Bis zu meinem fünften Lebensjahr war ich mit meiner Mutter allein. Sie sagte, ich sei ein Unfall gewesen, nur wegen meines Vaters habe sie mich behalten. Ich lernte ihn nie kennen. Mutter arbeitete im Service, wir wohnten bei den Grosseltern, die für mich wie Eltern waren. Ich war traurig, als wir bei ihnen auszogen, um beim neuen Partner meiner Mutter zu leben.
Dort liess man mich in Ruhe, sofern ich mich nützlich machte. Sonst musste ich mich zurückhalten: beim Reden, Essen, Geräuschemachen. Ich verbrachte die meiste Zeit lesend im Zimmer. Mein Stiefvater war im Heim aufgewachsen, hatte sein Päckchen zu tragen. Daher rührte sicher seine Willkür: Ich durfte oft nicht zum Spielen, ohne zu wissen, warum, nicht zum Kirchentreff, nicht zu den Eseln und Ziegen, die er gekauft hatte.
Er wusste, wie sehr ich Tiere liebte, liess mich aber nicht zu ihnen – weil es seine waren. Mutter stand nie für mich ein. Ich gab ihr keine Schuld, war überzeugt, der Stiefvater sei das Übel. Mutter hatte ein besseres Leben, seitdem sie in seinem Kleinbetrieb das Büro besorgte.
Meine Mutter fuhr damit fort, mich zu ihr zu beordern, wenn es gerade passte. Hatte ich Pläne, war sie beleidigt.
Ich zog früh aus. Mit Mutter telefonierte ich öfter, ging vorbei, wenn der Stiefvater nicht da war. Sie klagte ständig über ihren herrischen, nunmehr kranken Mann, der ihr Besuch versagte und es ihr nachtrug, wenn sie wegging. Ich beschwor sie, ihn zu verlassen, wollte für sie da sein, sie retten.
Hohe Willkür und Druck mit schlechtem Gewissen
Als unser Sohn auf die Welt kam, zogen mein Mann und ich in ihre Nähe. Wenn der Stiefvater ausser Haus war, rief sie an, ich solle vorbeikommen, die Gunst der Stunde nutzen. Für mich stand es ausser Frage, auf Abruf bereit zu sein. Ebenso normal war es, dass sie unangemeldet auftauchte, während sie ihrem Mann gegenüber vorgab, Besorgungen zu machen. Ich musste oft umplanen, aber rechnete es meiner Mutter hoch an, dass sie mich sehen wollte.
Als mein Stiefvater starb, dachte ich: Jetzt habe ich mein Mami für mich. Sie fuhr damit fort, mich zu ihr zu beordern, wenn es gerade passte. Hatte ich Pläne, war sie beleidigt. Ich bat sie, mir entgegenzukommen, jetzt, wo sie flexibler sei. Sie sei gebunden, sagte meine Mutter, sie habe Tiere. Die hielten sie nicht davon ab, bei uns aufzutauchen, wann immer sie Lust dazu hatte.
Gab ich ihr zu spüren, dass der Moment ungünstig war, machte sie mir ein schlechtes Gewissen: Sie habe sonst niemanden! Mir dämmerte, dass ihr Interesse nicht mir, sondern in fast obsessiver Art meinem Sohn galt.
Es folgte eine längere Zeit, in der ich versuchte, ihr mein Bedürfnis nach etwas Distanz verständlich zu machen. Sie erinnerte mich daran, dass eine Grossmutter ein Recht auf ihren Enkel habe. Ich bat meine Mutter, sie möge sich in mich hineinversetzen. Sie könne sich nicht ändern, meinte sie.
Bei jedem Kontaktversuch traf mich ein Strudel aus Trauer, Wut und Schuldgefühlen, aus dem ich kaum herausfand.
Als ich wieder schwanger wurde, zog ich den Stecker. Mein Mann besuchte meine Mutter weiterhin mit unserem Sohn, den wir ihr nicht vorenthalten wollten. Nach der Geburt unserer Tochter traf ich sie nach langer Funkstille. Sie ignorierte mich und mein Neugeborenes und wandte sich hingebungsvoll meinem Sohn zu. Mir wurde klar: Kein Bösewicht hatte meine Mutter jemals daran gehindert, für mich da zu sein – sie konnte oder wollte es nicht.
Seit fünf Jahren haben wir keinen Kontakt mehr. Mutter probierte es mit Anrufen, dann mit Nachrichten. Bei jedem Kontaktversuch traf mich ein Strudel aus Trauer, Wut und Schuldgefühlen, aus dem ich kaum herausfand. Heute leben wir in einem anderen Kanton, die räumliche Entfernung half, emotional Distanz zu gewinnen.
Frieden gefunden
Meine Kinder wissen, dass meine Beziehung zu ihrer Grossmutter nicht gesund war und wir sie darum nicht sehen. Ich habe viel an mir gearbeitet, Frieden gefunden. Ich kann annehmen, was mich geprägt hat, erkennen, dass daraus auch Gutes entstanden ist. Meine Sensibilität für die Bedürfnisse der Kinder etwa.
Ich habe hohe Ansprüche an mich als Mutter. Ich weiss, dass es menschlich ist, ihnen nicht immer gerecht zu werden. Scheitern fällt mir trotzdem schwer. Ich will es gut machen. Das wollte meine Mutter sicher auch. Dann kamen Probleme dazwischen – die hat sie nicht so gut gehandhabt, sie konnte vermutlich nicht anders.
*Name von der Redaktion geändert






