«Gell Papa, du bist nicht wirklich dumm» -
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«Gell Papa, du bist nicht wirklich dumm»

Lesedauer: 4 Minuten

Vergesslichkeit ist eine weit verbreitete Krankheit, bei Kindern wie bei Erwachsenen. Die schlechte Nachricht: Sie ist unheilbar. Die gute: An den Symptomen kann man arbeiten.

Text: Fabian Grolimund
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren

Herbstferien: Ich reise alleine mit den beiden Kindern für einige Tage an den Bodensee. Maya, meine Frau, bringt mich noch an die Bushaltestelle, schaut mich eindringlich an und sagt: «Fabian, vergiss den Koffer nicht!» Ich nicke pflichtschuldig, steige mit den Kindern in den Bus, danach in den Zug – und stelle nach einigen Minuten fest: Ich habe den Koffer im Bus liegen lassen.

Ein kurzes Telefonat später rennt meine Frau zum Bus, der gerade eine weitere Runde dreht, findet den Koffer und stellt ihn in den nächsten Zug in Richtung Zürich, wo die Kinder und ich ihn später abholen. 

Nichts zu vergessen ist besonders dann schwierig, wenn wir keine Routine aufbauen können. 

Nach dem Telefonat schaut mich mein Sohn besorgt an: «Gell Papa, du bist nicht wirklich dumm. Du denkst schon viel, aber einfach nie das, was man muss.» Es vergeht kaum eine Woche, in der ich nicht das Handy, den Rucksack, einen Schal, die Jacke oder sonst etwas im Zug, im Café oder bei der Arbeit liegen lasse. 

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an all die lieben Menschen, die dafür sorgen, dass meine Sachen fast immer zu mir zurückfinden! Meine Vergesslichkeit begleitet mich schon, seit ich ein Kind bin. Diese Situationen entstehen fast immer dann, wenn ich gedanklich woanders bin, über ein Thema nachdenke, vor mich hinträume oder in ein Gespräch vertieft bin. 

Es ist kompliziert

Verträumte Kinder werden immer wieder gefragt: «Warum bist du so vergesslich?» Sie führt zu nichts. Besser wäre es, sich gemeinsam zu überlegen: «Was ist nötig, damit du im richtigen Moment an das Richtige denkst?» Wenn wir genauer hinschauen, handelt es sich beim «Drandenken» um eine komplexe Leistung, die uns einiges abverlangt.

Zunächst müssen wir uns bewusst werden, dass wir in einer Situation sind, in der es gilt, an etwas Bestimmtes zu denken. Dann müssen wir je nachdem unser Ziel aktivieren oder eine innere Absicht bilden und uns selbst zu einer Handlung auffordern. Dabei müssen wir den Fokus auf dieser Aufgabe halten, bis sie abgeschlossen ist, und dürfen uns nicht ablenken lassen.

Verträumte Kinder werden immer wieder gefragt: Warum bist du so vergesslich?

Nehmen wir das Beispiel mit dem Turnsack, der gerne vergessen wird. Stellen wir uns die Frage: Was muss das Kind tun, damit es nicht passiert? Es muss sich spätestens nach dem Frühstück in Erinnerung rufen: «Heute ist Dienstag, da haben wir Turnen – ich brauche meine Sportsachen» und den Beutel suchen und packen. Nun wird das Kind in den Gang gehen, seine Jacke und Schuhe anziehen. Hier muss es wieder die Information «ich muss meinen Turnsack mitnehmen» aktivieren – aufstehen und gehen.

Unser Beispielkind steigt nun in den Schulbus. Als Kind, das gerne Sachen vergisst, darf es diesen nicht aus den Augen lassen. Vielleicht denkt es: «Ich darf den Turnsack auf keinen Fall unter den Sitz legen, ich behalte ihn auf den Knien!» Ein anderes Kind setzt sich dazu und beginnt ein Gespräch: «Hast du gestern Spiderman gesehen? So cool …»

Der Bus hält, das Kind zieht sich die Jacke an und muss dazu den Turnsack loslassen: Jetzt muss es sich im richtigen Moment vom Gespräch um Spiderman lösen und überprüfen: «Habe ich alles? Tasche, Turnsack, Handschuhe?» Es ist noch keine Stunde wach und musste bereits einige brenzlige Turnsack-Situationen umschiffen. 

Das Drandenken trainieren

Nichts zu vergessen ist besonders dann schwierig, wenn wir keine Routine aufbauen können. Beim Schulsack, den die Kinder jeden Tag mitnehmen müssen, entwickeln sich Automatismen. Beim Schal, den Handschuhen oder dem Turnsack, die wir nur gelegentlich dabeihaben, gelingt das schlechter.

 Gegen das Vergessen helfen zwei Strategien: das Imaginieren und das Verknüpfen einer Situation mit einer Handlung.

Vergesslichen Kindern hilft es, wenn sie an Aufgaben erinnert werden, wenn der Turnsack an der Türfalle hängt oder der Schulsack im Weg liegt. Sie können Ihr Kind auf solche Strategien hinweisen, damit es diese mit der Zeit selbst nutzen kann: «Pack doch gleich den Turnsack für morgen und häng ihn an die Haustürfalle.» Folgende Punkte bereiten vergesslichen Kindern Mühe:

  1. Sich im richtigen Moment an eine Absicht zu erinnern. 
  2. Den Fokus so lange auf einer Absicht zu halten, bis diese erfüllt ist. 
  3. Sich nicht von anderen Reizen ablenken zu lassen. 

Damit sich das Kind im richtigen Moment an seine Aufgabe erinnert, muss diese einen Aufforderungscharakter erhalten. Früher habe ich beispielsweise nach Vorträgen oft das Laptopkabel oder das Handy liegen lassen.

Das hatte meist damit zu tun, dass mich während des Zusammenpackens jemand in ein Gespräch verwickelte. Meine Kollegin Stefanie Rietzler hat mir den «Blick zurück» beigebracht. Wenn ich heute nach einem Seminar den Raum verlasse, schaue ich zurück und suche alles gründlich ab.

 Der Wenn-dann-Plan

Dabei haben mir zwei Strategien geholfen, die Sie mit Ihrem Kind üben können: das Imaginieren und sogenannte Wenn-dann-Pläne. Ein Wenn-dann-Plan verknüpft eine Situation mit einer Handlung: Wenn Situation x, dann mache ich y. Immer, wenn ich den Seminarraum verlassen will, schaue ich nochmals zurück, ob ich alles mitgenommen habe.

Dieser Wenn-dann-Plan wird nun in der Vorstellung geübt: Ich stelle mir dazu mehrmals vor, wie ich ein Seminar beende, zusammenpacke, zur Tür gehe – und mir dann sage: Halt! Schau zurück! Und dabei beispielsweise das Laptopkabel entdecke, das noch in der Strombuchse steckt.

Vergessliche Kinder haben Mühe, sich an eine Absicht zu erinnern und sich dabei nicht von anderen Reizen ablenken zu lassen. 

In diesem Beispiel wird die Türe zum Signal, das mich aus Gesprächen oder Tagträumen herausreisst und mich an die Handlung «Zurückschauen» erinnert. Einem Jungen im Coaching hat die Mutter einen ähnlichen Ablauf geschildert und dabei die Schulzimmertür als Zaubertüre beschrieben, die sich nur mithilfe eines Zauberspruchs öffnen lässt: In Gedanken muss der Junge die Formel «Ich habe an alles gedacht, ich habe alles dabei» murmeln, dabei die Einträge im Hausaufgabenheft nochmals überprüfen und dann durch die Tür treten. 

Eine ähnliche Strategie besteht darin, Handlungen zu verknüpfen, bis sie eine fixe Abfolge bilden. Als Kind hatte ich diese Strategie verwendet, um an den Turnsack oder die Jacke zu denken: Beim Binden der Schuhe habe ich mir die folgende Anweisung gegeben: «Schuhe binden, aufstehen, umdrehen, Sachen vom Haken nehmen.» Diesen Ablauf habe ich zu Hause mehrmals im Trockenen geübt, bis er sich natürlich anfühlte.

Fassen wir zusammen: Sie können Ihrem Kind helfen, wenn Sie mit ihm eine Situation oder Handlung finden, die zum Auslöser wird («immer wenn ich …»), eine Handlung damit verknüpfen (« … dann mache ich …») und diese Verknüpfung mit ihm trainieren (es läutet, du packst deine Sachen zusammen und denkst dabei an … du gehst zur Tür und schaust nochmals zurück. Du sagst dir: Immer wenn ich zur Tür komme, schaue ich zurück, ob ich alles habe. Jetzt überprüfst du nochmals, ob …). 

Diese Methode hilft bei allen Situationen, die häufig auftreten und auf die man sich entsprechend vorbereiten kann. Daneben gibt es viele Ausnahmen, bei denen Ihr Kind auch in Zukunft einiges vergessen wird – für alle diese Situationen wünsche ich Ihnen und Ihrem Kind eine gesunde Portion Gelassenheit.

Fabian Grolimund
ist Psychologe und Buchautor. Gemeinsam mit ­Stefanie Rietzler leitet er die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Er ist verheiratet, Vater eines Sohnes und einer Tochter und lebt mit seiner Familie in Fribourg.

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