«Die Erwartungen meiner Eltern erdrückten mich»

Aus Ausgabe
03 / März 2026
Lesedauer: 3 min
Lia*, 41, lernte, dass Familie auf Pflichtschuld beruht. Den Kreis hat sie für ihre Kinder (8 und 4) durchbrochen, was zum Zerwürfnis mit ihren Eltern führte.
Aufgezeichnet von Virginia Nolan

Bild: Ulrike Meutzner / 13 Photo

Meine Eltern verliessen Chile in den 1970ern – um dem autoritären Regime zu entkommen und ihren unterdrückerischen Familien. Mein Vater war daheim nicht mehr willkommen, sein katholischer Vater missbilligte die Ehe mit meiner reformierten Mutter. Mutter war der Fuchtel eines Patriarchen entkommen, der sie ab 12 Jahren im Haushalt eingespannt hatte, nachdem seine Frau verunfallt war.

In der Schweiz war alles fremd, aber eines sicher: Man wollte der Heimat der Vorfahren Ehre erweisen. Anpassung war das oberste Gebot. Ich spürte Fremdenfeindlichkeit hautnah: In der Schule wurde ich ausgeschlossen, auf dem Heimweg bedroht. Meine Eltern meinten, da müsse ich durch.

In der Ferne stilisierte meine Mutter die Familie, vor der sie geflohen war, zum Heiligtum hoch.

Vater fand Arbeit als Hilfsschreiner, Mutter, die Biologin war, wurde Hausfrau. Sie tue das nur, damit wir ein besseres Leben hätten, sagte sie. Mutter wirkte überfordert, schien stets in Alarmbereitschaft zu sein, alles war schwierig und nichts gut. Sie kapselte sich ab, hatte Heimweh.

Von den Eltern völlig in Beschlag genommen

Als Kind lief ich auf Eierschalen, spürte, dass ich die Eltern nicht mit meinen Problemen behelligen konnte. In der Ferne stilisierte meine Mutter die Familie, vor der sie geflohen war, zum Heiligtum hoch: Alles, war sie überzeugt, wäre besser, hätten wir die Familie hier.

Die realen Kontakte mit dieser waren geprägt von Neid, Groll, bösen Worten hintenrum. Doch man hielt eisern an den Verbindungen fest, predigte Familie als höchstes Gut. So stand ich im Dienst der meinen, war Vermittlerin und stets da, wenn es darum ging, Schulgespräche zu führen, Behördengänge zu tätigen, Lehrstellen zu organisieren. Ich war über 30, als ich durch andere realisierte, dass es nicht normal ist, derart in Beschlag genommen zu werden.

Enkelkind wird zum Lebensmittelpunkt

Über meine erste Schwangerschaft war Mutter entsetzt – eine unverheiratete Mutter, erklärte sie, sei eine Schande. Dann kam Anna* auf die Welt und wurde ihr neuer Lebensmittelpunkt. Ich versuchte zunächst freundlich, dann bestimmter, Grenzen zu ziehen. Wir seien jetzt eine Grossfamilie, hiess es, die gehöre zusammen. Meine Eltern kauften sogar ein Mehrgenerationenhaus. Ihre Erwartungen erdrückten mich.

Als Anna zwei war, entzog ich ihnen ihren Hütetag. Sie standen trotzdem vor der Tür oder riefen an und wollten Anna ans Telefon. Meine Bedürfnisse wurden übergangen, meine Grenzen ignoriert. Meine Eltern machten meinen Partner für meinen Rückzug verantwortlich.

Meinen Eltern wünsche ich, dass sie sich lösen dürfen von Glaubenssätzen, die ihnen geschadet haben.

Sie verstanden nicht, worum es mir ging, auch wenn ich es ihnen auf alle Arten zu erklären versuchte. Ihre Antwort kam an meinen Partner adressiert – ein vierseitiger Brief voller Vorwürfe. Ich fing an, nicht mehr auf ihre Anrufe zu reagieren, informierte sie nicht über unseren Umzug.

Leichte Annäherung nach Kontaktabbruch

Meine jüngste Tochter haben meine Eltern erst zweimal gesehen. Jedoch hat in den letzten Jahren eine Annäherung stattgefunden. Ich sehe meine Eltern ab und zu – allein. Mir scheint, es sei eine Reflexion in Gang gekommen. Ich hatte jahrelang therapeutische Begleitung. Nun sagt auch Mutter, dass eine Mediation vielleicht gut wäre.

Mein Bruder hat den Kontakt zu unseren Eltern auch abgebrochen. Sie leiden zu sehen, schmerzt. Ich verspüre Sehnsucht, ihnen nah zu sein, möchte meinen Kindern Kontakt zu ihnen ermöglichen. Doch ich werde ihnen nicht vorleben, dass Familie auf Pflichtschuld beruht. Meinen Eltern wünsche ich, dass sie sich lösen dürfen von Glaubenssätzen, die ihnen geschadet haben, dass sie annehmen können, was ist, statt sich in Ideale zu verbeissen.

*Namen von der Redaktion geändert