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Autorität – das Comeback: 20 Fragen zum neuen Erziehungsstil

Aus Ausgabe
06 / Juni 2026
Lesedauer: 18 min
Verständnisvoll, zugewandt, auf Augenhöhe – so sollen Kinder heute erzogen werden. Nur: Im Alltag stösst dieses Ideal an seine Grenzen. Wie können sich Eltern und Lehrpersonen dennoch Autorität verschaffen? Wie viel Führung brauchen Kinder?
Text: Julia Meyer-Hermann

Bilder: Marvin Zilm / 13 Photo

Viele Eltern fühlen sich heute, als müssten sie alles gleichzeitig sein: verständnisvoll, geduldig, offen – und dabei bitte auch konsequent. Sie sollen auf Augenhöhe kommunizieren, Grenzen liebevoll setzen, Wut begleiten und Gelassenheit ausstrahlen, während sie innerlich längst am Limit sind. Zwischen Bedürfnisorientierung und Überforderung wächst die Sehnsucht nach Klarheit.

Und plötzlich ist ein Wort zurück, das lange verpönt war: Autorität. In aktuellen Debatten ist oft von «Neuer Autorität» die Rede – ein Konzept, das unter anderem vom israelischen Psychologen Haim Omer entwickelt wurde. Aber was steckt dahinter? Ist das die Rückkehr zu alten Vorstellungen von Gehorsam, Strafen und Kontrolle – oder ein Versuch, Orientierung neu zu denken?

Ganz neu ist dieser Ansatz nicht: In der Entwicklungspsychologie und Pädagogik wird seit Jahrzehnten darüber diskutiert, wie sich Nähe und Führung verbinden lassen. Die US-amerikanische Entwicklungspsychologin Diana Baumrind prägte mit ihrem Modell der «autoritativen Erziehung» einen Stil, der Sensibilität und Dialog mit klarer Struktur und Orientierung verbindet. Auch der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat immer wieder betont, dass Kinder Führung brauchen – allerdings nicht durch Druck oder Strafe, sondern durch Beziehung, Präsenz und Klarheit der Erwachsenen.

Dieses Dossier geht der Frage nach, wie Autorität heute gelingen kann. Dafür haben wir Expertinnen und Experten aus den Bereichen Erziehung und Entwicklung wichtige Fragen rund um das Thema Autorität gestellt – vor allem solche, die Eltern in ihrem Erziehungsalltag immer wieder umtreiben.

Unsere Expertinnen und Experten:

1. Warum erlebt Autorität derzeit ein Comeback?

Um die These vom Comeback der Autorität einordnen zu können, muss man zwischen der gelebten Praxis im Alltag und dem gesellschaftlichen Diskurs darüber unterscheiden. Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern war schon immer vielschichtig und nicht eindeutig geregelt. Ein zentraler Aspekt hat sich dabei nie verändert: In bestimmten Situationen führen Eltern. Wenn es etwa um Gefahr geht, sagen sie klar: «Nein, du wartest jetzt.» Diese Form von Führung ist nie verschwunden.

Was sich verändert hat, ist der gesellschaftliche Diskurs. Heute gibt es viele Vorstellungen davon, wie Erziehung idealerweise sein sollte – etwa, dass man möglichst alles erklärt, gemeinsam entscheidet oder das Kind überzeugt. Diese Vorstellungen sind oft sehr idealistisch und laufen parallel zur Realität, ohne sie wirklich abzubilden.

Kinder werden heute stärker begleitet, kontrolliert und ­beobachtet als früher – wenn auch in einer anderen Form.

Allan Guggenbühl, Psychologe und Psychotherapeut

Gleichzeitig hat sich der Alltag verändert: Es gibt weniger Kinder, mehr Zeit, mehr Aufmerksamkeit. Eltern investieren heute sehr viel Energie, Liebe und emotionale Zuwendung. Kinder sind viel stärker im Zentrum. Dadurch wird auch mehr gesprochen, mehr verhandelt – aber das bedeutet nicht automatisch, dass weniger geführt wird.

Die Vorstellung, dass Eltern heute grundsätzlich weniger Autorität hätten, greift deshalb zu kurz. In vieler Hinsicht werden Kinder heute sogar stärker begleitet, kontrolliert und beobachtet als früher – wenn auch in einer anderen Form.

Allan Guggenbühl, Psychologe und Psychotherapeut, Gründer und Leiter des Instituts für Konfliktmanagement (IKM) in Zürich

2. Lange Zeit war der Begriff Autorität negativ besetzt. Heute taucht er in diversen Ansätzen wieder häufiger auf. Was hat sich geändert?

Viele Menschen erschrecken zunächst bei dem Begriff Autorität, weil sie ihn mit autoritärer Erziehung verbinden – also mit Macht, Strafe oder Kontrolle. Das ist das klassische Bild, das viele von uns noch aus der eigenen Schulzeit kennen. Es gibt aber einen fundamentalen Unterschied zwischen Autoritäten und autoritären Menschen.

Der Begriff Autorität kommt ursprünglich aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie «verantwortungsvoller Ratgeber». Dieser Haltung entsprechen heutige Ansätze: Es geht darum, dass Eltern präsent im Leben ihrer Kinder sind und Orientierung geben – ohne zu dominieren.

Haim Omer, der Begründer der Neuen Autorität, hat als klinischer Psychologe gearbeitet und mit Eltern zu tun gehabt, die in sehr schwierigen Erziehungssituationen waren und sich überfordert fühlten. Er hat unter anderem Prinzipien aus politischen Bewegungen aufgegriffen, etwa von Mahatma Gandhi oder Martin Luther King, und sie auf Erziehung übertragen. Gewaltlosigkeit und Beziehungsorientierung standen so von Anfang an im Zentrum dieses Ansatzes.

Doris Brodmann, zertifizierte Erziehungscoachin (Neue Autorität ​/ Gewaltloser Widerstand); arbeitet mit Schulen und Eltern zu Erziehung, Prävention und Führung

3. Warum greifen Erklärungen und Verhandlungen im Alltag oft nicht – obwohl Eltern genau das versuchen?

Viele Eltern versuchen, ihre Kinder durch Argumente zu überzeugen. Sie erklären, warum etwas sinnvoll ist, und hoffen, dass das Kind selbst einsieht, warum es jetzt zum Beispiel aufhören sollte. Dieses Vorgehen entspricht auch dem heutigen Ideal von Erziehung. In der Praxis erweist es sich jedoch häufig als wenig wirksam. Der Grund liegt in der Entwicklung des Kindes. Kinder sind noch nicht in der Lage, solche Argumente vollständig zu verarbeiten. Ihre Impulskontrolle ist noch nicht ausgereift. Das unmittelbare Bedürfnis – etwa weiterzuschauen, weiterzuspielen – hat für sie ein viel stärkeres Gewicht als eine abstrakte Begründung.

Allan Guggenbühl

Michèle Wipf mit Tochter Amira und Huhn. Sie kann auch streng sein, wenn ihre Kinder sich nicht an die vereinbarten Regeln halten. Mehr dazu erfahren Sie hier.

4. Wie sieht die Anleitung von Kindern im Familienalltag nach dem Konzept der Neuen Autorität aus?

Eltern setzen klare Grenzen und bleiben gleichzeitig in Verbindung. Ein Kind darf frustriert oder wütend sein – das gehört dazu. Es darf auch sagen: «Du bist doof.» Entscheidend ist, dass die Grenze trotzdem bestehen bleibt.

Die sogenannte «non-violent resistance» – also ein konsequentes, aber gewaltfreies Verhalten – ist zentral. Eltern oder Bezugspersonen bleiben präsent, machen ihre Haltung klar («Ich bin damit nicht einverstanden»), ohne zu eskalieren oder Druck auszuüben. Es geht also nicht um Nachgeben, sondern um Klarheit ohne Eskalation. Eltern begleiten das Kind, bleiben präsent und halten die Situation aus, statt in Machtkämpfe zu gehen oder mit Strafen zu arbeiten.

Deborah Forster, Beraterin beim Elternnotruf Schweiz und Coachin für Neue Autorität

5. Wie wirkt es sich auf die Entwicklung von Kindern aus, wenn ihnen kaum Grenzen gesetzt werden?

Ein Ansatz, bei dem Kinder ihre Regeln vollständig selbst bestimmen, führt nicht zu mehr Selbständigkeit, sondern eher zu Unsicherheit.

Kinder lernen, ihre Impulse zu kontrollieren, indem sie erleben, dass es Regeln gibt – und dass ihr Verhalten Konsequenzen hat. Die sogenannten exekutiven Funktionen – also die Fähigkeit, Impulse zu steuern, Emotionen zu regulieren und Verhalten anzupassen – entwickeln sich nicht von allein. Sie entstehen im Zusammenspiel von biologischer Reifung, etwa im präfrontalen Kortex, und sozialer Erfahrung.

Regeln und Struktur ­helfen Kindern, ihre ­Umwelt zu verstehen und sich darin zu regulieren.

Moritz Daum, Entwicklungspsychologe

Kinder müssen erfahren: Was darf ich, was darf ich nicht? Sie lernen, einen Impuls zu unterdrücken, etwa nicht aus Frust ein Spiel umzustossen, oder sich an Regeln zu halten. Ohne diesen Rahmen fehlt die Grundlage für diese Entwicklung.

Regeln und Struktur helfen Kindern, ihre Umwelt zu verstehen und sich selbst darin zu regulieren. Fehlt diese Orientierung, wirkt sich das langfristig auf emotionale und kognitive Fähigkeiten aus.

Moritz Daum, Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Zürich

6. Ein harmonisches Familienleben gilt als Ideal. Wie passt das zum konfliktfreudigen Konzept der Neuen Autorität?

Die Vorstellung, dass Erziehung möglichst harmonisch verlaufen sollte, ist zwar sehr verbreitet, entspricht aber nicht der Realität. Wenn man Kinder hat, entstehen zwangsläufig Konflikte. Es gibt Situationen, in denen Kinder widersprechen, sich verweigern oder Eltern ablehnen. Das gehört zur Beziehung dazu. Natürlich gibt es auch viele schöne, enge und harmonische Momente, aber sie sind nur ein Teil des Ganzen.

Problematisch wird es, wenn Harmonie zum Massstab wird. Dann versuchen Eltern, Konflikte zu vermeiden oder hinauszuzögern. Sie bleiben länger im Erklären und Verhandeln, obwohl die Situation eigentlich eine klare Entscheidung erfordern würde. Beziehungen – auch zwischen Eltern und Kindern – bestehen immer aus verschiedenen Elementen: Nähe, Konflikt, Auseinandersetzung, Machtfragen. Die Idee, dass eine «gute» Familie dauerhaft harmonisch sein müsse, ist deshalb ein falsches Bild, an dem sich viele Eltern unnötig abarbeiten.

Allan Guggenbühl

Maddalena Barblan mit Sohn: Der Rahmen, den Eltern ihrem Kind setzen, muss zu seinem jeweiligen Entwicklungsstand passen. Mehr dazu erfahren Sie hier.

7. Wie reagieren Eltern in konflikthaften Situationen idealerweise?

Ein zentrales Prinzip in der Neuen Autorität ist der sogenannte Aufschub. Ich benenne zwar klar, was passiert ist, aber reagiere nicht sofort. Zum Beispiel: «Ich habe gehört, was du gesagt hast. Das ist nicht in Ordnung. Ich mache mir Gedanken darüber und wir sprechen später miteinander.»

Das Verhalten wird damit nicht akzeptiert, aber ich verschaffe mir Zeit. Ich kann mich beruhigen, nachdenken und auch andere einbeziehen: Wie soll ich damit umgehen? Was ist mir wichtig?

Gerade in Situationen, in denen andere Kinder zuschauen oder der Druck hoch ist, hilft dieser Aufschub, nicht in eine Eskalation zu geraten. Gleichzeitig gibt er auch dem Kind Zeit, über sein Verhalten nachzudenken.

Doris Brodmann

8. Lässt sich das Konzept auch auf Kinder mit ADHS, Autismus oder anderen besonderen Bedürfnissen übertragen?

Die Grundhaltung der Neuen Autorität – Präsenz, Selbstregulation und Beziehung – bleibt unabhängig vom Kind gleich. Gerade bei Kindern mit besonderen Bedürfnissen ist diese Verlässlichkeit oft besonders wichtig.

Was sich verändert, ist die konkrete Umsetzung im Alltag. Kinder mit ADHS, im Autismus-Spektrum oder mit anderen Herausforderungen brauchen oft klarere Strukturen, mehr Unterstützung oder andere Formen der Kommunikation. Hier müssen Eltern und Fachpersonen sehr individuell hinschauen.

Entscheidend ist aber: Der Fokus bleibt nicht darauf, das Kind «passend zu machen», sondern darauf, wie Erwachsene den Rahmen gestalten. Sie bleiben orientierungsgebend, passen ihr Verhalten an die Bedürfnisse des Kindes an – und schaffen so einen stabilen, tragfähigen Kontext, in dem Entwicklung möglich wird.

Susan Krausse, Sozialarbeiterin und Mitinhaberin von Sina, dem Systemischen Institut für Neue Autorität in Zürich

Führung zeigt sich in Konsequenz und Präsenz, nicht in Durchsetzung.

Deborah Forster, Elternberaterin

9. Was tun, wenn Kinder Aufforderungen ignorieren und nicht kooperieren?

Das Verhalten eines Kindes lässt sich nicht erzwingen. Eltern können nicht kontrollieren, ob ein Kind kooperiert – sie können nur ihr eigenes Verhalten steuern. Das bedeutet, ruhig und standhaft zu bleiben und sich nicht auf Machtkämpfe einzulassen. Führung zeigt sich hier in Konsequenz und Präsenz, nicht in Durchsetzung.

Gleichzeitig gehört es für Mutter und Vater dazu, Frustration auszuhalten – sowohl die eigene als auch die des Kindes. Es ist normal, dass Kinder Widerstand zeigen. Wichtig ist, an den vereinbarten Regeln dranzubleiben und immer wieder darauf zurückzukommen. Eltern geben den Rahmen vor – und dieser Rahmen bleibt bestehen, auch wenn das Kind nicht sofort mitmacht.

Deborah Forster

10. Wie schaffen es Eltern, sich nicht selbst von Ärger oder Wut überwältigen zu lassen?

Viele Reaktionen von Eltern sind stark durch die eigene Geschichte geprägt. Wenn ein Kind etwas sagt oder tut, das provoziert oder verletzt, geraten Eltern unter Stress – und dann greifen oft alte Muster. Es kommen Gedanken hoch wie «Das Kind darf mir nicht auf der Nase herumtanzen». Solche Sätze wirken wie klare Werte, sind aber in Wirklichkeit alte Glaubenssätze beziehungsweise Überzeugungen, mit denen viele von uns gross geworden sind.

Sie schwächen Eltern, weil sie den Druck erhöhen, sofort reagieren zu müssen. In akuten Stresssituationen geht es darum, die Eskalation zu unterbrechen; indem man zum Beispiel kurz den Raum verlässt, durchatmet, sich innerlich sortiert oder die Situation übergibt. Wichtig ist, den «Dampfkochtopf» früh zu erkennen.

Gleichzeitig gehört zum Konzept, dass Fehler passieren. Entscheidend ist nicht, alles richtig zu machen, sondern die Fähigkeit zur Reparatur: sich entschuldigen, wieder in Beziehung gehen und die Führung neu aufnehmen.

Susan Krausse

Autorität: Familie Schäfer
Corina Schäfer will ihren Teenagern im Alltag Orientierung geben, klare Grenzen setzen – und ihnen gleichzeitig Raum lassen, damit sie ihre eigenen Erfahrungen machen können. Mehr dazu lesen Sie hier.

11. Besteht nicht die Gefahr, dass ein Kind denkt, es komme mit seinem Verhalten durch, wenn ein Konflikt erst einmal aufgeschoben wird?

Der entscheidende Punkt ist hier die Beharrlichkeit. Es reicht nicht, eine Situation aufzuschieben – man muss später wieder darauf zurückkommen.

Wenn Erwachsene ein Thema noch einmal aufnehmen, zeigen sie: Das ist mir wichtig, ich bleibe dran. Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind sich mit seinem Verhalten auseinandersetzt. Oft entsteht dann auch eher die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen oder sich zu entschuldigen. Kinder erleben so, dass Grenzen bestehen – aber ohne dass sie im Moment der Eskalation durchgesetzt werden müssen.

Doris Brodmann

Ein zentraler Schritt ist die Klärung eigener Werte: Was ist mir wirklich wichtig im Umgang mit meinem Kind?

Susan Krausse, Sozialarbeiterin

12. Kann elterliche Autorität die Beziehung zum Kind gefährden?

Schwierigkeiten in der Beziehung lassen sich nicht einfach auf Autorität oder Strenge zurückführen. Eltern und Kinder sind eigenständige Persönlichkeiten. Es ist nicht selbstverständlich, dass sie sich verstehen oder gut zueinander passen. Temperament, Werte, Interessen – all das spielt eine Rolle. Es kann sein, dass man sich in bestimmten Punkten nicht erreicht, dass Interessen auseinandergehen oder dass wenig gegenseitiges Verständnis entsteht. Rückblickend wird eine belastete Beziehung dann häufig mit einer «zu autoritären» Erziehung erklärt – oft handelt es sich dabei jedoch um eine nachträgliche Deutung.

Ob eine Beziehung gelingt, hängt nicht allein vom Erziehungsstil ab, sondern auch davon, wie gut es gelingt, trotz bestehender Unterschiede eine Verbindung aufzubauen und aufrechtzuerhalten.

Allan Guggenbühl

13. Wie entwickeln Eltern eine klare Linie im Alltag, ohne sich in ständigen Korrekturen zu verlieren?

Ein zentraler Schritt ist die Klärung eigener Werte: Was ist mir wirklich wichtig im Umgang mit meinem Kind? Diese Orientierung entsteht häufig aus der Reflexion eigener Erfahrungen – etwa, welche Bezugspersonen in der eigenen Kindheit Halt gegeben haben und wie diese sich verhalten haben.

Daraus lassen sich in einem nächsten Schritt konkrete Haltungen ableiten, zum Beispiel: Bleibe ich auch in schwierigen Momenten in Beziehung? Halte ich aus, wenn mein Kind Fehler macht, ohne mich zurückzuziehen? Diese Fragen helfen, eine eigene Linie zu entwickeln.

Im Alltag entlastet das enorm. Denn es bedeutet, dass Eltern nicht auf jede Kleinigkeit reagieren müssen. Statt in einen dauernden Aktionismus zu verfallen – überall korrigieren, überall eingreifen –, geht es darum, sich bewusst auf wenige, wirklich zentrale Punkte zu konzentrieren. Diese Klarheit schafft Orientierung – für die Eltern und für das Kind.

Susan Krausse

Neue Autorität: Vater und Sohn beim Gamen
Michael Scheurer will das Gamen nicht nur reglementieren, sondern auch verstehen. Also spielt er mit.

14. Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder selbständig agieren und sich gleichzeitig an Vorgaben halten. Wie gelingt dieser Spagat zwischen Autonomie und klaren Grenzen?

Kinder brauchen einen Rahmen, der ihnen Orientierung gibt, ohne sie einzuengen. Dieser Rahmen darf weder zu eng noch zu weit sein. Wenn die Grenzen zu eng sind, können Kinder sich nicht ausprobieren und keine eigenen Erfahrungen machen. Wenn sie zu weit sind, fehlt ihnen die Orientierung – sie fühlen sich verloren.

Entscheidend ist, dass dieser Rahmen zum jeweiligen Entwicklungsstand des Kindes passt und sich mit ihm verändert. Das lässt sich gut an einem einfachen Beispiel zeigen: Ein Puzzle sollte weder zu schwierig noch zu einfach sein – sonst verliert das Kind die Motivation, weil es entweder überfordert oder unterfordert ist.

Und selbst wenn der Schwierigkeitsgrad grundsätzlich passt, kann Unterstützung sinnvoll sein – etwa indem man einzelne Teile vorbereitet oder Hinweise gibt. So erlebt sich das Kind als kompetent, eingebunden und gleichzeitig autonom – es löst die Aufgabe selbst, aber innerhalb eines Rahmens, der ihm Sicherheit gibt.

Moritz Daum

Eine Erziehungshaltung entsteht nicht von heute auf morgen. Es ist ein Prozess, der Zeit braucht.

Deborah Forster, Elternberaterin

15. Wie weit sollten Kinder in Regeln und Entscheidungen einbezogen werden?

Beteiligung ist sinnvoll – aber sie hat Grenzen. Zentrale Fragen und Werte müssen zuerst von den Erwachsenen geklärt werden. Kinder können einbezogen werden, sollten aber nicht die Verantwortung für Orientierung übernehmen.

Neue Autorität bedeutet deshalb: Beziehung auf Augenhöhe, doch die Verantwortung bleibt bei den Erwachsenen.

Susan Krausse

16. Kann man eine neue Erziehungshaltung auch noch später als Eltern entwickeln – und auch wenn man selbst ganz anders erzogen wurde?

Eine solche Haltung lässt sich entwickeln, aber sie entsteht nicht von heute auf morgen. Es ist ein Prozess, der Zeit braucht. Zentral ist die Auseinandersetzung mit sich selbst: mit der eigenen Geschichte, den eigenen Werten und den eigenen Reaktionen. Gleichzeitig hilft der Austausch mit anderen – etwa mit dem Partner, mit anderen Eltern oder mit Fachpersonen. Viele Eltern stehen unter dem Druck, alles richtig machen zu wollen. In der Praxis geht es aber eher darum, eine stimmige eigene Haltung zu finden. Unterstützend können Beratung, Coaching oder auch therapeutische Begleitung sein. Sie helfen dabei, diese Haltung nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag tatsächlich umzusetzen.

Deborah Forster

17. Wie wichtig ist es, dass Eltern eine gemeinsame Haltung haben?

Wenn Eltern sehr unterschiedlich handeln, entsteht Unsicherheit. Kinder brauchen klare Bezugspunkte. Wenn diese fehlen, wird es für sie schwieriger, sich zu orientieren. Deshalb ist es wichtig, dass Eltern sich darüber verständigen: Welche Werte wollen wir vermitteln? Wie wollen wir auftreten? Was ist uns wichtig? Wenn das im Alltag nicht gelingt, kann es sinnvoll sein, sich gemeinsam beraten zu lassen, um eine gemeinsame Linie zu entwickeln.

Deborah Forster

Auch wenn Jugendliche sich von ihren Eltern abgrenzen, brauchen sie weiterhin das Gefühl, dass jemand da ist, der sich um sie kümmert.

Moritz Daum, Entwicklungspsychologe

18. Wie wichtig sind Orientierung und Führung im Jugendalter?

Gerade im Jugendalter ist Orientierung besonders wichtig, weil diese Phase mit sehr schnellen und tiefgreifenden Veränderungen verbunden ist – körperlich, emotional und sozial. Jugendliche sind dabei, ihre eigene Identität zu entwickeln, und das ist oft verunsichernd. Deshalb suchen sie Orientierung – entweder bei den Eltern oder verstärkt in der Gruppe der Gleichaltrigen.

Auch wenn Jugendliche sich von ihren Eltern abgrenzen, brauchen sie weiterhin das Gefühl, dass jemand da ist, der sich kümmert, präsent bleibt und Orientierung gibt. Beziehung und Wertschätzung spielen dabei eine zentrale Rolle.

Moritz Daum

19. Viele Eltern sind im Alltag stark belastet oder erschöpft, gerade wenn sie viel allein tragen. Wie können sie in solchen Situationen handlungsfähig bleiben?

Wichtig ist, nicht nur auf den einzelnen Moment zu schauen, sondern grundsätzlich: Wo bekomme ich Energie her? Denn ohne Energie ist es kaum möglich, präsent und ruhig zu bleiben.

Selbstfürsorge spielt dabei eine zentrale Rolle – auch wenn das in vielen Familien schwierig umzusetzen ist. Es ist entscheidend, sich Unterstützung zu holen und nicht allein zu bleiben: durch Partner, Grosseltern, andere Bezugspersonen oder durch Fachstellen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, zu priorisieren. Eltern haben oft sehr viele Themen gleichzeitig im Blick – und verlieren dadurch Energie. Es hilft, sich bewusst zu entscheiden, worauf man sich im Moment konzentriert und was warten kann. Ziel ist es, kleine, umsetzbare Schritte zu entwickeln.

Doris Brodmann

20. Wie zeigt sich an der Entwicklung der Kinder, ob der familiäre Umgang gut funktioniert?

Wenn man sich Studien anschaut, sieht man klare Zusammenhänge – auch wenn es sich dabei um Durchschnittswerte handelt und nicht jedes Kind gleich ist.

Kinder, die sichere Bindungen erleben und lernen, sich gut zu regulieren, zeigen in vielen Bereichen Vorteile. Sie sind sozial kompetenter, können besser mit ihren Emotionen umgehen, gehen leichter Beziehungen ein und sind oft beliebter unter Gleichaltrigen.

Selbstfürsorge ist wichtig, um genug Kraft zu haben. Denn ohne Energie ist es kaum möglich, präsent und ruhig zu bleiben.

Doris Brodmann, Erziehungscoachin

Das wirkt sich auch auf die Schule aus: Wer sich wohlfühlt, ist motivierter, bekommt besseres Feedback und entwickelt sich kognitiv positiver. Langfristig zeigen Studien sogar Zusammenhänge mit Bildungserfolg, Einkommen und Gesundheit. Ein zentraler Faktor dabei ist die Fähigkeit zur Selbstregulation.

Wichtig ist aber auch: Kinder sind grundsätzlich sehr widerstandsfähig. Es geht nicht um Perfektion, sondern um Verlässlichkeit. Genau deshalb ist das Konzept des «good enough parenting» so hilfreich – Eltern müssen nicht alles richtig machen, sondern «gut genug» sein. Das bedeutet nicht «egal» oder «nachlässig», sondern heisst: Ich bin präsent, ich reagiere auf die Bedürfnisse meines Kindes. Es bedeutet auch, dass ich Fehler machen werde, diese aber erkenne und bereit bin, sie zu reparieren, mich zum Beispiel dafür zu entschuldigen. Das entlastet – und hilft auch Kindern, einen gesunden Umgang mit Fehlern zu lernen.

Moritz Daum