In der Doppelrolle - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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In der Doppelrolle

Lesedauer: 3 Minuten

Viele Lehrpersonen sind zugleich Eltern schulpflichtiger Kinder – auch die Präsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz. So erlebt sie ihre zwei Rollen und die manchmal damit verbundenen Konflikte.

Text: Dagmar Rösler
Bild: Rawpixel.com

Als junge Mutter und amtierende Lehrerin machte ich mir damals wenig Gedanken darüber, wie es wohl sein würde, wenn unsere beiden Töchter später einmal Kindergarten und Schule besuchten. Ich meinte zu wissen, wie der Karren läuft, und ging ziemlich unbelastet an die Geschichte heran. Heute, ­viele Jahre und zahlreiche Erfahrungen, Elterngespräche und Diskussionen zu Hause später, habe ich eine wesentlich differenziertere Einstellung zum Thema.

Was für die Kinderseele wirklich wichtig ist

Als Mutter ist der Blickwinkel auf die Schule ein anderer, als wenn man selbst vor der Klasse steht. Logisch: Man betrachtet die Schule dann aus Sicht der eigenen Familie, die einem näher steht als alles ­andere. Aus dieser «Mutterperspektive» erlebte ich unsere beiden Töchter, wie sie jeden Morgen gerne losmarschierten und nach der Schule müde, aber meist zufrieden und glücklich wieder nach Hause kamen.

Als Mutter ist der Blickwinkel auf die Schule ein anderer, als wenn man selbst vor der Klasse steht.

Die Mädchen entwickelten sich in Richtungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ihre Schuljahre erfüllten uns einerseits mit Stolz, führten uns andererseits aber auch in die Mühlen zahlreicher Abklärungen. Und sie haben mir vor Augen geführt, was für eine Kinderseele wirklich wichtig ist: das Gefühl, in der Schule gut aufgehoben zu sein und so angenommen zu werden, wie man ist. Für uns war es von grösster Bedeutung, dass unsere Kinder gerne zur Schule gehen, demgegenüber spielten ihre Leistungen und Noten oft eine untergeordnete Rolle.

Dagmar Rösler ist Primarlehrerin in Bellach SO und Präsidentin des Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH.

Wenn es ungemütlich wird: ­Konfliktzone Hausaufgaben

Auch wenn ich persönlich zuweilen andere Entscheidungen getroffen hätte als die Fachpersonen vor Ort, gab es für mich keinen Grund, mich als Mutter dauernd in die Angelegenheiten der Schule einzumischen; auch und erst recht nicht als «Lehrerinmutter». Lehrpersonen, Schulleitungen und Betreuungspersonal leisteten einen ausgezeichneten Job, es funktionierte – meistens, auf jeden Fall.

Zu Hause gab oder gibt es aber noch heute auch Momente, in denen mir die Doppelrolle als Lehrerin und Mutter in die Quere kam oder noch immer kommt: Stehen die Mädels bei den Hausaufgaben an, macht sich mein berufsbedingtes Helfersyndrom bemerkbar. 

Wie erleichtert war ich, als mir die Lehrerinnen unserer jüngsten Tochter rieten, zu Hause einfach Mutter zu sein und nicht Lehrerin.

Es ist für Mütter und Väter eine grosse Herausforderung, den eigenen Kindern pädagogisch korrekt zu helfen. Viel zu schnell kommen auf beiden Seiten Emotionen, Missverständnisse und Ungeduld auf, und die Angelegenheit am Stubentisch wird ungemütlich. Wie dankbar und auch erleichtert war ich da, als mir die Lehrerinnen unserer jüngeren Tochter an einem Standortgespräch rieten, zu Hause einfach Mutter zu sein und meine Rolle als Lehrerin aussen vor zu lassen.

Die Lehre, die Liebe und andere grosse Sorgen

Mittlerweile sind unsere Töchter Teenager und zu jungen Frauen herangewachsen. Im Lauf ihrer Entwicklung haben sich Themen verändert oder sind neu dazugekommen. Die Schule spielt zwar auch in ihrem Alter immer noch eine wichtige Rolle, etwa in der Berufsbildung beziehungsweise im Hinblick auf die Lehrstellensuche. Oft aber rücken andere Themen ins Zentrum: erste und ernste Liebe (Du meine Güte!), Ausgang («Wie wäre es, wenn du wieder einmal zu Hause wärst?»), Medienkonsum («Du könntest ruhig auch wieder mal ein Buch lesen »), Schnupperlehrstellen­suche («Hast du schon angerufen?») oder der Umgang mit Schulfrust (Prioritätensetzung?), um nur ein paar davon aufzuzählen. 

Wie ging das nochmal: Kleine Kinder, kleine Sorgen – grosse Kinder, grosse Sorgen? Dieser Spruch hatte mich als Mutter von kleinen Kindern damals stets aufgeregt. Sind es denn nicht immer die gegenwärtigen Nöte, die einem riesig und teilweise unlösbar erscheinen? In der aktuellen Phase – siehe oben – kann ich diesem Credo allerdings durchaus etwas abgewinnen. Aber das ist eine andere Geschichte 

Warum der Blick durch verschiedene Brillen bereichert

Unter dem Strich und aus der zuweilen heilsamen Distanz betrachtet, profitiere ich bis heute von meiner Doppelrolle: als Mutter in den eigenen vier Wänden, in meiner Tätigkeit als Lehrerin und nicht zuletzt als Verbandspräsidentin. Die Erlebnisse mit unseren beinahe erwachsenen Kindern erweitern meinen Horizont. Das hilft mir, die Schülerinnen und Schüler «meiner» Klasse in einem anderen Licht zu sehen. Dank meinem Hintergrund als Mutter kann ich ihre Sorgen und Ängste, ihre Probleme gut nachvollziehen, verstehe, was dahintersteckt, und bin geduldiger geworden.

Erlebnisse mit den eigenen Kindern erweitern meinen Horizont. Das hilft mir, Schülerinnen und Schüler in einem anderen Licht zu sehen.

Auch die Erfahrungen, die ich mit meinen Töchtern zum Thema Hausaufgaben gemacht habe, helfen mir in dieser Hinsicht. Wichtig erscheint mir, den Fokus auf die Fähigkeiten der Kinder zu richten und ihre Defizite zwar im Auge zu behalten, aber wenn möglich nicht ins Zentrum zu rücken. Leider gelingt mir das auch nicht immer – doch ist meine Sicht auf die Schülerinnen und Schüler heute gewiss eine differenziertere als früher. Ich kann besser einschätzen, wo ihre Leistungsgrenzen sind, und habe Verständnis, wenn Zettel oder Formulare einmal vergessen gehen – das ist mir als berufstätige Mutter schliesslich auch passiert.

Die Lebenserfahrung mit unseren beiden Töchtern hat mich bestimmt nicht zur perfekten Mutter, geschweige denn zur perfekten Lehrerin gemacht. Aber der Blick durch verschiedene Brillen bereichert sowohl das Familien- als auch das Schulleben, ja das Leben im Allgemeinen immer wieder aufs Neue.

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