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Mediennutzung

Herr Markowetz, warum hängen wir ständig am Handy?

Der Buchautor Alexander Markowetz über die Gefahren unseres dauerhaften Smartphonekonsums und warum es nicht nur für Jugendliche so schwierig ist, diesen einzudämmen.
Interview: Bianca Fritz

Herr Markowetz, laut Ihrer Forschung schauen wir im Schnitt 88 mal am Tag auf unser Smartphone. Ist das denn so schlimm?

Damit haben Sie die höhere Zahl genannt – wenn man die Male abzieht, bei denen man das Handy nur kurz entsperrt, um beispielsweise auf die Uhr zu schauen, sind wir bei 53. Nicht die Dauer der Smartphonenutzung ist das Problem. Es sind die ständigen Unterbrechungen in unserem Alltag, die ihn zerstückeln und damit dafür sorgen, dass wir nicht mehr länger an einer Sache bleiben. Wir verlernen, uns einer Sache ganz zu widmen.

Das klingt dramatisch. Als würden wir alle an ADHS erkranken.

Mich interessiert nicht nur die Spitze, sondern vor allem der Eisberg. Also was der Smartphonekonsum für die Mehrheit der Menschen bedeutet. Dass wir immer nur auf Krankheiten und Süchte schauen, hängt sicher mit unserem Gesundheitssystem zusammen. Aber spannend ist doch, dass dieser fragmentierte Alltag uns alle betrifft. Aus Sicht von Volkswirtschaft und Volksgesundheit ist die Menge der zerstreuten, aber gesunden Nutzer deutlich dramatischer als die wenigen Prozent, die krank werden. 

Dass wir unterbrochen werden, ist aber doch nichts Neues.

Richtig, neu ist lediglich die Dimension der ständigen Unterbrechung durch das Smartphone. Das liegt an dem dauernden Zugang zu Zerstreuung und Kommunikation. Solange eine SMS noch 19 Cent gekostet hat, hat uns das davon abgehalten, ständig Nachrichten zu schreiben. Heute sind Nachrichten mit WhatsApp und Co. kostenlos. Ich habe Informatik studiert und vermutlich waren nur 10 Prozent der Zeit, die ich am Computer und im Internet verbracht habe, wirklich für mein Studium nötig. Aber ich hatte einen grossen Vorteil: Mein PC hatte ein Kabel. Wenn ich das Haus verlassen habe, war ich offline. Zwangsläufig und für mehrere Stunden.
Ich hatte als Student einen grossen Vorteil: Mein PC hatte ein Kabel.

Das kann sich ein heute 16-Jähriger vermutlich gar nicht mehr vorstellen. Wie unterscheidet sich die Smartphonenutzung der Jugendlichen von jener der Erwachsenen? 

Sie sind im Schnitt häufiger und länger online. Und das obwohl sie ja in der Schule eine Zwangspause haben. Das macht mir ein bisschen Angst. Was passiert, wenn diese Jugendlichen an die Uni kommen? Wie schnell können sie ihre Selbstregulierung aufbauen, sich selbst wieder Offline-Zeiten verordnen? Eine Intervention durch Eltern ist da sehr schwierig. Wir dürfen nicht vergessen: Smartphones sind nicht einfach nur Statussymbole, sondern Netzwerk und Kommunikation. Oder anders gesagt: Wer keine Markenturnschuhe trägt, kann trotzdem auf dem Schulhof mitreden – er ist halt nur nicht so cool. Wer kein Smartphone und kein WhatsApp hat, der ist gar nicht auf dem Schulplatz präsent. Smartphones sind der Schulplatz! Einem Einzelnen die Kommunikation via Smartphone zu verbieten, wäre genauso grausam, wie ihn in ein Klassenzimmer einzusperren, während die anderen draussen spielen. Und ihm auch noch zu sagen: «Du bist aber stärker als die!»
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Also sind Eltern dem Smartphonewahnsinn hilflos ausgeliefert? Einfach, weil es alle machen?

Nein, aber die übermässige Smartphonenutzung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Daher kann man sie auch nur in Gruppen angehen. In Firmen mit einer bestimmten Politik der Nichterreichbarkeit. In den Medien durch Aufklärung. Oder eben auch in Schulen. Zum Beispiel könnte beim Elternabend im Klassenverband abgesprochen werden, dass alle Eltern abends um 20 Uhr die Handys ihrer Kinder einkassieren. Dann wird der, der nachts um 2 Uhr nicht mehr im Klassenchat sein darf, kein Aussenseiter. Es gibt einfach keinen nächtlichen Klassenchat. Und im Unterricht müssen wir darüber sprechen, warum Offline- Zeiten wichtig sind. Genau so wie uns in den 80ern der Umweltschutz immer wieder gepredigt wurde. Heute ist es für mich einfach normal, dass ich zum Beispiel meinen Müll in bis zu sechs verschiedene Eimer werfe – es ist mir ins Blut übergegangen.

2 Kommentare

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Von Andrea am 11.12.2016 10:49

Sehr spannender Artikel! Wie heisst denn eine dieser "Verzögerungsapps"?

Von Fritz+Fränzi Redaktion am 11.12.2016 17:33

Unsere Redakteurin hat "Break Free" benutzt: http://www.breakfree-app.com/
Es gibt aber wirklich sehr viele verschiedene mit unterschiedlichesten Funktionen. Swisscom bietet zum Beispiel die App "Offtime" an: https://www.swisscom.ch/de/privatkunden/services/mytime.html
Hier noch die Besprechung von zwei weiteren Apps - und bestimmt finden Sie in Ihrem App-Store noch mehr :-)
http://blog.somedia-production.ch/update/menthal-die-app-gegen-smartphone-sucht
https://www.welt.de/wirtschaft/webwelt/article146354066/Diese-App-hilft-gegen-Smartphone-Sucht.html

Viel Erfolg beim Brechen mit Gewohnheiten!
Liebe Grüsse, Bianca Fritz für die Fritz+Fränzi-Redaktion

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