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«Viele erwachsene Kinder überschätzen ihre Eltern»

Aus Ausgabe
03 / März 2026
Lesedauer: 6 min
Seit vielen Jahren vermittelt Wolfgang Schmidbauer zwischen Eltern und erwachsenen Kindern, die sich miteinander überworfen haben. Was als Trauma proklamiert werde, seien oft Ablösungsprobleme, sagt der Psychologe.
Interview: Virginia Nolan

Bild: Ulrike Meutzner / 13 Photo

Herr Schmidbauer, Sie sagen, Dämonisierung der Eltern sei zum Massensport geworden.

Googeln Sie mal «falsches Selbst». Sie erwartet eine Flut von Informationen dazu, wie Eltern dem Selbstwertgefühl ihres Kindes geschadet haben und was getan werden muss, um diesen Schaden wiedergutzumachen. Erwachsene Kinder deklarieren ihre Eltern als narzisstisch und werfen ihnen vor, für ihr falsches Selbst verantwortlich zu sein. Damit meinen sie die nach aussen getragene Fassade, die nicht ihrer wahren Persönlichkeit entspricht, sondern das Resultat von Anpassung an elterliche Erwartungen ist.

Je stärker sich Menschen einander verbunden fühlen, desto schwerer ist es, gegenseitige Kränkungen zu verarbeiten.

Was sagen Sie dazu?

Wir werden leicht Opfer populärpsychologischer Modelle. Söhne und Töchter gleichen Mutter und Vater mit Bildern ab, die sie von wirklich guten oder aber richtig schlechten Eltern haben. Sie gewinnen diese Bilder aus der Ratgeberliteratur, aus populären Texten über ein in ihnen fortlebendes inneres Kind, aus Fallgeschichten über Traumatisierung und der beliebigen Deutung solcher Begriffe.

Wolfgang Schmidbauer, 84, ist Psychologe, Psychoanalytiker mit eigener Praxis in München und Buchautor. Er hat drei erwachsene Töchter.

In geschätzt jedem zweiten Krankenkassenantrag auf Finanzierung einer analytischen Therapie ist direkt oder verklausuliert von einer Mutter die Rede, die ihr Kind nicht genügend gespiegelt oder seine Autonomie unzureichend unterstützt hat. Diese Entwicklung hat viel mit der Romantisierung der Eltern-Kind-Beziehung zu tun.

Was meinen Sie damit?

Da ist eine viel grössere Nähe, als es in früheren Generationen der Fall war. Das hat viel Positives, aber auch Schattenseiten: Je stärker sich Menschen einander verbunden fühlen, desto schwerer ist es, gegenseitige Kränkungen zu verarbeiten. Diese Verbundenheit zeigt sich auch darin, dass elterliche Versorgung heute weit über das Kindesalter hinausgeht.

Autonomie ist keine Gabe. Man muss sie sich erkämpfen.

Es ist normal, dass Kinder in ihren Zwanzigern von den Eltern unterstützt werden. Vor diesem Hintergrund ist ein Vorwurf, den ich von erwachsenen Kindern häufig höre, paradox: Sie beklagen, dass die Eltern ihre Autonomie zu wenig gefördert hätten. Aber Autonomie ist nichts, das man empfangen kann wie eine Gabe.

Sondern?

Man muss sie sich erkämpfen. Gegen gleichaltrige und ältere Kinder etwa, sie waren in unserer Geschichte die wichtigsten Sozialisierungs- und Erziehungsinstanzen. Heute liegt alles bei der Kernfamilie, den auf Kooperation bedachten Eltern, die kaum Anlass geben für Widerstand. Wenn das Kind trotzdem Distanz sucht, sind sie bekümmert. Gegen autoritäre Eltern konnten Heranwachsende kämpfen, mit beleidigten sind sie überfordert. Hinzu kommt, dass viele ihre Eltern überschätzen.

Inwiefern?

Eine Klientin von mir, sie war Psychologin, hatte einen Dauerkonflikt mit ihrer Mutter, die nach vielen Jahren als Hilfskraft bei der Paketsortierung in Rente war. Einmal erschien die Tochter weinend zur Sitzung und berichtete, sie habe vierhundert Kilometer Fahrt auf sich genommen, um die Mutter zu besuchen, und der sei wieder einmal nichts anderes in den Sinn gekommen, als ihr einen Geldschein zuzustecken und sie zu fragen, wann sie endlich schwanger werde. Die Tochter sagte, sie fühle sich von ihrer Mutter nicht gesehen.

Was meinte sie damit?

Dass sie von ihrer Mutter kein Geld will, sondern dass diese endlich begreift, was sie geleistet hat: Die Mühe, die sie auf sich genommen hat, um sich aus einer bildungsfernen Familie zur Uni durchzuboxen, all die damit verbundenen Herausforderungen. Das, so die Tochter, interessiere die Mutter nicht, sie frage nur nach Enkelkindern. Diesmal habe sie ihr das Geld zurückgegeben, was die Mutter gekränkt habe. Aber sie sei es leid, sich selbst zu verleugnen, nur damit die Mutter glaube, alles sei in Ordnung.

Es ist ein wichtiger Reifungsschritt, die Eltern weder zu überschätzen noch zu entwerten.

Was läuft da schief?

Die Tochter setzt das Mass an Differenziertheit und Reflexion, das sie durch Bildung erworben hat, auch bei der Mutter voraus – die damit überfordert ist, nicht versteht, worum es der Tochter geht.

Sie sagen, erwachsene Kinder hätten bessere Möglichkeiten, ihre Eltern zu verstehen, als umgekehrt.

Junge Menschen sind fitter, geistig beweglicher, oft besser ausgebildet als ihre Mütter und Väter. Es ist ein wichtiger Reifungsschritt, körperliche und geistige Überlegenheit gegenüber den Eltern zu realisieren und so die Fähigkeit zu erlangen, die Eltern weder zu überschätzen noch zu entwerten. Wer diesen Schritt nicht leisten kann, wird die Eltern für seine Probleme verantwortlich machen – was ein typisches Mittelschichtphänomen ist und mit der dort verbreiteten Familienutopie zusammenhängt.

Nämlich?

Kinder sollen gebildeter, erfolgreicher, glücklicher werden als ihre Eltern. Je mehr Anstrengung damit verbunden ist, desto stärker beginnen Dankesschulden eine unheilvolle Rolle zu spielen. Eltern entwickeln Fantasien, das Kind müsste ihnen ihre Mühen danken, indem es sich in die richtige Richtung entwickelt. Umgekehrt wachsen auch im Kind Fantasien, die Eltern sollten dankbar sein, dass es sich so lange über alle möglichen Hürden gequält hat: Das Kind hat den Eltern zuliebe Cello geübt, die Eltern haben dem Kind zuliebe Musikstunden finanziert.

Stellt sich der erhoffte Erfolg nicht ein, wird die Erwartung der Eltern oft zum Bumerang: Kinder wehren Versagenserlebnisse ab, indem sie behaupten, sie hätten mit besseren Eltern mehr erreicht. Unglückliche Erwachsene werden besonders intensiv nach kindlichen Traumatisierungen suchen, wenn sie sich schämen oder schuldig fühlen, ehrgeizige Ziele nicht erreicht zu haben.

Eltern-Kind-Konflikte wurzeln oft im Wunsch, recht zu behalten. Was hilft, ist eine gegenseitige Grundanerkennung – und Humor.

Manche hatten tatsächlich Eltern, die sie manipuliert, gedemütigt oder misshandelt haben.

Gewiss. Aber die Mehrheit hatte hinreichend gute Eltern. Die Fehler machten, aber dem Kind ermöglichten, sich normal zu entwickeln. Eine von traumatischen Erfahrungen geprägte Kindheit ist ein Thema, Ablösungsprobleme mithilfe von Trauma-Erklärungen zu rechtfertigen ein anderes.

Was hilft bei verhärteten Fronten?

Eltern-Kind-Konflikte wurzeln oft im Wunsch, recht zu behalten. Beide Seiten sehnen sich nach einem entspannten Verhältnis und können es nicht finden. Die Eltern bringen Fotos mit zur Therapie, die ihr Kind überzeugen sollen, wieder so glücklich zu sein wie einst. Das erwachsene Kind fühlt sich manipuliert und erbringt Gegenbeweise.

Die Bereitschaft, gemeinsam an Konflikten zu arbeiten, verdient erst mal eine gegenseitige Grundanerkennung. Zu was ich rate: Humor! Darunter verstehe ich die Einsicht: Wir sind anders, als wir uns das vorgestellt hatten, wir passen nicht ganz zusammen, aber wir versuchen zu geniessen, was möglich ist. Eventuell ist die pragmatische Mutter nicht die empathischste Zuhörerin – aber vielleicht die Richtige, um herzhaft zu lachen.