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Elternbildung

Hochsensitiv – mehr als nur empfindlich?

Manche Menschen ermatten schneller, halten Lärm weniger gut aus oder nehmen sich vieles zu Herzen. Das sind Eigenschaften, die zum Phänomen der Hochsensitivität oder Hochsensibilität gehören. Wie lebt es sich damit?
Text: Claudia Landolt
Bilder: Kyle Myles
Sie kommen nach einem anstrengenden Tag nach Hause und müssen sich zuerst eine Stunde hinlegen, egal was Ihre Freunde oder Ihre Familie dazu sagen. Über eine saloppe Bemerkung eines Bekannten denken Sie tagelang nach. Ein überfüllter Bus, ein Pend­lerzug, ist für Sie unerträglich. Und: Ihnen kommen schnell die Tränen. Als Kind nannte man Sie «Heulsu­se», Sie empfinden sich selbst als «Mimose».

Kommt Ihnen das bekannt vor? Dann gehören Sie vielleicht zu den 20 Prozent der Menschen, die emp­findsamer sind als andere. Genauer: Sie sind hochsensitiv*. Es ist ein Begriff für ein Phänomen, das vor 20 Jahren erstmals bekannt wurde und heute in Form von Ratgeberbüchern und Coaching-­Program­men für besonders Feinfühlige den Markt flutet. Endlich gibt es eine Erklärung für das, was manche schon immer spürten, für das sie aber bisher keinen Namen hatten.

* Die Worte «hochsensitiv» und «hochsensibel» werden oft synonym verwendet. Wir beschränken uns auf den Begriff «hochsensitiv», weil diese Übersetzung des englischen Ausdrucks «high sensitivity» im wissenschaftlichen Kontext bevorzugt wird.
Hochsensitiv: Das klingt so positiv, so vielverspre­chend, so harmlos.
Und in gewissen Elternkreisen wird die Aussage «Übrigens, mein Kind ist hochsensitiv» als Auszeichnung taxiert. Man ist erleichtert, dass das stets sehr unruhige, bei Aufgaben unkonzentrierte und in Prüfungen tendenziell leistungsschwache Kind keine Aufmerksamkeit­ oder Hyperaktivitätsstörung hat, sondern «nur» hochsensitiv ist. Hochsensitiv: Das klingt so positiv, so vielverspre­chend, so harmlos.

Ein Irrtum. Denn Hochsensitivi­tät wird von vielen Betroffenen kei­neswegs als erstrebenswerter Charakterzug erachtet. Hochsensitivität ist eine ganz bestimmte Ausprägung verschiedener Persönlichkeitsmerk­male, eine angeborene, meist vererb­te Verhaltensform mit situations­bedingten Vor­- und Nachteilen. Es ist aber keine psychische Störung und auch keine physische Krankheit.

Wie äussert sich Hochsensitivität bei Erwachsenen und bei Kindern, und wie erkennt man sie? Welche Vorteile gibt es, hochsensitiv zu sein, und welche Nachteile? Wie findet man heraus, ob man hochsensitiv ist? Und welche Strategien gibt es für Eltern und Kinder im Alltag? Diesen Fragen wollen wir in diesem Dossier nachgehen.
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Matteo spielt nicht mit – weil der Wecker klingelt

Das Schwierigste vorweg: Hochsen­sitivität ist ein Phänomen, das sich zwar definieren lässt – aber dennoch schwer erkennbar ist. Gerade weil es so viele verschiedene Ausprägungen davon gibt, ist es nur schwer festzustellen.

Ein Beispiel: Levi wird sieben Jahre alt und feiert eine rauschende Party. Viele Freundinnen und Freunde kommen, sie hüpfen bereits überdreht zur Tür hinein, wollen Kuchen essen, spielen. Die Stimmung ist heiter. Geschenke werden ausgepackt und Unmengen an Süssigkeiten verdrückt. Nur ein Kind beteiligt sich an keinem Spiel und stopft sich keine Smarties in den Mund: Matteo. Er bleibt am Tisch sitzen und beobachtet. Plötzlich sagt er zu seiner Mutter, die mitgekommen ist: «Dort oben ist etwas, Mama.» Die Mutter lauscht. Durch den Lärmpegel hört sie ein sehr, sehr leises «Biiiep-biiiep-biiiep». Es ist ein Wecker. Matteo hat das Geräusch eines klingelnden Weckers in einem weit entfernten Zimmer als Einziger gehört.
Hochsensitive Kinder haben ein grosses Wahrnehmungsvermögen.
Hochsensitive Kinder haben ein grosses Wahrnehmungsvermögen.

Die erhöhte Reizwahrnehmung

Wahrnehmen, was andere nicht vermögen: Das ist typisch für Hochsensitive, egal ob Kinder oder Erwachsene. Das können ganz verschiedene Dinge sein. Geräusche etwa: das Rascheln der Serviette in einem Restaurant, das leise Kratzen beim Spitzen eines Bleistifts, das Quietschen einer Schuhsohle beim Laufen. Oder Gerüche: Viele Hochsensitive haben eine sehr empfindliche Nase, riechen das einen Tag alte Wasser in der Blumenvase. Andere wiederum halten kratzige Kleidungsetiketten nicht aus oder tragen nie Socken. Wieder anderen sind Menschenansammlungen ein Gräuel: im überfüllten Zug, im Konzert, in der Disco. Neue Orte, Hotels, Schulausflüge: eine Qual.
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«Ein Hochsensitiver unterscheidet Reize in zehn Varianten, eine weniger sensible Person nimmt etwa fünf oder vielleicht auch nur zwei Varianten wahr»
Elaine Aron, US-amerikanische Psychologin.
Das alles hängt mit der erhöhten Reizwahrnehmung zusammen, über die Hochsensitive verfügen. «Ein Hochsensitiver unterscheidet Reize in zehn Varianten, wohingegen eine weniger sensible Person etwa fünf oder vielleicht auch nur zwei Varianten wahrnimmt», sagt die US-amerikanische Psychologin Elaine Aron. Hochsensitive nehmen nicht nur äussere, sondern auch innere Reize vermehrt und intensiver wahr und verarbeiten diese tiefer und länger andauernder.

Elaine Aron hat den Ausdruck «sensory-processing sensitivity» (SPS, auf Deutsch vereinfachend mit «Hochsensitivität» übersetzt) kreiert. 1997 veröffentlichte sie zusammen mit ihrem Mann Arthur Aron ihre ersten empirischen Studien zum Thema in der angesehenen US-amerikanischen Fachzeitschrift «Journal of Personality and Social Psychology». Dabei konzipierten sie Hochsensitivität als eigenständiges Konstrukt, als Persönlichkeitsmerkmal, das gewisse Menschen ausgeprägter haben als andere und das deren Alltag massgeblich prägt.

Intensive Gefühle und hohe Empathie?

Hochsensitive investieren einen Teil ihrer Kapazitäten in Dinge, die für andere zunächst nicht wahrnehmbar sind. Das geschieht automatisch und ist eine Eigenheit, die ihr Gehirn ganz ohne Zutun des Bewusstseins leistet. Verantwortlich dafür ist die vertiefte Informationsverarbeitung (Depth of Processing). Diese Tiefe ist auch der Grund dafür, dass es wenig Input von aussen braucht, um einen Punkt zu erreichen, an dem der Bereich des Wohlfühlens überschritten und die oft zitierte Belastungsgrenze erreicht ist.

Diese Tiefe der Verarbeitung ist ein ganz entscheidendes Merkmal. Es ist gleichzeitig das Kennzeichen, das Aussenstehenden am schwierigsten zu vermitteln ist. Praktisch bedeutet es, dass hochsensitive Personen über eine Erfahrung oder eine Erkenntnis besonders lange nachdenken und an ihre «kognitive Landkarte», an ihre mentale Darstellung der eigenen Umgebung anpassen, um die Konsequenzen einer zukünftigen Handlung voraussehen zu können.

Auch ermöglicht die vertiefte Informationsverarbeitung intensive Gefühle und eine hohe Empathie für andere. Hochsensitive sind generell stärker erregt oder übererregt. Ob Positives oder Negatives, beides erleben Hochsensitive viel intensiver als normal sensible Menschen. Das zweite Merkmal ist die Verhaltenshemmung. Sie zeigt sich unter anderem darin, dass hochsensitive Personen in neuen Situationen gerne beobachtend abwarten, bevor sie aktiv werden und sich beispielsweise an einem Tisch dazugesellen.

Oder sie ziehen sich zurück, wenn etwas bedrohlich oder gar schädlich sein könnte. Das hat laut Aron evoutionsbiologische Ursachen. Diese «ruhige Wachsamkeit» sei nichts anderes als eine Überlebensstrategie, wie wir sie auch aus der Tierwelt kennen.
Hochsensitive Kinder sind empfindlicher als andere.
Hochsensitive Kinder sind empfindlicher als andere.
Das dritte Merkmal ist die sensorische Sensitivität. Hochsensitive besitzen eine höhere Aktivierungssensibilität des Nervensystems, das heisst eine niedrigere Schwelle, bei der eine physiologische Reaktion ausgelöst wird, egal ob es sich um zu helles Licht oder Disharmonien in Beziehungen handelt: Selbst wenn man an einer Situation gar nicht beteiligt war, sondern nur Zeuge, ist es, als wäre man mittendrin gewesen.

Hochsensitive Menschen haben keine Mauer, keine Abgrenzung. Die Welt dringt in sie ein. So beinhaltet beispielsweise das Schulzimmer für manche Hochsensitive eine Reizflut, die nur schwer zu ertragen ist. Geräusche, Gerüche, Stimmungen und Berührungen ergeben einen Cocktail, den diese Kinder erst mal verdauen müssen, wenn sie den Raum verlassen haben. Ein Phänomen, drei Merkmale – und das Problem, dass diese Belastungen von aussen nicht sichtbar sind. Hochsensitivität zeigt sich nicht an der Oberfläche.

Beeinträchtigte Lebensqualität durch Hochsensibilität?

«Niemand versteht, was mit Noé los ist», erzählt seine Mutter. Noé ist zwölf Jahre alt und stark hochsensitiv. Fokussieren, also die Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Sache zu richten, ist ihm nicht möglich. Hausaufgaben erledigen kann er nur, wenn ihm seine Mutter jede einzelne Aufgabestellung vorliest, erklärt, hilft. Der Druck, passable Noten schreiben zu müssen, lastet schwer auf ihm. Erzieherische Anweisungen zu befolgen, zu einem bestimmten Zeitpunkt abmarschbereit sein, für Prüfungen lernen: Das alles gehe nur, weil sie für Noé mitdenke, erklärt die Mutter, die erst über die Abklärung ihres Sohnes von ihrer eigenen Hochsensitivität erfahren hat.

Die Mutter von Noé sagt: «Diese Eigenschaft ist eine unglaubliche familiäre Belastung». Weil es kein klar sichtbarer Makel sei, würde Noés Ausprägung von vielen nicht ernst genommen. Manche sagen: «Er soll sich doch mal zusammennehmen.» Eine Aussage, die Noés Mutter wehtut. Denn für Eltern ist es sehr schwierig, Erklärungen für die «seltsamen» Eigenarten ihrer hochsensitiven Kinder zu finden, und so suchen viele Mütter und Väter den Fehler bei sich und ihrer Erziehung.
Nicht man selbst ist schuld an den Schwierigkeiten, sondern ein besonderes Persönlichkeitsmerkmal.
Wer dann endlich herausfindet, dass das Kind wahrscheinlich hochsensitiv ist, atmet erst einmal auf. «Das Bewusstsein darüber ist erleichternd, weil man endlich weiss, was los ist», erklärt Brigitte Küster, Autorin und Leiterin des Instituts für Hochsensitivität. Zudem wird klar: Nicht man selbst mit seinem eigenen Handeln ist schuld an den Schwierigkeiten, sondern ein besonderes Persönlichkeitsmerkmal.

Aber: Diese Erleichterung ist erst der Anfang eines Weges, auf dem es darum geht, das Leben für sich respektive mit seinem Kind zu gestalten, und zwar so, dass es sich richtig fühlen, sein Potenzial ausschöpfen und sich wertvoll empfinden kann. «Dieser Weg ist nicht einfach, speziell in einer schnelllebigen, lauten und leistungssorientierten Gesellschaft, die in der Regel von Menschen gestaltet wird, die diese Veranlagung nicht haben», sagt Brigitte Küster, die selbst hochsensitiv und Mutter zweier hochsensitiver Kinder ist.

Womit haben die Betroffenen zu kämpfen?

Diese Besonderheit der Hochsensitivität, die spezielle Art der Wahrnehmung und Informationsverarbeitung, führt zu verschiedenen auch negativ erlebten Begleiterscheinungen, mit denen Betroffene zuweilen zu kämpfen haben. Weil kaum etwas einfach so abprallt, was Hochsensitive beobachten, spüren und wahrnehmen, wollen sie verarbeiten, durchdenken und verstehen. Die Menge an Informationen führt dazu, dass diese Kinder viel Zeit brauchen, um Geschehnisse zu verarbeiten.

Strömen zu viele Eindrücke auf ein hochsensitives Kind ein, kann es zu einer Reizüberflutung kommen. Betroffene Kinder fühlen sich in der Folge erschöpft, geraten unter Stress, möchten sich von der Aussenwelt abschirmen oder sind gereizt. Entgegen ihrer sonst so ruhigen Art beginnen sie dann zu quengeln, zu schreien, zu weinen oder werden aggressiv.
Hochsensitiv ist nicht das Gleiche wie ADS oder ADHS.
Dieses Verhalten weist – nebst dem oben erwähnten Konzentrationsmangel – Parallelen zur Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS) und/oder zur Aufmerksamkeits-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) auf. Doch ein von ADS / ADHS betroffenes Kind kann sich auch in einem friedlichen Umfeld nur schwer oder kaum konzentrieren, auch dann nicht, wenn es das wirklich möchte. Ein hochsensitives Kind kann sich unter optimalen Bedingungen ganz im Gegensatz dazu überdurchschnittlich gut konzentrieren.

Viele Hochsensitive leiden still. Wenn nichts so klappt, wie sie es möchten oder glauben, dass es von ihnen erwartet wird, reagieren sie unsicher, überreizt, überfordert. «Dann fängt der Magen an zu flattern, es wird einem schlecht oder man kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Man ist innerlich wie verschwommen, fühlt sich wie im Nebel», beschreibt Brigitte Küster die Gefühlslage.

Zweifel am Selbstwert und düstere Gedanken

Schlafprobleme, Kopf- und Bauchschmerzen können hinzukommen, manchmal auch Angststörungen; Zweifel am Ich, depressive Verstimmungen, der tiefe Wunsch, anders zu sein. «Mit der höheren Empfindsamkeit geht eben auch eine grössere Anfälligkeit für psychische Leiden einher», sagt Diplompsychologin Sandra Konrad von der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg und Deutschlands Expertin für Hochsensitivität. Hier kann es hilfreich sein, wenn Eltern sich Unterstützung bei Psychologinnen, Therapeuten, Kinderärztinnen oder Heilpädagogen holen, die sich mit dem Thema Hochsensitivität auskennen.
Hochsensitive Kinder stossen nur selten auf Verständnis.
Hochsensitive Kinder stossen nur selten auf Verständnis.
Psychische Probleme entwickeln vor allem jene Hochsensitiven, die als Kinder unter belastenden Bedingungen aufwuchsen. Der Schweizer Entwicklungspsychologe und internationale Spezialist für Hochsensitivität, Michael Plüss, hat deshalb den Ausdruck «Orchideenkinder» kreiert. «Kinder, die in einem fürsorglichen, unterstützenden und hilfsbereiten elterlichen Umfeld aufwachsen, sind wie Orchideen: Bei schwierigen, ungünstigen Bedingungen gehen sie rasch zugrunde, aber mit der richtigen Pflege entwickeln sie sich zu wunderschönen, prachtvollen Blumen.»

Geht Hochsensitivität wieder zurück?

Dieselben Charakteristiken, die für negative Erfahrungen empfängliche Kinder überproportional verwundbar machten, liessen sie auch überproportional von positiven Erfahrungen profitieren, sagt Michael Plüss. Eine Metaanalyse der Universität Utrecht hat das bestätigt. So fanden die Forscher mehrere Belege dafür, dass Orchideenkinder zwar übermässig unter den negativen Auswirkungen schroffen elterlichen Verhaltens leiden, aber auch überproportional stark von elterlicher Fürsorglichkeit profitieren.

Hochsensitivität geht mit den Jahren nicht zurück und wird auch nicht schwächer.
Aber Eltern, die ein hochsensitives Kind oft loben und es ermuntern, auszutesten, ob sich seine Befürchtungen als begründet herausstellen, haben einen positiven Einfluss, darin sind sich Expertinnen und Experten einig. Elaine Aron formuliert es so: «Mit der Zeit wird die Vorstellung des Kindes von der Welt nicht mehr so beängstigend sein, wie sein Nervensystem es ihm in früheren Jahren übermittelt hat. Seine kreativen Wesenszüge und intuitiven Fähigkeiten werden sich entfalten und die schwierigen Seiten können etwas verblassen, sofern die richtigen Strategien im Umgang damit gefunden wurden.»
«Hochsensitivität ist eine Gabe.»
Brigitte Küster, Leiterin des Instituts für Hochsensitivität.
Hochsensitive weisen eine Vielzahl an Begabungen und Stärken auf, die mit diesem Begriff erst einmal nicht in Verbindung gebracht werden. Einfühlungsvermögen und Mitgefühl sind nur zwei von sehr vielen Kriterien, die Hochsensitivität kennzeichnen. «Hochsensitive haben ein sehr feines Gespür für zwischenmenschliche Spannungen, analysieren sich und andere sehr genau und tief und werden für ihr Einfühlungsvermögen und Mitgefühl sehr geschätzt», erklärt etwa Brigitte Küster. Hochsensitivität sei auch eine Gabe: «Ein Schatz von grosser Sinnhaftigkeit und Tiefe, wenn man ihn hebt.»

Weiter ist den Hochsensitiven eine hohe Gewissenhaftigkeit eigen, sie sind schnell im Aufspüren von feinen Unterschieden und haben eine ausgeprägte kreative Ader. In anderen Gesellschaften und Kulturen wie etwa Japan oder Schweden würden diese Eigenschaften sehr geschätzt, sagt Elaine Aron, die US-amerikanische Hochsensitivitätsexpertin. «Da in unserer Kultur Durchsetzungsvermögen und Stärke bevorzugt werden, wird das Persönlichkeitsmerkmal hochsensitiv als etwas angesehen, mit dem es sich schwer leben lässt oder das geheilt werden muss.»

Hinzu kommt: Hochsensitivität hat verschiedene Facetten oder Blendungen, wie es im Fachjargon heisst. Es gibt nicht das alleinige hochsensitive Merkmal, vielmehr äussert sich die Hochsensitivität in einer Häufung von bestimmten Kriterien, die von Mensch zu Mensch, sowohl in der Qualität als auch in der Quantität, stark variieren können.

Wie kann mit der Besonderheit Frieden geschlossen werden?

«Nebst den schüchternen, introvertierten Hochsensitiven – sie machen rund 70 Prozent aus – gibt es auch die extrovertierten, also nach aussen gerichteten Hochsensitiven», erklärt Brigitte Küster. Besonders Letztere, mit etwa 30 Prozent eine Minderheit unter den Hochsensitiven, sind noch schwieriger zu erkennen als die Introvertierten. «Es sind Menschen, die sich gerne verausgaben, sich permanent überfordern, dabei aber schnell erschöpft sind», sagt Brigitte Küster. Jedoch: «Hochsensitiv zu sein, bedeutet nicht, kompliziert zu sein. Was wichtig ist, ist einzig und allein die Balance zwischen Energieverlust und Energiegewinnung zu finden.»
«Es ist normal, verschieden zu sein.»
Richard von Weizsäcker, ehemaliger deutscher Bundespräsident.
Denn: Hochsensitivität bedeutet nichts anderes, als verschieden zu sein. «Es gibt keine Norm für das Menschsein», sagte der ehemalige deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker. «Es ist normal, verschieden zu sein.» Noch fehlt für dieses sehr spezifische Verschiedensein ein breites Bewusstsein. Selbst Fachleuten – Ärztinnen, Psychologen und Pädagogen – mangelt es oft an fundierter Kenntnis dieses komplexen Phänomens. Manche Experten lehnen gar die Diagnose an sich ab.
Ein öffentliches Bewusstsein für Hochsensitivität entwickelt sich erst langsam.
Ein öffentliches Bewusstsein für Hochsensitivität entwickelt sich erst langsam.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Diagnosestellung alles andere als einfach und die Studienlage noch nicht sehr gut ist. Texte, die sich mit dem Phänomen befassen, werfen oft mehr Fragen auf, als dass sie Anworten geben. Dennoch ist heute einiges über die Zusammenhänge und Auswirkungen von Hochsensitivität bekannt, und es gibt bereits Ansätze zu einem Leitfaden für den Umgang mit Hochsensitivität. Dies ist wichtig, damit sich Betroffene nicht mehr fragen müssen, was mit ihnen nicht stimmt – sondern sich damit auseinandersetzen können, wie sie ihre besonderen Fähigkeiten besser einbringen könnten.

Zur Autorin:

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Claudia Landolt, leitende Autorin von Fritz+Fränzi, hat erst als Erwachsene Frieden mit ihrer Feinfühligkeit schliessen können. Heute ist sie sehr geerdet. Hochsensitivität ist für sie persönlich kein Leiden, sondern eine zweite Haut, die nur besonders gut geschützt werden muss.

Hängen Hochsensitivität und Hochbegabung zusammen?

Der Eindruck, Hochsensitive seien gleichzeitig auch immer hochbegabt, würden also über eine überdurchschnittliche Intelligenz (IQ grösser als 130) verfügen, ist nicht belegbar. Die Zahl der Überschneidung dürfte sehr gering sein, schreibt der Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität e. V. auf seiner Webseite.

Dennoch vertreten einige Fachleute, darunter die Frankfurter Psychologin Andrea Brackmann, die These, dass Hochsensitivität eine besondere Form von Hochbegabung sei. Brackmann beschreibt in ihrem Buch «Jenseits der Norm – hochbegabt und hochsensibel?» (2005) die zwei Ausprägungen mit nahezu identischen Worten; beide Personengruppen fühlten sich «anders», beide Ausprägungen würden grösstenteils vererbt.

Der Unterschied liegt im Umgang mit den Informationen. Hochsensitive erfassen und interpretieren diese nicht in sachlicher Art, sondern in ihrer vielfältigen Bedeutung, während Hochbegabte eher kognitiv und sachlich-analytisch orientiert sind. Hingegen seien laut Elaine Aron Hochsensitive oft besonders begabt im musischen, künstlerischen oder zwischenmenschlichen Bereich.

Hochsensitivität – nur ein Konstrukt?

Die amerikanische Psychologin Elaine Aron definiert Hochsensitivität als grundlegendes Persönlichkeitsmerkmal, das genetisch bedingt sei. Diese Aussage ist wissenschaftlich nicht unumstritten. «Hochsensitivität ist alter Wein in neuen Schläuchen», sagt der Zürcher Professor für Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik, Willibald Ruch, über Arons Definition der Hochsensitivität. Ruch hält Hochsensitivität für eine Ausprägung von Neurotizismus.

Neurotizismus ist eine Dimension der «Big Five», fünf Merkmale, die einem verbreiteten und gut untersuchten Modell zufolge die wesentlichen Charakterzüge des Menschen erfassen. Personen mit höheren Neurotizismuswerten werden oft als emotional weniger stabil bezeichnet, sind tendenziell eher ängstlich, nervös und unsicher und können weniger gut mit Stress umgehen als andere.

Ein anderer wichtiger Kritikpunkt bezieht sich auf die inhaltlichen Kriterien von Elaine Arons Hochsensitivitätstest. Während Aron von der Annahme ausgeht, dass ihr Fragebogen eine in sich geschlossene Eigenschaft messe, monieren Forscherkollegen, dass die Fragen Erfahrungen in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen erfassen und verschiedene Typen von Empfindsamkeit messen. 

Die US-Temperamentsforscherin Mary Rothbart kommt in einer Untersuchung zum Schluss, dass Arons Test zwei voneinander getrennte Merkmale erfasst: zum einen den «negativen Affekt», sprich die generelle Neigung zu Gefühlen wie Angst, Ärger oder Traurigkeit; zum anderen die Dimension der «ästhetischen Sensitivität», also die Empfänglichkeit oder Feinfühligkeit in Bezug auf neue Eindrücke, wie etwa von einem Film besonders berührt zu werden.

Infos, Links, Bücher

  • www.ifhs.ch (Brigitte Küster): Infos, Vorträge, Bücher, Beratungen und Kurse
  • www.hochsensibilitaet.ch
    (Marianne Schauwecker): Tests, Tipps
  • www.hsperson.com (Elaine Aron)
  • www.michaelpluess.com
  • www.hsu-hh.de, Stichworte: Sandra Konrad, Forschung, Kongresse
  • www.zartbesaitet.net: Infos, Tests, nützliche Antworten, Abgrenzungen
  • Georg Parlow: Zart besaitet. Verlag Festland, 247 S.
  • Elaine Aron: Das hochsensible Kind. mvg-Verlag, 488 S.
  • Brigitte Schorr: Hochsensible Mütter. SCM Hänssler, 208 S.
  • Mira Mondstein, Deva Wallow: Alle Antennen auf Empfang. Empfindsame Kinder besser verstehen. Humboldt, 192 S.

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