleine sein kann. Sondern weil ich weiss, dass ich jetzt eine Woche nichts hören werde. Dass ich nicht wissen werde, was ihr gerade macht.

Natürlich könnte ich euch Sprachnachrichten schicken, das tue ich auch. Aber gleichzeitig möchte ich, dass ihr nicht das Gefühl habt, euch kümmern und irgendwie verhalten zu müssen. Ihr dürft mich in diesen Wochen auch ein bisschen vergessen, im Sinne von: Dass ich im Hintergrund in euren Gedanken bin, aber ihr aktiv und unbeschwert woanders.

Ich werde immer da sein, das ist eine Sache, die unumstösslich ist. Und nur dieses Gefühl möchte ich vermitteln. Das hat auch was mit Respekt gegenüber Mama zu tun, euch nicht dauernd aus der einen Welt herauszureissen. Das wäre egoistisch.

Eine kleine Hölle

Das Schlimmste an dieser Art Trennung von euch ist, dass jeder von uns, Mama und Papa, gezwungen wird, fünfzig Prozent weniger Zeit zu haben. Die Hälfte seiner Zeit mit euch abzugeben. Nicht, weil wir besitzergreifend wären oder egoistisch. Sondern weil man auch Dinge verpasst, die man halt exakt einmal verpassen kann, und dann nicht mehr.

Nichts ist für Eltern schlimmer, schätze ich. Vielleicht ist es die Hölle. Eine kleine Hölle zwar, etwas kälter und mit Mobile an der Decke, aber schon eine Hölle. Dieses Jahr sehen wir uns Ostern nicht. Es ist Mama-Woche. Ich habe nicht sehen können, wie ihr Eier sucht und ob ihr was findet dabei. Hab die leuchtenden Augen verpasst.

Lasst euch Zeit mit den Entwicklungssprüngen, ich will sie auch mitkriegen.

Ich sitze hier am Scheiss-Maybachufer in Berlin und schaue stattdessen alte Aufnahmen an, auf dem Handy, wie ihr durch den Garten lauft. Völlig neue Form von: für Kinder stark sein. Es erfordert Disziplin. Ich weiss, dass H. jetzt mit euch das neue Lego baut. Weiss, dass Mama euch über den Kopf streicht und «Gute Nacht» sagt. Fühle mich, als wenn ein Stück Festland abgerissen ist.

Letzte Woche kam mein kleinster Sohn nach Hause und sagte, er könne jetzt Radfahren. Er hat es in der Mama-Woche gelernt.

Trennung: Ein Vater macht mit seinem Sohn den Abwasch
«Ich bin kein Wochenend-Papa geworden. Sondern ein Papa mit dem Geschirrtuch über der Schulter.»: Die Zwischenbilanz von Alexander Krützfeldt nach drei Jahren in alternierender Obhut lesen Sie hier. (Bild: Getty Images)

Wachst nicht so schnell, würde ich gern schreiben. Lasst euch Zeit mit den Entwicklungssprüngen, ich will sie auch mitkriegen. Aber gleichzeitig freue ich mich so – für euch, für Mama. Aufrichtig, tief und ehrlich. Mehr kann ich jetzt auch nicht machen, schätze ich. Bevor ich das Handy einstecke, das eure quietschenden Gesichter zeigt, schreibe ich: «Machts gut, ihr zwei» – und «Fröhliche Ostern».

Ich weiss, dass ich keine Antwort kriegen werde. Im ständigen Abschied erkennt man, wie schön es ist, Kinder zu haben. Und das, denke ich, hat vielleicht auch was Gutes.