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12 Fragen zur Eltern-Kind-Beziehung in jedem Alter

Aus Ausgabe
03 / März 2026
Lesedauer: 10 min
Wie können Eltern ihren Kindern die Ablösung erleichtern? Was hilft bei verhärteten Fronten? Sechs Expertinnen und Experten liefern Antworten auf dringliche Fragen.
Aufgezeichnet von Virginia Nolan

Bild: Ulrike Meutzner / 13 Photo

1. Eine gelungene Ablösung von den Eltern gilt als Voraussetzung für eine gesunde Beziehung zu ihnen. Wie weiss ich, wo ich diesbezüglich stehe?

Ein guter Indikator sind fiktive Streitgespräche, die in unserem Kopf stattfinden – wir alle kennen sie. Von realen Gesprächen unterscheiden sie sich dadurch, dass wir immer recht behalten. Daran wird deutlich, wie realitätsfern unsere Gedanken manchmal sind; in Wirklichkeit verlaufen Konflikte ja nicht immer zu unseren Gunsten.

Die Fantasiegespräche haben jedoch eine reale Ursache: Sie resultieren aus verletzten Gefühlen, die wir nicht verarbeitet haben. Diese erzeugen einen inneren Druck, der Gedankenspiralen befeuert, in denen wir rhetorisch überlegen sind. Je öfter und härter wir in unseren Fantasien mit den Eltern streiten oder sie von etwas überzeugen wollen, desto stärker wirken Dynamiken, die uns auf ungute Art und Weise an sie binden.

Michael Bordt, Philosoph, Geschäftsführer des Instituts für Philosophie und Leadership, München (D)

2. Wie erleichtern wir unseren eigenen Kindern die Ablösung?

Ich möchte nicht kleinreden, dass Eltern für das Erwachsenwerden ihrer Kinder einen Preis zahlen. Er ist umso höher, je mehr sie ihre Lebenszufriedenheit vom Nachwuchs abhängig machen. Zum Erwachsenwerden gehört die Kritik an dem, was Vater und Mutter vorgelebt haben. So werden aus Kindern, die die Eltern bewunderten, zurückgezogene Adoleszente, die es besser wissen.

Wie konstruktiv die Rolle der Eltern bleibt, hängt davon ab, ob sie den Verlust ertragen, nicht mehr lebensprägend für ihr Kind zu sein.

Wolfgang Schmidbauer, Psychologe

In diesem Loslösungsprozess spielen die Eltern eine wichtige Rolle. Wie konstruktiv diese bleibt, hängt davon ab, ob sie fähig sind, den Verlust an lebensprägender Bedeutung für ihre Kinder zu ertragen, ohne durch diese Kränkung kalt und distanziert, traurig und zurückgezogen oder wütend und entwertend zu werden. Eltern machen sich oft Sorgen, sie könnten die Entwicklung ihrer Kinder nicht genug fördern – fast wichtiger ist es, sie nicht zu behindern.

Wolfgang Schmidbauer, Psychologe, Psychoanalytiker und Buchautor, München

3. Wie kann man verhindern, negative Prägungen an die eigenen Kinder weiterzugeben?

Das Schwierige ist, sich dieser Prägungen überhaupt bewusst zu werden. Das gelingt, indem man sich mit entsprechender Literatur auseinandersetzt, sowie durch Selbstbeobachtung und den Versuch, Muster zu erkennen. Wann neigen wir zu bestimmten Emotionen, Gedanken oder Verhaltensweisen? Der Blick von aussen kann helfen, solchen häufig unbewussten Mustern auf die Schliche zu kommen.

Als Nächstes geht es mit Blick in die eigene Vergangenheit darum, zu verstehen, wie es dazu gekommen ist. So sind uns Verhaltensweisen, die wir heute als wenig hilfreich erleben, als Kind womöglich nützlich gewesen: der Rückzug, sobald Konflikte drohen, weil sie zu Hause oft eskalierten; die forsche Art, eigene Bedürfnisse einzufordern, um nicht zu kurz zu kommen.

Indem wir unsere Prägungen besser verstehen, sind sie nicht überwunden – dafür müssen wir uns überlegen, wie wir stattdessen lieber reagieren möchten, welche Glaubenssätze wir dafür hinterfragen und umformulieren sollten. Dabei helfen Ausprobieren, Üben und Geduld mit uns selbst.

Felizitas Ambauen, Psychotherapeutin, Mitgründerin des Podcasts «Beziehungskosmos», Fürigen NW

4. Ich möchte meine Eltern nicht sehen, meinen Kindern aber den Kontakt zu ihnen ermöglichen. Kann das gut gehen?

Darauf gibt es keine Pauschalantwort, aber prinzipiell: ja. Dies setzt voraus, dass Eltern und Grosseltern die Kinder nicht als Spielball oder Druckmittel nutzen. Wenn sich ihr Konflikt nicht auf diese überträgt, kann es klappen. Es ist sinnvoll, klare Regeln aufzustellen: Wann, wo, wie lange, vielleicht sind ein paar Dos and Don'ts hilfreich. Zum Beispiel, dass gewisse Themen nicht vor den Kindern besprochen werden, dass man ihnen keine Schuldgefühle einflösst, etwa indem man sein Leiden zur Schau stellt: «Mama will nicht, dass wir uns häufiger sehen, das macht Oma traurig.»

Grosseltern haben keinen Anspruch auf ihre Enkel.

Felititas Ambauen, Psychotherapeutin

Schliesslich bleibt da die spannende, ethisch-moralische Frage: Haben Grosseltern ein Recht darauf, ihre Grosskinder zu sehen? Schuldet man ihnen das? Die kurze Antwort: Nein, tut man nicht. Grosseltern haben keinen Anspruch auf ihre Enkel. Aber – um auf die lange Antwort anzuspielen – man muss jede Situation individuell und differenziert betrachten.

Felizitas Ambauen

5. Wie erkläre ich meinen Kindern, dass ich mich von meinen Eltern abgewendet habe?

Das kommt auf das Alter der Kinder und die Hintergründe an. Ich empfehle, Kindern mit spätestens zehn Jahren eine Version zu erzählen, die der Wahrheit nahekommt. Lässt man zu viele Lücken offen, werden sie diese selbst mit Inhalt füllen – denn Kinder verstehen, dass da etwas fehlt. Was sie dann hineininterpretieren, belastet sie oft mehr als die Realität.

Sie könnten sich etwa mit der Frage quälen, ob sie schuld sind am Zerwürfnis, oder den Eindruck gewinnen, dass die Eltern ihnen etwas verheimlichen, weil sie ihnen nicht vertrauen. Es ist also oft ein falscher Schutz, wenn Eltern sich in Schweigen hüllen oder rumeiern. Vor allem, wenn sie dadurch vermeiden wollen, mit unangenehmen Gefühlen konfrontiert zu sein – das ist den Kindern gegenüber unfair.

Felizitas Ambauen

6. Stimmt es, dass Mutter-Tochter-Beziehungen besonders konfliktanfällig sind?

In der Tendenz ja. Dasselbe Geschlecht und damit verbundene Erfahrungen führen bei Müttern und ihren Töchtern häufig zu einer grösseren Nähe: Sie sind sich enger verbunden, teilen intimere Themen. Da wiegt ein Vertrauensbruch besonders schwer. Bei Vätern und Söhnen, die zwar auch das gleiche Geschlecht haben, lässt sich diese ausgeprägte Nähe weniger beobachten: Ihre Beziehung ist meist etwas distanzierter und damit weniger emotional.

Diese allgemeinen Befunde müssen nicht auf jeden und jede zutreffen. Vielmehr zeigen Studien, dass Kontextfaktoren wie der Erziehungsstil, das familiäre Klima und individuelle Eigenschaften der Beteiligten den Verlauf von Konflikten mitbestimmen. Und: Häufigere Konflikte führen nicht zwingend zu einer schlechteren Beziehung – ein vertrauensvolles Fundament kann vieles abfedern und die Beziehung sogar gestärkt aus dem Konflikt hervorgehen lassen.

Moritz Daum, Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Zürich

7. Kann ich mit meinem Teenager befreundet sein?

Kinder brauchen ihre Eltern als sicheren Hafen, als Vorbilder und Orientierungspfeiler – nicht als Freunde. Die zentrale Entwicklungsaufgabe Jugendlicher ist es, sich vom Elternhaus abzulösen, eine eigene Identität zu entwickeln. Eltern, die mit ihren Kindern befreundet sein wollen, stehen dem im Weg.

Es führt zu einer Rollenkonfusion, wenn Eltern suggerieren, sie seien Freunde auf Augenhöhe.

Moritz Daum, Entwicklungspsychologe

Bezeichnet etwa die Mutter ihre Teenager-Tochter als beste Freundin, kann das so verstanden werden: Mama hat keine andere Freundin. Aus Loyalität wird diese Lücke dann gefüllt, bis hin zur Rollenumkehr. Diese Verantwortung steht Autonomiestreben und Identitätsentwicklung entgegen. Ausserdem führt es zu einer Rollenkonfusion, wenn Eltern einerseits suggerieren, sie seien Freunde auf Augenhöhe, andererseits aber Erziehungsaufgaben wahrnehmen – das geht nicht gut zusammen.

Moritz Daum

8. Was können wir tun, damit unsere Kinder später einmal gern an ihr Elternhaus zurückdenken?

Dafür gibt es leider keine Anleitung mit Garantie. Aber Eltern können vieles gut machen, indem sie versuchen, Grundbedürfnisse des Kindes zu erfüllen. Das fängt damit an, dass wir Kindern von klein auf sichere Bindungspartner sind. Eine vertrauensvolle Beziehung zu den Eltern wirkt sich positiv auf Selbstwert, soziale Beziehungen, Schulleistungen und Autonomieentwicklung des Kindes aus. Das führt uns zu einem weiteren Grundbedürfnis: Es gilt, das natürliche Streben des Kindes nach Autonomie zu unterstützen.

Das bedeutet, Schritt für Schritt loszulassen und damit verbundenen Kontrollverlust auszuhalten. Das fällt Eltern leichter, wenn auch sie sich mit dem Kind weiterentwickeln, neugierig und offen verfolgen, zu welcher Persönlichkeit ihr Kind heranwächst, statt bekümmert zu sein, weil es sich von ihnen entfernt. Für spätere Beziehungen und Konflikte – auch die, die sie als Erwachsene mit ihren Eltern haben werden – nehmen Kinder zudem viel mit, wenn sie früh lernen, dass Streit und Spannungen dazugehören und diese auf konstruktive Art lösbar sind.

Moritz Daum

9. Warum halten Eltern oft an veralteten Bildern von uns fest, statt uns als den Menschen zu sehen, den wir geworden sind?

Es liegt in der Regel nicht daran, dass Eltern ihr Kind kleinhalten wollen – sie betrachten es einfach aus der Erfahrung jener Jahre, die sie in grosser Nähe zu ihm verbracht haben. Dazu tendieren wir alle, wie Untersuchungen zeigen: Haben wir von anderen Menschen einen bestimmten Eindruck gewonnen, legen wir sie auf diese einmal getroffene Einschätzung fest. Wenn wir da zu wenig aufmerksam sind, kann beim Gegenüber der Eindruck entstehen, dass es uns im Grunde gar nicht um seine Person geht. Dass wir nicht diesen Menschen an sich schätzen, sondern vielmehr das Bild, das wir von ihm haben.

Michael Bordt

Eltern müssen nicht mögliche Fehler der Vergangenheit auslöschen, sondern Verantwortung dafür übernehmen.

Sascha Schmidt, Familienberater

10. Können Eltern und erwachsene Kinder Freunde sein?

Ganz ehrlich: In den vielen Jahren, die ich Menschen unterschiedlichen Alters begleite, sind mir zwar schon manche Eltern begegnet, die sich stolz als beste Freunde ihrer Kinder bezeichneten, aber noch nie ein Mann oder eine Frau, die sich in der Rolle der besten Freundin, des besten Freundes der Eltern tatsächlich wohlgefühlten. Weil diese Rollenzuschreibung allein mit den Bedürfnissen der Eltern nach viel Nähe oder sogar nach Kontrolle und Sicherheit zu tun hat. Selbst ein gutes Verhältnis zu den Eltern kann nicht wie das zu einer besten Freundin sein, die man sich selbst ausgesucht hat. Eltern sind keine Freunde. Sie sind und bleiben Eltern.

Michael Bordt

11. Wie können Eltern bei verhärteten Fronten wieder mit ihren erwachsenen Kindern ins Gespräch kommen?

Die Bereitschaft, als Mutter oder Vater das eigene Verhalten zu reflektieren und zu verändern, gibt dem Kind die Chance, auch sein Kontaktverhalten neu zu überdenken. Oft braucht es nur eine andere Haltung, um ins Gespräch zu kommen. Dabei geht es nicht darum, mögliche Fehler der Vergangenheit auszulöschen – sondern darum, dafür die Verantwortung zu übernehmen. Nicht «Wie kann ich das wiedergutmachen?», sondern «So war das. Das habe ich gemacht. So habe ich mich verhalten. Ich sehe, dass es dich hindert und heute noch beschäftigt. Das tut mir leid.»

Sascha Schmidt, Buchautor, Mediator, Paar- und Familienberater, Bordesholm (D)

12. Was kann man tun, wenn der Kontakt zu den Eltern auf freudlosen Gewohnheiten wie dem obligaten Telefonat oder Pflichtbesuchen beruht?

Die Spielregeln ändern! Ein Klient von mir telefonierte jeden Sonntag mit seiner alleinstehenden Mutter. Vor dem Gespräch graute ihm jedes Mal, es sei nervtötend, die reine Einbahnstrasse. Er frage die Mutter, wie es ihr gehe, dann erzähle sie ausdauernd Unpersönliches, klage über das Wetter, die Nachbarn, ihn, der zu wenig Zeit habe. Ich fragte ihn, welche Impulse er einbringe. Er schaute mich an: Impulse? Er lasse das Ganze über sich ergehen!

Der Mann hatte nie in Betracht gezogen, Spielregeln zu ändern, die ihm unumstösslich erschienen. Doch wer hatte etwa gesagt, das Telefonat müsse eine halbe Stunde dauern? Die Mutter nicht, räumte er ein, er habe sich das so zurechtgelegt. Ich versuchte, ihm aufzuzeigen, wie leicht wir die Verantwortung für unser Wohlgefühl in andere Hände geben.

Familie gleicht einem Mobile – wenn einer die Dynamik ändert, kommt Bewegung ins gesamte System.

Sandra Konrad, Psychologin

Der Klient übte, das Telefonat künftig auf eine Viertelstunde zu begrenzen. Statt weiterhin vom mütterlichen Wochenrapport genervt zu sein, überlegte er sich im Voraus, was er aus seinem Leben erzählen wollte. Nach einigen Wochen berichtete er, die Gespräche hätten sich verändert: Es sei nicht gerade so, als spreche er mit einem Freund, aber nicht mehr so lähmend langweilig. Familie gleicht einem Mobile – wenn einer die Dynamik ändert, kommt Bewegung ins gesamte System.

Sandra Konrad, Psychologin und Buchautorin, Hamburg (D)