Meine Tochter hat ihre wichtigsten Menschen stets mit dabei. Im Badezimmer zum Beispiel lehnt ihr Smartphone am Spiegel, während sie mit Trockenshampoo hantiert. Die beste Freundin schaut zu – per Videocall zugeschaltet. Das heisst, wirklich zuschauen tut diese nicht, denn sie tuscht sich gerade vor ihrem eigenen Spiegel die Wimpern. Gefühlt 24/7 sind die beiden 15-jährigen Mädchen connected über Instagram, Snapchat, Whatsapp und so weiter.
Auch mein Sohn ist nicht wirklich allein, wenn er vor seinem Computer sitzt. Der 13-Jährige zockt online Fortnite und ist gleichzeitig mit der halben Klasse im Whatsapp-Gruppencall verbunden.
Völlig neue Form des Miteinanders
Hört man sich unter Eltern um, zeigt sich ein ähnliches Bild. Zwischen Sprachnachrichten, Social Media und echten Begegnungen navigieren Jugendliche heute durch eine völlig neue Form des Miteinanders.
«Digital und analog sind längst miteinander verschmolzen. Es gibt kaum eine Freundschaft im analogen Leben, die nicht mit digitalen Snacks gefüttert wird – in Form von Fotos oder kurzen Nachrichten etwa, um zu signalisieren: «Ich denk an dich!»», sagt Anna Schneider. Sie ist Professorin und Studiengangleiterin für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Trier in Deutschland und forscht unter anderem zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf unsere Gesellschaft.
Was sagen aktuelle Studien?
Doch was bedeutet das genau? Wie verändern sich Freundschaften im digitalen Zeitalter, wie werden sie geschlossen, wie geführt? Was hat es mit den Untersuchungen auf sich, die nahelegen, dass sich die heutige Jugend einsamer fühlt als frühere Generationen? Und welche Aufgabe erfüllen Freundschaften überhaupt in der Adoleszenz? Wir machen uns in diesem Dossier auf die Suche nach Antworten.
Die James-Studie, die alle zwei Jahre den Medienumgang der 12- bis 19-Jährigen in der Schweiz untersucht, zeigt zunächst ein beruhigendes Bild. Zwar nutzen 95 Prozent der Jugendlichen ihr Smartphone am häufigsten, um über Messenger-Dienste zu kommunizieren. Gleichzeitig ist ihnen aber der analoge Kontakt untereinander wichtig: So treffen sich 70 Prozent mehrmals in der Woche physisch mit Freunden.
Freunde sind zentral für die Entwicklung der Identität.
Moritz Daum, Entwicklungspsychologe
«Die Zahl der Freunde pro Person ist dabei über die letzten Jahre stabil geblieben», beobachtet Daniel Süss. Er ist Professor für Medienpsychologie, leitet das Institut für Mensch, Gesellschaft und Technologien an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und ist Co-Leiter der James-Studie.
Die meisten Befragten geben an, im Schnitt sieben Freundinnen und Freunde zu haben – darunter drei bis fünf besonders gute. Nur 1 Prozent hat gar keine. Auch dieser Wert ist in den letzten Jahren laut Daniel Süss stabil geblieben. Der Grossteil der Jugendlichen fühlt sich also offenbar gut aufgehoben im Freundeskreis. Über die anderen, die sich schwerer tun, lesen Sie im Interview mit der Entwicklungspsychologin Susanne Bücker.

Freundschaft – das ist definitionsgemäss eine enge positive Beziehung zwischen zwei Menschen, die auf Gegenseitigkeit, Vertrauen, Verlässlichkeit und Unterstützung beruht. Sie bekommt in der Adoleszenz einen immer grösseren Stellenwert. Dann nämlich, wenn sich der soziale Radius der Kinder vergrössert, Eltern weniger wichtig werden und der Nachwuchs sich soziales Feedback lieber von Gleichaltrigen holt.
«Gerade in der Pubertät, die mit grossen Veränderungen einhergeht, brauche ich die Rückmeldung meiner Peers», sagt Moritz Daum, Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Zürich. «Freunde sind also ganz zentral für die Identitätsentwicklung.»
Die Vorteile der Digitalisierung
Zunächst einmal: Freunde finden Kinder und Jugendliche nach wie vor hauptsächlich im analogen Leben. Daniel Süss zitiert dazu einen Sozialbericht aus Deutschland, der auch auf die Schweiz zutrifft, wie er sagt, und deutlich zeigt: Bei der Frage, wo Freundschaften geschlossen werden, stehen Schule und Ausbildung immer noch an erster Stelle, dicht gefolgt von gemeinsamen Freunden oder Freizeitaktivitäten.
Was früher der Jugendtreff geleistet hat, findet nun digital statt: in einem geschützten Raum neue Leute kennenlernen.
Anna Schneider, Wirtschaftspsychologin
Gleichzeitig hat sich der Radius, in dem sich Freundschaften anbahnen, deutlich erweitert. So lassen sich in Gruppencalls andere Jugendliche unkompliziert dazuholen, was den Freundeskreis ausdehnt. «Ich habe dabei die Chance, in einem geschützten Raum neue Leute kennenzulernen. Was früher der Jugendtreff geleistet hat, findet nun auch digital statt», beschreibt es Anna Schneider. Die Möglichkeiten, um in Kontakt zu kommen und dies auch zu bleiben, sind also viel grösser. Und vor allem niederschwelliger.
Einen Post auf Instagram liken, einen Kommentar schreiben: Gerade jungen Menschen, die sich schwertun, Kontakte zu knüpfen, kann dieser Schritt auf Social Media leichter fallen, so Schneider. Auch eine Sprachnachricht auszutauschen oder ein Videosnap zu schicken, braucht weniger Mut, als auf der Party jemanden anzusprechen. Zudem lasse es sich online oft leichter über schwierige Themen kommunizieren.
Hinzu kommt: «Angesichts des Schul- und Freizeitstresses, in dem viele Kinder stecken, sind digitale Medien eine gute Gelegenheit, um in Kontakt zu bleiben», findet die Psychologieprofessorin. Die meisten hätten ja mindestens zwei Hobbys. Zwischen all den Trainings und Hausaufgaben sei es manchmal gar nicht so leicht, sich mit Freunden zu verabreden. Zum Glück könne man da digital nachfragen: «Wie geht es dir?», «Meld dich mal wieder!». So lassen sich Freundschaften auf eine sehr einfache Art und Weise aufrechterhalten, auch über Distanzen.
Mithilfe digitaler Geräte kann ich Dinge, die mich beschäftigen, unmittelbar mit meinen Freunden besprechen.
Ulla Autenrieth, Sozialwissenschaftlerin
Nicht zuletzt ist es praktisch, wenn Freunde via Kurzwahltaste jederzeit erreichbar sind, findet Ulla Autenrieth: «Dinge, die mich bewegen, kann ich unmittelbar besprechen.» Die Professorin forscht an der Fachhochschule Graubünden zum Thema Mediennutzung und -kompetenzen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen.
Handy als Instrument zur Abgrenzung von den Eltern
«Sein soziales Netz immer dabei zu haben, ist gerade für Jugendliche, die sich vom Elternhaus lösen, unheimlich wichtig.» Ob ich gerade im Bus sitze oder in meinem Zimmer: Ich bin nie alleine, kann im Idealfall mit meiner besten Freundin direkt teilen, wenn ich etwas Schönes oder Blödes erlebe, und fühle mich aufgefangen. Das Handy ist also ein wichtiges Instrument zur Abgrenzung von den Eltern.
Digital in Verbindung zu stehen, ist somit eine Erweiterung der analog geführten Freundschaft. «Beide Welten verschmelzen miteinander», sagt Anna Schneider. Und Daniel Süss spricht von einer «hybriden Lebensführung». Gefestigt hingegen werden Freundschaften im analogen Leben – durch gemeinsame Erlebnisse zum Beispiel. So wie bis anhin auch. Denn reine Onlinefreundschaften sind in der Altersspanne der 12- bis 19-Jährigen eher selten, beobachtet Daniel Süss.

An den Code gilt es sich zu halten
Sprachnachrichten, Videos, Bilder sind somit zusätzliche kreative Formen, um in Kontakt zu bleiben. Gleichzeitig stärken sie die gegenseitige Verbundenheit: Denn die ausgetauschten GIFs und Reels, die sich auf gemeinsame Interessen und Erfahrungen berufen, stellen auch eine Nähe zwischen den Beteiligten her. «Nur schon die Tatsache, dass ich etwas poste und weiss, dass meine Freunde das sehen können, verstärkt das Gefühl von Zusammengehörigkeit», so Süss.
Dabei gehe es häufig nicht um Inhalte, sondern um die Bestätigung der Beziehung, sagt auch Ulla Autenrieth. «Jugendliche, die etwas auf Instagram posten, erwarten vom engsten Freundeskreis, dass dies schnell gelikt und kommentiert wird – denn das signalisiert: «Du wirst wertgeschätzt!»» An diese impliziten, manchmal auch expliziten Regeln («Wenn ich etwas poste, likst du es!») gelte es sich zu halten. Es ist eine soziale Bestätigung, die öffentlich demonstriert: Du bist Teil unserer Gruppe.
Die Kommunikationswissenschaftlerin Jasmina Rosič forscht an der Katholischen Universität Leuven in Belgien zu positiven digitalen Erfahrungen von Jugendlichen. Sie sagt: «Onlinekontakte können für manche Teenager sogar zu einer grösseren Nähe zu Freunden führen, so dass sie sich stärker verbunden fühlen.»
Dies gelte insbesondere für Teenager, die sozial ängstlich oder schüchtern sind. Ausserdem stellt Rosič fest: Vor allem Mädchen haben positivere digitale Erfahrungen als Jungs, wenn sie sich online mit Gleichaltrigen verbinden, da sie dazu erzogen werden, der Kommunikation grosse Aufmerksamkeit zu schenken. Sie sind stark auf Austausch, gegenseitige Bestätigung und soziale Interaktion angewiesen.
Ständig verfügbar zu sein, kann eine emotionale Erschöpfung hervorrufen.
Moritz Daum, Entwicklungspsychologe
Aber auch Jungs schweisst die Onlinekommunikation zusammen – wenn auch häufig auf einer anderen Ebene: «Jungs, die zusammen online gamen, unterhalten sich nebenher oft via Gruppencall», sagt Ulla Autenrieth. Sie führen dabei also auch eine intensive Kommunikation – zwar nicht im Sinne von «Wie war dein Tag?», stattdessen steht bei ihnen eher «Lass uns gemeinsam eine Strategie aushecken!» im Mittelpunkt. «Doch das ist genauso wertvoll.»
Jugendliche im Dauerstress
Allerdings ist das Ganze auch mit Risiken verbunden. Denn mit der ständigen Verfügbarkeit geht ein Erwartungsdruck einher. Andauernde Benachrichtigungen – sei es ein «Ping» oder das Vibrieren des Handys – können Stress erzeugen. Zumal sich in Klassenchats innert kürzester Zeit leicht 200 neue Nachrichten ansammeln. Worauf sich Kinder und Jugendliche die Frage stellen: Muss ich sofort antworten, um nicht isoliert zu werden?
«Dieser soziale Druck kann emotionale Erschöpfung hervorrufen», sagt Entwicklungspsychologe Daum. «Oder zumindest sehr ablenken.» So zeigt beispielsweise die Stress-Studie von Pro Juventute aus dem Jahr 2021: Rund ein Drittel der Kinder und Jugendlichen in der Schweiz fühlt sich gestresst. Bei den über 14-Jährigen sind es sogar bereits mehr als 45 Prozent.
Auffällig dabei: Je mehr Zeit Kinder und Jugendliche mit dem Konsum elektronischer Medien verbringen, desto häufiger sind sie gestresst. Zudem weisen die Ergebnisse einer neuen amerikanischen pädiatrischen Langzeitstudie erstmals auf kausale Zusammenhänge zwischen dem Smartphone-Gebrauch und der Entstehung psychischer Probleme in der Adoleszenz hin.
Gefühl der Ausgrenzung
Umgekehrt gilt: Reagiert niemand, wenn ich etwas schreibe oder poste, ruft das ebenfalls schnell ein Gefühl der Ausgrenzung hervor. «Weil soziale Anerkennung sichtbar wird durch Likes oder sofortiges Antworten, kommt das Ausbleiben von solchen Bestätigungen einem Gesichtsverlust gleich», erklärt Ulla Autenrieth.
«In dem Moment, in dem ich etwas schreibe oder poste, mache ich mich verletzlich. Und je enger ich mich verbunden fühle, je dicker die Freundschaft, umso höher ist oft der gegenseitige Erwartungsdruck.» Was wiederum zu Stress führen kann. Und zum Gefühl: Ich muss auch während der Schulzeit oder noch spätabends aufs Handy schauen, um ja nichts zu verpassen.

Jugendliche reagieren dabei stärker auf soziales Feedback als Erwachsene – weil sie sich eben in jener Entwicklungsphase befinden, in der die Bestätigung von Gleichaltrigen essenziell ist. «Selbstkonzept und Selbstwert bilden sich in dieser Zeit erst heraus, deshalb sind Jugendliche in der Adoleszenz besonders empfänglich und vulnerabel», sagt Anna Schneider.
Wer eher einen geringen oder instabilen Selbstwert hat, ist dabei abhängiger von äusserem Feedback. Auch wer sehr perfektionistisch ist oder über unsichere Bindungsmuster verfügt, reagiere sensibler auf soziale Bewertungen, so die Wirtschaftspsychologin. Tendenziell nehmen diese Jugendlichen Feedback negativer wahr – sie erinnern sich also eher an negative Rückmeldungen, weniger aber an positive.
Belohnungssystem fördert Stress
Was natürlich auch den App-Entwicklerinnen und -Entwicklern klar ist. Auf Snapchat beispielsweise, das bei Heranwachsenden besonders beliebt ist, zeigen Flammensymbole an, ob Freunde über mindestens drei Tage hinweg kontinuierlich Snaps ausgetauscht haben. Dieses Belohnungssystem soll eine häufige Interaktion fördern. Tatsächlich aber erzeugt es oft sozialen Druck – weil der Verlust der Flamme als Ende einer «echten» Freundschaft wahrgenommen wird.
Weil man zeitverzögert antwortet, gewinnen Konflikte manchmal an Schärfe und können nicht gut gelöst werden.
Anna Schneider, Wirtschaftspsychologin
Freundschaftspflege wird in solchen Szenarien zu einem Vollzeitjob. So kam es im Umfeld meiner Kinder vor, dass Jugendliche während eines zweiwöchigen handyfreien Schullagers ihr Smartphone den Eltern überliessen – mit der Aufforderung, in ihrer Abwesenheit weiter mit ihren Freunden zu interagieren, um ja keine Flammen zu verlieren und so die Freundschaft zu gefährden.
Neben diesem emotionalen Druck gibt es durch digitalen Austausch auch nachweislich mehr Streit, sagt Anna Schneider. Vor allem schriftlich geführte Kommunikation bietet viel Potenzial für Missverständnisse oder Eskalationen. «Weil man zeitverzögert antwortet, gewinnen Konflikte manchmal an Schärfe und können nicht gut gelöst werden.»
Vor allem wenn die Freundschaft erst im Aufbau ist, die Beteiligten sich noch nicht so gut kennen, ist die Gefahr von Missverständnissen gross. Freundschaften werden online auch rascher beendet: «Ich habe keine Lust» ist schneller geschrieben als ausgesprochen. Im Zweifelsfall melde ich mich einfach gar nicht mehr.
Ein «Ok» gilt als passiv-aggressiv
Doch nicht nur, wie schnell jemand antwortet, ist wichtig, sondern auch, wie viel Mühe sich eine Person dabei gibt, weiss Anna Schneider. «Daran lässt sich ablesen, wie viel Wert mein Gegenüber der Beziehung beimisst.» Hier gelte die Regel: Je aufwendiger und kuratierter die Botschaft, umso wertschätzender. Zumindest bei sich frisch anbahnenden Beziehungen treffe dies zu.
Ein «Ok» gilt dann schon als passiv-aggressiv. Mindestens ein «Oke» oder «Okay» sollte es schon sein. Wobei es auch hier Ausnahmen gibt: «Einer BFF (best friends forever), der ich sehr nahestehe und deren Freundschaft ich gewiss bin, nehme ich es nicht übel, wenn sie nur kurz angebunden ist oder länger nicht antwortet», erklärt Anna Schneider die jugendliche Denkweise. «In dem Fall gehe ich einfach davon aus, dass sie gerade im Stress ist.»
Erlaube ich meinem Kind kein Whatsapp, ist es von der Kommunikation abgeschnitten.
Anna Schneider, Wirtschaftspsychologin
Eine weitere Kehrseite der ständigen Vernetzung ist die Vergleichsfalle: Sehe ich im neuesten Status meiner Freundinnen und Freunde, wie sie ohne mich Spass haben oder Traumferien erleben, erzeugt dies womöglich das Gefühl, das eigene Leben sei langweilig oder weniger erfolgreich.
«Dieses ständige soziale Vergleichen kann Neid schüren, das Selbstwertgefühl untergraben und ein Gefühl der Einsamkeit hervorrufen», sagt Entwicklungspsychologe Moritz Daum. Und Jasmina Rosič ergänzt: «Ob ich mich nach dem Scrollen einsam fühle, hängt vor allem von den Inhalten ab, die ich online sehe, und davon, wie lange ich soziale Medien nutze.»

Die Rolle der Eltern
Ulla Autenrieth findet es daher wichtig, dass Kinder und Jugendliche medienkompetent werden und lernen, sich abzugrenzen. Dabei würden die Eltern eine wichtige Rolle spielen. So sei es zentral, dass sich Mütter und Väter mit dem Nutzungsverhalten ihrer Kinder auseinandersetzen, hinterfragen, warum ihnen diese oder jene App so wichtig ist, und deren Nutzung nicht einfach ablehnen.
Oder anders formuliert: «Eltern sollten ihre Kinder unterstützen anstatt deren Handynutzung böse strafend überwachen. Damit schaffen sie die Voraussetzung, dass Jugendliche in einer Krisensituation genug Vertrauen haben, um sich an ihre Eltern zu wenden», sagt Autenrieth. Anstrengend? «Ja», gibt die Medienwissenschaftlerin zu. «Aber es gibt hier leider keine einfache Lösung.»
Wir dürfen die verklärten Erinnerungen an unsere Jugend nicht auf unsere Kinder projizieren.
Moritz Daum, Entwicklungspsychologe
Auch Anna Schneider findet es wichtig, dass Eltern verstehen, warum Kinder welche Apps nutzen. Warum ist es meiner Tochter, meinem Sohn so wichtig, auf jedes Like, jede Antwort zu reagieren? Welches Bedürfnis steckt dahinter? Und dann rauszufinden: Wie integrierst du das in den Alltag?
Auch gemeinsam zu gewichten gehört dazu und zu schauen: Worauf reagiere ich, worauf nicht? Sind die 20 Memes im Klassenchat genauso wichtig wie die Nachricht der besten Freundin? «Hier müssen Eltern auch ihr eigenes Verhalten hinterfragen», findet Schneider. «Schliesslich haben sie eine wichtige Vorbildfunktion.» Reagiere ich also selber nach 22 Uhr noch auf Nachrichten? Muss das sein? Und wie begründe ich das?
Die Jugend heute ist eine andere
Generell unterscheidet die Psychologin, welche Inhalte auf dem Smartphone genutzt werden: «Muss sich die Tochter spätabends noch mit der besten Freundin austauschen, ziehe ich andere Grenzen, als wenn sie noch ein Level fertig spielen will.» Zur Wahrheit gehöre aber auch: Ohne digitale Kommunikation geht es nicht mehr. «Erlaube ich meinem Teenager kein Whatsapp, ist er von der Kommunikation abgeschnitten.»
Umso wichtiger sei es, als Eltern immer mal wieder die Perspektive zu wechseln und «sich in die Schuhe der Jugend zu begeben», sagt Schneider. «Schliesslich haben Teenager heute andere Entwicklungsaufgaben als wir früher.»
Teenager überlegen sich mittlerweile oft zweimal, was sie von sich preisgeben – und handeln damit zuweilen überlegter als Erwachsene.
Daniel Süss, Medienpsychologe
Und Moritz Daum findet: «Wir Eltern dürfen nicht die oft verklärten Erinnerungen, wie unsere Jugend ausgesehen hat, auf unsere Kinder projizieren.» Schliesslich wachsen Jugendliche in einer ganz anderen Welt auf. Stattdessen sollten Mütter und Väter immer wieder ihre eigenen, manchmal vielleicht etwas zu verfestigten Vorstellungen hinterfragen – «was aber total schwierig ist».
Dazu gehört auch anzuerkennen, dass die Jugend manchmal sogar bewusster ist im Umgang mit digitalen Medien als Erwachsene. Wie etwa die Beispiele der 17-jährigen Freundinnen in unseren Porträts zeigen: Scheinbar mühelos und selbstverständlich wechseln sie zwischen analoger und digitaler Welt hin und her. Manchmal versinkt zwar jede für sich beim Scrollen in ihrem Bildschirm. Dann wieder legen sie gezielt ihre Smartphones beiseite, um ungestört zusammen einen Film zu schauen.

«Zuletzt hat die Häufigkeit bei Jugendlichen abgenommen, selber etwas in den sozialen Medien zu posten», beobachtet zudem Daniel Süss. «Teenager überlegen sich mittlerweile oft zweimal, was sie von sich preisgeben – und handeln damit zuweilen überlegter als Erwachsene.»
Freundschaften bleiben also Freundschaften. Ihre Anzahl nimmt nicht rapide ab, nur weil sich die Spielart geändert hat. Am Ende geht es nach wie vor darum, gemeinsam Zeit zu verbringen.











