Einer für alle, alle für einen! 
Merken
Drucken

Einer für alle, alle für einen! 

Lesedauer: 2 Minuten

Warum es für unseren Kolumnisten Mikael Krogerus wichtig war, dass seine Kinder Teamsport betreiben – und dann richtig, dass sie damit aufhörten.

Text: Mikael Krogerus
Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren

Was einem wichtig ist im Leben, erkennt man oft erst, wenn man Kinder hat. Dann bahnt sich plötzlich ein Wertekanon seinen Weg, der sich zuvor gut versteckt hatte, in den innersten Kammern des Unterbewusstseins. Mir zum Beispiel war es wichtig, dass meine Kinder Sport treiben. Und zwar Mannschaftssport. «Aber warum?», fragte meine Frau. (Ginge es nach ihr, sollten unsere Kinder lieber dreimal die Woche zu den Jungsozialisten als ins Training.)

Ja, warum Sport? Liebäugele ich heimlich mit einer Spitzensportkarriere meiner Sprösslinge? Gehöre ich zu jenen, die Körperertüchtigung für charakterbildend halten? Oder übertrage ich am Ende gar meine eigene eher überschaubare Sportkarriere auf meine Kinder?

Während für viele die Pubertät einem nicht enden wollenden Albtraum gleichkam, genoss ich meine Zeit als Heranwachsender.

Ein wenig von all dem, denke ich, aber da ist noch ein Grund, warum ich meine Kinder zu Teamsport zwinge; die Erinnerung an die in vielerlei Hinsicht beste Zeit meines Lebens: meine Jugend. Während für viele die Pubertät einem nicht enden wollenden Albtraum gleichkam, genoss ich meine Zeit als Heranwachsender.

Das hatte auch mit meinem Handballklub zu tun. Jeden Montag, jeden Mittwoch und jedes Wochenende betrat ich eine Parallelwelt, ohne Mitschüler, ohne Hausaufgaben, ohne Eltern.

Eine Welt, in der ich mich zugleich aufgehoben und herausgefordert fühlte. Aufgehoben, weil wir ein Team waren, das fehlendes Talent durch Aufopferung und Mannschaftsgeist wettmachte. Herausgefordert, weil wir gegen Mannschaften spielten, die uns früh der Illusion beraubten, jemals über die Kreisklasse hinauszukommen.

Unsere Trainer – «Raini» und «Zacki» – hatten wenig Ahnung von moderner Trainingslehre, aber sie hatten Humor, und sie hatten Herzen so gross wie Elefanten. Die Stunden in der Sporthalle waren zenartige Momente der totalen Hingabe. Keinen Gedanken verschwendete ich an Kurvendiskussionen, Französischvokabeln oder missratene Annäherungsversuche an Klassenkameradinnen.

Ich war – obwohl talentfrei – ganz nah bei mir und zugleich aufgehoben in einem sozialen Gebilde namens Mannschaft. Eine Gruppe Halbbegabter, in Zusammensetzung, Herzlichkeit und ruppigem Ton ein Abbild des Arbeiterquartiers, in dem ich aufwuchs. 

Ich muss gestehen, dass ich in den Jahren in der Halle kein guter Handballer wurde, aber ich war an einem Ort jenseits der Schule, an dem ich Spass hatte, aber auch etwas lernte. Übers Leben zum Beispiel.«Was lernt man beim Sport ausser toxische Männlichkeit?», fragte meine Frau spitz. «Einiges», antwortete ich. Zum Beispiel, dass du alleine nichts bist. Dass gemeinsam gewinnen mehr Spass macht und gemeinsam verlieren weniger weh tut. Meine Kinder haben übrigens beide nach vielversprechenden Ansätzen ihre Karrieren im Fussball beziehungsweise Basketball vorzeitig beendet und sich anderen Hobbys zugewandt.

Eine der grossen Aufgaben im Leben, denke ich heute, ist, herauszufinden, was dir – und nicht deinen Eltern – wirklich wichtig ist.

Mikael Krogerus
ist Autor und Journalist. Der Finne ist Vater einer Tochter ­und eines Sohnes und lebt in Basel. Von 2013 bis 2023 war er Kolumnist für das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi.

Alle Artikel von Mikael Krogerus

Lesen Sie mehr zum Thema Familienleben

Elternblog
Nichts gehört mir mehr!
Das Leben mit Teenagern kommt bisweilen einer Enteignung gleich: Persönliches Eigentum – Fehlanzeige. Existiert im Leben einer Mutter nicht mehr.
Advertorial
Vermögen aufbauen mit der Clanq Familien-App
Die kleinen Ausgaben im Alltag machen einen gewaltigen Unterschied. 3 Tipps, wie auch mit kleinem Budget ordentlich Geld zusammenkommt.
Elternblog
Das Schildkröten-Drama
Die Söhne unserer Kolumnistin wollen unbedingt einen Hund. Der vorläufige Kompromiss: Besser eine Schildkröte als gar kein Haustier.
Erziehung
«Dann habe ich Angst um meine Kinder»
Die Mädchen von Fabienne verstehen sich bestens mit Stiefvater Mark. Doch trüben Konflikte mit dessen Ex-Frau das Glück der Patchworkfamilie.
Patchworfamilie Scandellea beim Spaziergang. Freiheit geniessen.
Erziehung
«Willst du deine Freiheit aufgeben?»
Neue Familie oder Freiheit? Andrea und Domenic gingen ihre Patchworkfamilie lamgsam an. Die Kinder wären gerne schon früher zusammengezogen.
Foto
Elternblog
Wetteifern um das perfekte Foto aus den Ferien
Unsere Kolumnistin und ihr Ex verschicken sich jeweils gegenseitig Fotos des Nachwuchses aus den Ferien. Das nimmt zuweilen groteske Züge an.
Elternblog
«Du kannst ja die dicke Barbie daten»
Unsere Kolumnistin hat sich mit ihren Söhnen den Erfolgs-Blockbuster «Barbie» reingezogen. Das Urteil der drei fällt vernichtend aus.
Mikael Krogerus Kolumnist
Familienleben
Vom Stress, nicht gut genug zu sein
Der gesellschaftliche Druck drängt Jugendliche und Eltern in den Perfektionismus. In den dunkelsten Stunden wendet sich Kolumnist Mikael Krogerus an Gott und bittet um Erlösung. 
Mikael Krogerus Kolumnist
Elternblog
Es ist nicht eure Aufgabe, eure Kinder glücklich zu machen!
Eltern sollten nicht darum bemüht sein, ihren Kindern jedes Problem abzunehmen, sondern sie in ihren Gefühlen ernst nehmen.
Mikael Krogerus Kolumnist
Elternblog
Über den Grusel-Reiz beim Übernachten
Schlafen in einem fremden Haus bedeutet grosse Angst und unwiderstehliche Faszination, schreibt unser Kolumnist Mikael Krogerus und erinnert sich an seine ersten Übernachtungen.
Thomas Feibel
Medien
Digital Detox für die ganze Familie
Die ständige Erreichbarkeit setzt uns allen kräftig zu. Thomas Feibel erklärt, wieso digitale Auszeiten für Familien wichtig sind.
Vegan durch die Pubertät
Ernährung
Was tun, wenn die Tochter vegan durch die Pubertät will?
Wenn Teenager ganz auf tierische Produkte verzichten wollen, gilt es ein paar Dinge zu berücksichtigen. Wie eine vegane Ernährung gelingen kann.
«Wir hören einander zu»
Erziehung
«Wir hören einander zu»
Thomas Lottermoser, 52, und seine Frau Gunda Lottermoser-Niedermeyer, 48, erzählen, dass sich die Familie ihr Glück erarbeiten musste.
Mikael Krogerus Kolumnist
Elternblog
Der beste Erziehungsratschlag
Unser Kolumnist Mikael Krogerus sagt, warum Eltern ihre Kinder um Rat ersuchen sollten und verrät den besten Tipp seiner Tochter.
Die Zeit, die wir als Familie haben, ist so wertvoll
Familienleben
«Die Zeit, die wir als Familie haben, ist so wertvoll»
Jasmin Bauer erhielt in der ersten Schwangerschaft die Diagnose Brustkrebs. Seither erlebt sie mit ihrer Familie jeden Tag als Geschenk.
Grenzen setzen obwohl freiheitsliebend
Erziehung
«Ich muss Grenzen setzen, obwohl ich freiheitsliebend bin»
Sarah Farsatis ist vierfache Mutter und hat mit der Geburt ihrer Kinder gelernt, dass es wichtig ist, Regeln aufzustellen. 
Vertrauen Respekt und Verbindlichkeit
Erziehung
«Wir setzen auf ­Vertrauen, Respekt und Verbindlichkeit»
Julia Aellig und Orlando Bitzer erzählen, wieso sie Wert auf Mitbestimmung legen und weshalb ihnen Grenzen setzen wichtig ist.
Wie Sie Kindern sinnvoll Grenzen setzen
Erziehung
Wie Sie Kindern sinnvoll Grenzen setzen
Wurden Kinder früher an die Gesellschaft angepasst, sollen sie heute selbstbestimmt aufwachsen. Auch in einer partnerschaftlichen Erziehung braucht es aber Regeln und Grenzen.
Mikael Krogerus Kolumnist
Elternblog
«Was willst du werden, wenn du gross bist?»
Unser Kolumnist Mikael Krogerus schreibt, warum wir aufhören sollten, unseren Kindern diese Frage zu stellen und welche Frage die richtige wäre.
Elternbildung
So lernt Ihr Kind Verantwortung zu übernehmen
Mit der Zeit sollte Verantwortung Schritt für Schritt von den Eltern aufs Kind übergehen. Wie Mütter und Väter diesen Balanceakt meistern.
Elternbildung
«Wir sollten Kindern etwas zutrauen»
Gwendolyn Nicholas und Nico Lopez Lorio liessen ihre Söhne schon mit acht allein im ÖV durch die Stadt fahren. Heute ist auch die fünfjährige Tochter oft dabei.
Elternbildung
«Kinder müssen wissen, was sie brauchen»
Karin und Stephan Graf sind überzeugt, dass Empathie der Schlüssel zur ­Eigenverantwortung ist.
Elternbildung
«Ich dachte, ich würde es locker nehmen»
Simone Steiner und Paolo Bogni waren als Kinder früh selbständig. Umso mehr erstaunt beide, dass ihnen Loslassen als Eltern oft schwerfällt.
Elternbildung
Eigenverantwortung und Selbständigkeit – so gehts
Wie merke ich, dass ich meinem Kind mehr Verantwortung übergeben kann? Diese und neun weitere Elternfragen sowie Antworten von Expertinnen und Experten.
Elternbildung
«Durch die Beratungsrolle bin ich selbstbewusster geworden»
Petra Brem hat zusammen mit ihrem Mann drei Kinder: Nelia, Malin und Leanne. Nelia war im letzten Semester Beraterin im Ideenbüro der Primarschule Kaisten.