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Elternbildung
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Intensive Gefühle und hohe Empathie?

Hochsensitive investieren einen Teil ihrer Kapazitäten in Dinge, die für andere zunächst nicht wahrnehmbar sind. Das geschieht automatisch und ist eine Eigenheit, die ihr Gehirn ganz ohne Zutun des Bewusstseins leistet. Verantwortlich dafür ist die vertiefte Informationsverarbeitung (Depth of Processing). Diese Tiefe ist auch der Grund dafür, dass es wenig Input von aussen braucht, um einen Punkt zu erreichen, an dem der Bereich des Wohlfühlens überschritten und die oft zitierte Belastungsgrenze erreicht ist.

Diese Tiefe der Verarbeitung ist ein ganz entscheidendes Merkmal. Es ist gleichzeitig das Kennzeichen, das Aussenstehenden am schwierigsten zu vermitteln ist. Praktisch bedeutet es, dass hochsensitive Personen über eine Erfahrung oder eine Erkenntnis besonders lange nachdenken und an ihre «kognitive Landkarte», an ihre mentale Darstellung der eigenen Umgebung anpassen, um die Konsequenzen einer zukünftigen Handlung voraussehen zu können.

Auch ermöglicht die vertiefte Informationsverarbeitung intensive Gefühle und eine hohe Empathie für andere. Hochsensitive sind generell stärker erregt oder übererregt. Ob Positives oder Negatives, beides erleben Hochsensitive viel intensiver als normal sensible Menschen. Das zweite Merkmal ist die Verhaltenshemmung. Sie zeigt sich unter anderem darin, dass hochsensitive Personen in neuen Situationen gerne beobachtend abwarten, bevor sie aktiv werden und sich beispielsweise an einem Tisch dazugesellen.

Oder sie ziehen sich zurück, wenn etwas bedrohlich oder gar schädlich sein könnte. Das hat laut Aron evoutionsbiologische Ursachen. Diese «ruhige Wachsamkeit» sei nichts anderes als eine Überlebensstrategie, wie wir sie auch aus der Tierwelt kennen.
Hochsensitive Kinder sind empfindlicher als andere.
Hochsensitive Kinder sind empfindlicher als andere.
Das dritte Merkmal ist die sensorische Sensitivität. Hochsensitive besitzen eine höhere Aktivierungssensibilität des Nervensystems, das heisst eine niedrigere Schwelle, bei der eine physiologische Reaktion ausgelöst wird, egal ob es sich um zu helles Licht oder Disharmonien in Beziehungen handelt: Selbst wenn man an einer Situation gar nicht beteiligt war, sondern nur Zeuge, ist es, als wäre man mittendrin gewesen.

Hochsensitive Menschen haben keine Mauer, keine Abgrenzung. Die Welt dringt in sie ein. So beinhaltet beispielsweise das Schulzimmer für manche Hochsensitive eine Reizflut, die nur schwer zu ertragen ist. Geräusche, Gerüche, Stimmungen und Berührungen ergeben einen Cocktail, den diese Kinder erst mal verdauen müssen, wenn sie den Raum verlassen haben. Ein Phänomen, drei Merkmale – und das Problem, dass diese Belastungen von aussen nicht sichtbar sind. Hochsensitivität zeigt sich nicht an der Oberfläche.

Beeinträchtigte Lebensqualität durch Hochsensibilität?

«Niemand versteht, was mit Noé los ist», erzählt seine Mutter. Noé ist zwölf Jahre alt und stark hochsensitiv. Fokussieren, also die Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Sache zu richten, ist ihm nicht möglich. Hausaufgaben erledigen kann er nur, wenn ihm seine Mutter jede einzelne Aufgabestellung vorliest, erklärt, hilft. Der Druck, passable Noten schreiben zu müssen, lastet schwer auf ihm. Erzieherische Anweisungen zu befolgen, zu einem bestimmten Zeitpunkt abmarschbereit sein, für Prüfungen lernen: Das alles gehe nur, weil sie für Noé mitdenke, erklärt die Mutter, die erst über die Abklärung ihres Sohnes von ihrer eigenen Hochsensitivität erfahren hat.

Die Mutter von Noé sagt: «Diese Eigenschaft ist eine unglaubliche familiäre Belastung». Weil es kein klar sichtbarer Makel sei, würde Noés Ausprägung von vielen nicht ernst genommen. Manche sagen: «Er soll sich doch mal zusammennehmen.» Eine Aussage, die Noés Mutter wehtut. Denn für Eltern ist es sehr schwierig, Erklärungen für die «seltsamen» Eigenarten ihrer hochsensitiven Kinder zu finden, und so suchen viele Mütter und Väter den Fehler bei sich und ihrer Erziehung.
Nicht man selbst ist schuld an den Schwierigkeiten, sondern ein besonderes Persönlichkeitsmerkmal.
Wer dann endlich herausfindet, dass das Kind wahrscheinlich hochsensitiv ist, atmet erst einmal auf. «Das Bewusstsein darüber ist erleichternd, weil man endlich weiss, was los ist», erklärt Brigitte Küster, Autorin und Leiterin des Instituts für Hochsensitivität. Zudem wird klar: Nicht man selbst mit seinem eigenen Handeln ist schuld an den Schwierigkeiten, sondern ein besonderes Persönlichkeitsmerkmal.

Aber: Diese Erleichterung ist erst der Anfang eines Weges, auf dem es darum geht, das Leben für sich respektive mit seinem Kind zu gestalten, und zwar so, dass es sich richtig fühlen, sein Potenzial ausschöpfen und sich wertvoll empfinden kann. «Dieser Weg ist nicht einfach, speziell in einer schnelllebigen, lauten und leistungssorientierten Gesellschaft, die in der Regel von Menschen gestaltet wird, die diese Veranlagung nicht haben», sagt Brigitte Küster, die selbst hochsensitiv und Mutter zweier hochsensitiver Kinder ist.
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