Blut ist dicker als Wasser, sagt der Volksmund. Es ist eine von zahlreichen Binsenweisheiten über Familienbande, die Nina* leer schlucken lässt. «Familie hat für mich nichts mit Blutsverwandtschaft zu tun», sagt sie, «sondern allein mit der Frage: Wer passt in mein Leben, mit wem fühle ich mich wohl?» Sicher ist: Ihre Mutter zählt nicht dazu, Nina hat den Kontakt zu ihr abgebrochen.
«Als mein zweites Kind auf die Welt kam, wusste ich: Es braucht einen radikalen Schnitt. Die ständigen Konflikte mit meiner Mutter laugten mich aus, ich wollte meine Kinder davon verschonen.» Die letzte Nachricht der Mutter erreichte Nina vor zwei Jahren: ein Paket mit Fotos aus Kindertagen, Spielsachen von früher und Bildern, die Nina ihr vom ersten Enkelkind geschenkt hatte.
«Sie hat uns sinnbildlich aus ihrem Leben entfernt», glaubt Nina. Wie sich das angefühlt habe? «Erleichternd. Es war das erste Mal, dass mich eine Nachricht von ihr nicht in diesen Strudel aus Trauer, Wut und Schuldgefühlen riss.»
Nina, die in diesem Beitrag ihre Geschichte erzählt, ist damit nicht allein. Zwar führt keine amtliche Statistik Buch über gekappte Eltern-Kind-Beziehungen. Hashtags wie #NoContactFamily oder #ToxicParents in den sozialen Medien sprechen für sich, ebenso wie einschlägige Bücher auf Bestsellerlisten, ausgebuchte Therapeutinnen und Selbsthilfegruppen für verlassene Eltern.
«Eine stille Epidemie»
«Es gibt immer mehr Betroffene», sagt Psychotherapeutin Claudia Haarmann aus Essen (D), die sich auf familiären Kontaktabbruch spezialisiert hat. «In England und den USA ist gar von einer stillen Epidemie die Rede.»
Rund 12'000 Deutsche beteiligten sich zwischen 2008 und 2022 an der bekanntesten Langzeituntersuchung im deutschsprachigen Raum, der sogenannten Pairfam-Studie. Sie sind heute zwischen 32 und 54 Jahre alt. 2022 gaben sieben Prozent an, keinen Kontakt zum Vater zu haben, zwei Prozent keinen zur Mutter.

Funkstille trifft also nicht unbedingt viele – Entfremdung hingegen schon, wie eine Studie der Universität Köln zeigt. Dafür haben Forscherinnen Daten aus der Pairfam-Studie genauer untersucht. Das Kriterium der Entfremdung sahen sie als erfüllt an, «wenn Kind und Elternteil weniger als einmal im Monat Kontakt haben und sich dann auch noch emotional nicht nahestehen». Das Fazit der Wissenschaftler: «Jede fünfte Vater-Kind-Beziehung ist betroffen, bei Müttern knapp jede zehnte.»
Ich möchte meinen Eltern nahe sein, aber ein Miteinander, das nur auf Pflichtschuldigkeit beruht, ertrage ich nicht mehr.
Lia, hat sich von ihren Eltern entfremdet
Auch Lia*, die in diesem Dossier mitwirkt, hat sich von ihren Eltern entfremdet. Sie hört sie gelegentlich, sieht sie alle paar Monate – aber hält sie auf Abstand, auch was die Grosskinder betrifft. «Ich verspüre Sehnsucht, meinen Eltern nah sein zu können», sagt die 41-Jährige, «aber ein Miteinander, das auf Pflichtschuldigkeit beruht, ertrage ich nicht mehr. Ich wünsche mir echte Begegnungen.»
Wie kommt es, dass erwachsene Kinder den Kontakt zu ihren Eltern aufs Nötigste reduzieren, sich von ihnen entfremden oder Mutter und Vater aus ihrem Leben streichen? Warum gleicht, selbst unter besseren Vorzeichen, das Verhältnis zu den eigenen Eltern oft einem Minenfeld?
Dieses Dossier beleuchtet Familiendynamiken und ihre Verstrickungen, betreibt Spurensuche: Wo liegen die Ursachen für verletzte Gefühle, Streit und Entfremdung? Wie gelingt eine Annäherung zwischen verhärteten Fronten? Wann ist es besser, getrennte Wege zu gehen? Und: Was können wir tun, damit unsere Kinder einmal mit leichterem Herz an ihr Elternhaus zurückdenken?
Es trifft ganz normale Familien
Was Kinder und Eltern auseinandertreibt, sind besagter Kölner Studie zufolge vor allem einschneidende Familienereignisse. So belastet der Tod eines Elternteils häufig die Beziehung des Kindes zum anderen. Auch Trennung ist ein Risikofaktor, besonders da, wo ein Stiefelternteil ins Spiel kommt. Ein weiteres Fazit: Ursachen für Beziehungsabbruch und Entfremdung sind vielfältig, Hintergründe wie Gewalt oder sexueller Missbrauch selten. Das betont auch Therapeutin Claudia Haarmann: «Entfremdung und Kontaktabbruch finden in ganz normalen Familien statt.»
Als solche hätte Rita* vor nicht allzu langer Zeit auch ihre bezeichnet. Mit Tochter und Schwiegersohn wohnte sie im Mehrgenerationenhaus. Vor vier Jahren erfreute die bevorstehende Geburt eines Buben die Familie. Rita reduzierte ihr Arbeitspensum, um das Kind betreuen zu können, und kaufte einen Kinderwagen, Spielzeug und Babykleider.
Wenn Kinder sich von ihren Eltern abwenden, war da meist zu viel oder zu wenig Nähe.
Claudia Haarmann, Psychotherapeutin
Doch mit der Ankunft des ersehnten Kindes kühlte sich das Verhältnis zu dessen Eltern ab: «Ab Tag eins wurde ich auf Distanz gehalten. Alles wurde begutachtet, kommentiert, kritisiert: meine Art zu wickeln, den Schoppen zu geben, das Kind zu tragen. So ging es immer weiter.» Es folgten Vorwürfe, Konfrontationen, klärende Gespräche, der Eklat: Vor einem Jahr ist die junge Familie ausgezogen. Es herrscht Funkstille. «Diesen Schmerz wünscht man niemandem», sagt Rita.
Sascha Schmidt berät Paare und Familien und ist auch als Mediator tätig. In seinen Coachings für berufstätige Eltern hörte er öfter von Grosseltern, die man auf Abstand hält. Zunehmend hatte er es mit Müttern und Vätern zu tun, die sich schwertaten, alles unter einen Hut zu bringen, die Hilfe von Oma und Opa jedoch ablehnten. Oder vielmehr: die damit verbundene Nähe zu den eigenen Eltern.
Spannungsfeld von Bindung und Autonomie
Schmidt wurde hellhörig, fragte nach, recherchierte. Herausgekommen ist der Ratgeber «Melde dich mal wieder», eine Handreichung für Eltern, die sich fragen: Habe ich etwas falsch gemacht? Für Schmidt ist klar: Wenn Kinder ihren Eltern ausweichen, liegt die Ursache dafür oft im Spannungsfeld von Bindung und Autonomie. Was bedeutet: «Söhne und Töchter haben von ihren Eltern früher kaum oder aber grenzenlosen Kontakt erfahren.»
Frühkindliche Erfahrungen beeinflussen, wie wir später die eigene Person und andere wahrnehmen, wie wir kommunizieren, Beziehungen führen und Konflikte austragen; wie es um unser Urvertrauen steht, jene Zuversicht in die Welt und uns selbst. Hier ist im Vorteil, wer von seinen Eltern Verlässlichkeit, körperliche und emotionale Wärme erfahren hat. Wo diese Zuwendung fehlt, drohen Zurückweisung und Gleichgültigkeit das Urvertrauen zu erschüttern.

«Manche Menschen können gut mit dieser Erschütterung leben», sagt Schmidt, «bei anderen wirkt sie nach.» Ob Betroffene ihre Schwierigkeiten verdrängen oder sie aufarbeiten – beides mündet häufig im Rückzug von den Eltern, weiss Schmidt: «Jeder Kontakt birgt das Risiko, sich eine Enttäuschung einzuhandeln, die verdrängten Schmerz aufbranden oder ein stabilisiertes Selbstvertrauen bröckeln lässt.»
Claudia Haarmann begleitet seit vielen Jahren verlassene Eltern und Kinder, die sich abgewendet haben. Auch ihre Erfahrung zeigt: Die Hintergründe sind unterschiedlich, aber es gibt einen gemeinsamen Nenner. «Da ist entweder zu viel oder zu wenig Nähe», sagt Haarmann. «Auf der einen Seite höre ich von kühlen, distanzierten Eltern, die kaum Geborgenheit vermittelten. Auf der anderen Seite berichten Söhne und Töchter, dass sie sich vom Nähebedürfnis ihrer Eltern, vor allem der Mutter, erdrückt fühlten. Dieses Phänomen nimmt zu.»
«Ich war übergriffig»
Wenn Rita über den Bruch mit ihrer Tochter spricht, sagt sie oft: «Ich war eine Glucke.» Sie habe ihren Kindern alles abgenommen, selbst als diese schon erwachsen waren: ihnen unaufgefordert das Auto gereinigt, die Pneus gewechselt, Essen bezahlt. «Ich war übergriffig, das ist mir heute bewusst», sagt sie. «Ich wollte nur, dass es ihnen gut geht. In meinem Elternhaus hat es damals kein liebes Wort gegeben.»
Gefühle zeigen, den Kindern nahe sein: «Das ist in der Erziehung erst seit 30, 40 Jahren eine Option», sagt Haarmann. «Die Elterngeneration der Nachkriegszeit musste ihre Gefühle herunterschlucken. Es galt tüchtig zu sein und kein Aufheben zu machen, das lehrte man auch die Kinder. Diese sind jetzt zwischen 50 und 80 Jahre alt. Viele von ihnen haben sich geschworen, es als Eltern anders zu machen. Nun ist da ihr Wunsch nach Nähe, die sie aufgrund ihres eigenen Erlebens brauchen. Für diese Eltern ist es wichtig, zu verstehen, wie es zu dem Bedürfnis kommt – aber genauso, dass es nicht am Kind liegt, den Mangel dahinter auszugleichen.»
Schuldfrage wird hin und her geschoben
Die Fähigkeit, für ein Kind präsent und ihm liebevoll zugewandt zu sein, speist sich aus dem, was Mütter und Väter im eigenen Rucksack mittragen – davon ist Haarmann überzeugt. Demnach hängt vieles davon ab, was man selbst über die Liebe erfahren, an Ressourcen oder Ballast mit auf den Weg bekommen hat.
«Unverheilte Wunden, versteckte Trauer, nicht aufgearbeiteter Schrecken: All dies wird sich in der Beziehung zum Kind ausdrücken», weiss sie. «Wenn Mütter und Väter von inneren Schauplätzen aus ihrer Vergangenheit vereinnahmt werden, stehen ihre eigenen Sehnsüchte im Vordergrund, nicht die Gefühle des Kindes. Hier wurzeln die Ursachen der Konflikte, die das Kind später mit seinen Eltern austragen wird.»
Sich aus Verstrickungen lösen
Dabei werde die Schuldfrage hin und her geschoben. Während erwachsene Kinder etwa von Gefühlskälte berichteten, sagten ihre Mütter, dass sie das Beste wollten. «Vor mir sitzen auf der einen Seite verzweifelte Frauen, die ihre Situation nicht verstehen, auf der anderen Seite ihre Kinder, die fordern, dass die Mutter ihre Verfehlungen eingesteht», sagt Haarmann. «Alle bleiben in ihren alten Rollen stecken. So gelingt keine Annäherung.»
Gewissensbisse oder Groll, Enttäuschung über fehlende Anerkennung oder Ärger über zu viel Einmischung: «Das sind Anzeichen dafür, dass wir eine existenzielle Lebensaufgabe nicht hinreichend bewältigt haben: die gesunde Ablösung von den Eltern», sagt Sandra Konrad, Psychologin mit Praxis in Hamburg.
Sie ist Autorin des Bestsellers «Nicht ohne meine Eltern» und beschäftigt sich mit Familiendynamiken und deren Auswirkungen auf Folgegenerationen. «Viele Menschen sind mit ihren Eltern heillos verstrickt», weiss sie. «Schuldgefühle und Enttäuschungen bestimmen die Beziehung, weil man sich gegenseitig mit unerfüllbaren Erwartungen überfordert.»
Sich von den Eltern zu lösen, heisst, das Leben in die eigene Hand zu nehmen.
Sandra Konrad, Psychologin
Erst wenn es gelinge, diese Verstrickungen zu erkennen und sich aus ihnen zu lösen, könnten Beziehungen sich zum Positiven verändern. Doch was bedeutet es, «gesund abgelöst» zu sein? «Es heisst einerseits, weniger abhängig von den Eltern und ihrer Zustimmung zu sein», sagt Konrad, «andererseits, unrealistische Erwartungen an sie aufzugeben und die Verantwortung für das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen.»
Das eigene Leben leben
Es geht also darum, das eigene Leben zu leben. Was sich schlüssig anhört, führt in vielen Familien zu Konflikten, weiss Konrad. Weil Eltern sich Sorgen machen, nicht einverstanden sind mit dem Lebensentwurf ihres Kindes, sich zurückgesetzt fühlen – und dies zeigen. So fühlt sich manch längst erwachsener Mensch unfrei, gebunden an elterliche Erwartungen.
Die einen tun sich schwer damit, Entscheidungen zu treffen, die Mutter und Vater missfallen, die anderen quälen sich, oft über den Tod der Eltern hinaus, mit Glaubenssätzen, die diese in Stein gemeisselt haben. Und viele halten freudlos an Pflichtbesuchen fest, damit die Kirche im Dorf bleibt.
«Oft agieren nicht abgelöste Kinder im Unterwerfungs- oder Anpassungsmodus», sagt Konrad. «Oder sie lehnen sich gegen ihre Eltern auf und weisen deren Wünsche rigoros von sich. Beide Haltungen sind unreif, denn sie verhindern selbstbestimmte Entscheidungen.»
Die Kunst, die Eltern zu enttäuschen
Solange wir uns den Eltern anpassen oder gegen sie rebellieren, haben wir unsere eigene Stimme noch nicht gefunden, sagt Michael Bordt. Der Jesuit und Philosoph hat ein vielbeachtetes Buch geschrieben: «Die Kunst, die Eltern zu enttäuschen». Es handelt von der Suche nach dem selbstbestimmten Leben – «ein Ideal, dem wir uns annähern, von dem wir uns aber auch immer wieder entfernen können», wie Bordt sagt.
Auf dem Weg zu einem passenden Leben kommen wir nicht umhin, andere Menschen zu enttäuschen. Dann nämlich, wenn wir ihren Erwartungen nicht entsprechen wollen oder können. «Allerdings gehen wir damit das Risiko ein, ihre Zuneigung zu verlieren», sagt Bordt. «In Bezug auf die Eltern kann das besonders schwierig sein – weil wir ihren wohlwollenden Blick auf uns, man könnte fast sagen: ihren Segen, nicht verlieren wollen.»
Vom Wert der Enttäuschung
Enttäuschungen stossen uns auf den harten Boden der Realität. Darin, weiss Bordt, liegt ihre befreiende Kraft. Menschen zu enttäuschen, heisst demnach, ihnen eine Illusion zu nehmen, sich zu befreien von dem, was sie in uns sehen, wir aber nicht sind.
«Es ist aber auch ein Beziehungsangebot», sagt Bordt. «Ich gebe mich als der Mensch zu erkennen, der ich wirklich bin.» Wobei Eltern gar nicht anders könnten, als ihre Kinder zu enttäuschen: «Die Abhängigkeit von ihnen liess uns einst glauben, sie seien unfehlbar. Wir vertrauten ihnen vorbehaltlos, um mit der Zeit zu erfahren, dass Mutter und Vater Grenzen und Fehler haben, dass auch sie bedürftig und verletzbar sind und uns keinen umfassenden Schutz bieten können.»
Die Eltern so zu akzeptieren, wie sie sind, ist einer der grundlegendsten und schwierigsten Lernprozesse.
Michael Bordt, Philosoph
Dieser Prozess der Enttäuschung entspreche der natürlichen Ablösung und sei nach der Pubertät längst nicht abgeschlossen. Zu tief ist demnach das Idealbild, das wir als Kind von den Eltern hatten, in uns verankert.
Es tritt zutage im Bedürfnis nach Liebe, Halt, Anerkennung – und der Sehnsucht, all dies dort einfordern zu können, wo es uns vielleicht verwehrt bleibt: bei den Eltern. «Sich vom Wunsch, die Eltern mögen anders sein, zu verabschieden und sie so zu akzeptieren, wie sie sind», sagt Bordt, «ist einer der grundlegendsten und schwierigsten Lernprozesse.»
Erwachsener Blick auf die Eltern
Die Ablösung von den Eltern beinhaltet also nicht nur, unpassende Forderungen zurückzuweisen, sondern auch, eigene Sehnsüchte kritisch zu hinterfragen. «Genauso wie wir uns aus den Erwartungen der Eltern lösen dürfen, ist es wichtig, sie irgendwann auch von unseren freizusprechen», sagt Psychologin Konrad.
«Jedenfalls dann, wenn die Eltern diese Erwartungen offensichtlich nicht erfüllen wollen oder können.» Solange wir uns Unmögliches von ihnen wünschten, blieben wir in unserer Kindheit, in der Abhängigkeit gefangen. «Wir geben Eltern die Macht, uns immer wieder vor den Kopf zu stossen», sagt Konrad. «Und die abgewehrte Enttäuschung darüber hindert uns daran, reife Beziehungen zu führen: Wir fordern das, was sie uns nicht geben, bei anderen ein.»
Wer hingegen falsche Hoffnungen aufgeben und die Enttäuschung annehmen kann, wird anfangen, die Eltern durch eine erwachsenere Brille zu betrachten: Wie sind sie so geworden, wie sie sind? «Solche Fragen sind wichtig, denn sie befreien unsere Eltern aus ihrer Rolle als Mutter und Vater», sagt Konrad.
«Sie machen sie zu Menschen, die selbst einmal Kinder waren, die unter den Erwartungen und Enttäuschungen ihrer Eltern litten. Die Chronologie des elterlichen Lebens und bestimmte familiäre Muster werden nachvollziehbar. Und vielleicht entsteht Mitgefühl für die Kinder, die die Eltern einst waren.»

Mängel aus Kindheit bewusst werden und betrauern
Doch der Weg dorthin sei schwer. «All das, was wir versucht haben, zu verleugnen, uns schönzureden oder nicht zu fühlen, wird uns begegnen», so die Psychologin. «Es geht darum, sich unserer Mängel in der Kindheit bewusst zu werden und sie zu betrauern. Unsere Eltern zu sehen, wie sie wirklich sind, und im Zweifel anzuerkennen, dass sie uns nicht besser versorgen konnten und können.»
Die Verantwortung für das eigene Wohlbefinden selbst in die Hand zu nehmen, bedeutet emotionale Arbeit, weiss Konrad. Sie fällt umso härter aus, je weniger Übung Menschen darin haben, ihre Gefühle und Bedürfnisse wahrnehmen, einordnen und gewichten zu können. Um so grundlegenden Fragen auf die Spur zu kommen: Was brauche ich? Wie komme ich dazu? Was hilft mir, wenn es schwierig wird? So lernten manche erst im Rahmen einer Therapie, was andere sich im Lauf ihrer Entwicklung erarbeiten konnten.
Mit den Eltern den eigenen Frieden zu finden, geht nicht immer mit einer guten Beziehung zu ihnen einher.
Michael Bordt, Philosoph
Mit den Eltern Frieden zu schliessen, bedeutet nicht, dass sie einem nicht hin und wieder gehörig auf die Nerven gehen, dass man sich nicht streitet oder über eingefahrene Muster ärgert, weiss Philosoph Bordt. Es setzt vielmehr einen konstruktiven Umgang mit Enttäuschungen voraus – der abhängt von der Bereitschaft, etwas über die Realität zu erfahren, «darüber, wie andere Menschen und die Welt wirklich sind».
Dieser Realismus hilft, den Fokus auf die eigene Entwicklung zu richten statt auf Veränderungen, die man sich bei anderen erhofft. Mit den Eltern den eigenen Frieden zu finden, heisst demnach, sich aus der inneren Dynamik zu lösen, die ein selbstbestimmtes Leben erschwert.
Äussere Trennung löst inneren Konflikt nicht
«Das geht nicht immer mit einer guten Beziehung zu ihnen einher», sagt Bordt, «denn die hängt ja auch von den Eltern ab.» Wenn diese nicht bereit sind, etwas über die Realität zu erfahren, um es mit Bordt zu sagen, wenn sie stattdessen Unmögliches von uns einfordern, an verletzenden Beurteilungen und Gewohnheiten festhalten – dann könne es richtig sein, einen Schlussstrich zu ziehen.
Mit der äusseren Trennung sei allerdings nicht der innere Konflikt behoben. Dafür müssten wir lernen, das, was schieflief, als Teil der eigenen Geschichte zu akzeptieren. «Entgegen dem Wunsch, Verletzungen nicht mehr spüren zu wollen, ist es wichtig, immer wieder zu üben, sie als Teil unserer Realität anzunehmen», sagt Bordt.
Wie Widerstandskraft wächst
«Widerstandskraft wächst, indem wir lernen, negative Gefühle an uns herankommen zu lassen und sie bewusst wahrzunehmen. Dabei können körperliche Reaktionen wie Herzklopfen eine Hilfe sein. Indem wir unsere Aufmerksamkeit auf den Körper richten, bekommen wir Abstand zu unseren Gefühlen. Dadurch identifizieren wir uns nicht mehr vollständig mit ihnen, sondern vielmehr mit dem Teil von uns, der sie wahrnimmt.»
So erwachse mit der Zeit eine Kraft, die uns stark macht: die Versöhnung mit der eigenen inneren Realität. Manchmal führe sie zu einer Versöhnungsbereitschaft anderen gegenüber: «Denn ich muss keine Menschen fürchten, nur weil sie Gefühle in mir auslösen könnten, denen ich nicht gewachsen bin.»
Mit einem Gegenüber, das Verständnis aufbringt, fällt Frieden schliessen einfacher. Es geht aber auch unter weniger idealen Bedingungen, weiss Psychologin Konrad: «Frieden finden können wir, auch ohne dass unsere Eltern sich verändern, ohne dass sie Fehler anerkennen; es ist gleichgültig, ob wir Kontakt mit ihnen haben oder sie gestorben sind. Es geht weniger darum, mit den realen Eltern Frieden zu schliessen, sondern vor allem darum, uns mit der eigenen Vergangenheit auszusöhnen und unser Leben so anzunehmen, wie es ist und war.»
*Namen von der Redaktion geändert










