Ein Jahr ist es her, seitdem die Familie meiner Tochter auszog. Manchmal sehe ich im Leben keinen Sinn mehr. Nicht im schlimmsten Traum hätte ich geglaubt, dass es so weit kommt. Wir wohnten im Mehrgenerationenhaus, meine Tochter und ihr Mann hatten ihre Wohnung oben, ich und mein Sohn, der nach einer Trennung wieder eingezogen war, im Parterre.
An freien Tagen frühstückten wir gemeinsam im Garten oder grillierten. Als Sarah* vor fünf Jahren schwanger wurde, war ich aus dem Häuschen. Ich reduzierte mein Arbeitspensum, um das Kind betreuen zu können, kaufte Kleidchen und Spielzeug. Ich freute mich so!
Der Dämpfer kam nach der Geburt: Eine knappe Nachricht, der Satz, alles Weitere folge beim Kaffee. Zu dem man mich drei Wochen später einlud – drei Wochen! Man hielt mich auf Distanz. Wenn ich mich um meinen Enkel kümmern durfte, dann in Begleitung. Alles wurde begutachtet, kommentiert, kritisiert: meine Art zu wickeln, dem Kind den Schoppen zu geben, es in den Schlaf zu wiegen.
So ging es weiter, als ich meinen Hütedienst antrat: Ich durfte den Kleinen nicht in meiner Wohnung betreuen, da war ein Fernseher. Ständig grätschte mein Schwiegersohn dazwischen, der nach einem Unfall länger zu Hause war.
Meine Tochter sagte, ich solle aufhören, an meinen Enkeln gutmachen zu wollen, was ich bei meinen Kindern verpasst hätte.
Irgendwann quittierte ich: Was hatte Hüten so für einen Sinn? In zwei Jahren durfte ich nicht einmal etwas mit dem Kleinen unternehmen. Als seine Schwester auf der Welt war, versuchte ich, meine Tochter für gemeinsame Aktivitäten zu gewinnen. Aber überall gab es entweder zu viel Sonne, Junkfood oder Aufregung. Meine Tochter sagte, ich solle aufhören, an meinen Enkeln gutmachen zu wollen, was ich bei meinen Kindern verpasst hätte. Die Stimmung war zunehmend angespannt, zufällige Treffen im Treppenhaus kürzte sie ab: «Grosi hat keine Zeit.»
Ich schrieb meiner Tochter einen Brief. Darin entschuldigte ich mich für meine Fehler in der Vergangenheit: dass ich als Alleinerziehende so viel gearbeitet und wenig Zeit gehabt hatte, dass ich Sarahs Bruder, der als Jugendlicher Probleme hatte, mehr Aufmerksamkeit geschenkt hatte als ihr, die immer ein Selbstläufer gewesen war. Auch meiner Verletztheit machte ich Luft. Im ersten Moment brachte der Brief eine Wende. Es kam zur Aussprache.
Meine Tochter sagte, ich solle aufhören, mich für Fehler zu entschuldigen, die sie mir nie vorgeworfen habe. Ich hätte in ihrer Kindheit nichts falsch gemacht. Was sie ärgere, sei Einmischung, etwa meine Sorge, mit ihrem Sohn stimme etwas nicht, weil er mit zwei Jahren nicht sprach. Die Zeit nach dem Brief war erlösend: Ich durfte mit meinem Enkel sogar im Garten werkeln, nur wir zwei. Doch der nächste Eklat liess nicht lange auf sich warten.
Eine liebevolle Familie zu haben, ist alles, was ich je wollte – vielleicht zu sehr.
Nun weiss ich nicht einmal mehr, wo meine Tochter wohnt. Der Verlust meines Enkels – seine Schwester lernte ich kaum kennen – wiegt für mich fast schwerer als der Bruch mit ihr. Mir ist durch unsere Distanz einiges klar geworden. Dass ich eine Glucke war, zum Beispiel. Ich habe meinen Kindern zu viel abgenommen: ihnen unaufgefordert das Auto gereinigt, die Pneus gewechselt, immer alles bezahlen wollen. Ich war übergriffig, das ist mir heute bewusst.
Pflichtbewusstsein zum Verhängnis geworden
Ich wollte, dass es ihnen gut geht. Mein Elternhaus ist lieblos gewesen, wir mussten krampfen, sonst setzte es was. Eine liebevolle Familie zu haben, ist alles, was ich je wollte – vielleicht zu sehr. Ich versuche zu üben, was mir zwischenmenschlich schlecht gelingt: das, was mich beschäftigt, anzusprechen. Das ist nicht einfach, wenn man zum Schweigen erzogen wurde.
Ich habe ein hohes Pflichtbewusstsein, bin es mir gewohnt, Dinge selbst in die Hand zu nehmen, so war es damals bei uns zu Hause verlangt worden. Das ist mir, denke ich, auch mit meinen Kindern zum Verhängnis geworden – dass ich Dinge an mich gerissen habe und dann doch enttäuscht war, sie allein machen zu müssen.
Es zerreisst mir das Herz, wenn ich Leute mit ihren Enkeln sehe. Meinen schreibe ich Briefe, die ich bei meinem Testament aufbewahre. Sie sollen wissen: Ich habe jeden Tag an sie gedacht. Ich besuche eine Selbsthilfegruppe für verlassene Eltern. Es tut gut, mit meinem Schmerz nicht allein zu sein.
Ich teile meine Geschichte in der Hoffnung, dass andere über ihre sprechen. Sonst vergeben wir uns die Chance, voneinander lernen, Rückhalt erfahren und gemeinsam weiterkommen zu können. Ich hoffe, dass sich diese Gelegenheit irgendwann auch meiner Tochter und mir bietet.
*Namen von der Redaktion geändert







