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Darf ich mit meinem Kind befreundet sein?

Aus Ausgabe
07+08 / Juli+August 2026
Lesedauer: 5 min

Darf ich mit meinem Kind befreundet sein?

Die Frage berührt zentrale Vorstellungen von Nähe, Autorität und Erziehung. Entscheidend dabei ist, was Eltern unter einem freundschaftlichen Verhältnis zu ihrem Kind verstehen.
Text: Fabian Grolimund

Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren

Eltern sollten nicht die Freunde ihrer Kinder sein. Ist Ihnen diese Warnung auch schon zu Ohren gekommen? Ich höre sie in verschiedenen Kontexten und merke immer wieder, wie sehr Freundschaft dabei mit «Kumpelhaftigkeit» und einer Laisser-faire-Haltung gleichgesetzt wird.

Solange Eltern weiterhin Orientierung bieten und ihre Verantwortung wahrnehmen, können freundschaftliche Momente die Beziehung stärken.

Gehen wir jedoch von einem reiferen Verständnis von Freundschaft aus, haben solche Aspekte in einer Eltern-Kind-Beziehung durchaus Platz und ihre Berechtigung. Dabei gilt: Solange Eltern weiterhin Orientierung bieten und ihre Verantwortung wahrnehmen, können freundschaftliche Momente die Beziehung stärken.

Wir können uns Beziehungen – etwas unromantisch – wie ein Konto vorstellen, auf das laufend kleine und grössere Einzahlungen erfolgen, von dem aber auch Abbuchungen gemacht werden. Ein Lächeln, eine Umarmung, ein liebevoller Blick, aufrichtiges Zuhören oder ein gemeinsam erlebter schöner Moment: All das stärkt die Beziehung und zahlt auf dieses Konto ein.

Kritik, Ermahnungen, ungeduldiges Erinnern an die Hausaufgaben, abfällige Bemerkungen über die Lieblingsyoutuberin oder genervtes Schnauben und Augenverdrehen hingegen wirken wie Abbuchungen.

Freundschaftliche Momente mit dem Kind, in denen wir gemeinsam lachen, eine Runde «Mario Kart» spielen oder über ein Thema sprechen, ohne zu bewerten oder zu belehren, helfen uns dabei, dieses Beziehungskonto immer wieder zu füllen.

Nähe macht Autorität tragfähiger

Noch immer fürchten viele Erwachsene, dass zu viel Nähe der elterlichen Autorität schadet. Wahre Autorität beruht aber nicht auf Distanz oder Angst, sondern auf Vertrauen. Kinder, vor allem aber Jugendliche lassen sich von Eltern eher führen, wenn sie die Erfahrung machen: Diese Person vertritt eigene Standpunkte, die ihr wichtig sind, und hat Erwartungen an mich – sie interessiert sich aber für mich, ja man kann sogar Spass mit ihr haben.

Besonders Momente, in denen ein Kind Zeit allein mit einem Elternteil verbringt – beim Wandern, Fischen oder Zelten, beim gemeinsamen Basteln oder Nähen, beim etwas zu langen Wachbleiben für einen spannenden Film, beim Herumalbern, Beobachten eines Tieres oder Ausprobieren einer neuen Sportart –, stärken die Beziehung. Sie schaffen Nähe und Vertrauen und machen es oft leichter, Sorgen anzusprechen, problematisches Verhalten zu thematisieren oder vom Kind auch einmal etwas einzufordern.

Freundschaftliche Momente sorgen für Entspannung

Immer wieder begegnen mir Eltern, die Erziehung als wahnsinnig anstrengend empfinden: Dafür sorgen, dass das Kind aufsteht, ordentlich frühstückt, ein gesundes Pausenbrot einpackt, den Teller selbst in den Spültrog stellt, rechtzeitig aus dem Haus geht, höflich grüsst, die Hausaufgaben erledigt, nicht zu viel vor der Glotze oder dem Handy hängt – all das ist tagtägliche Knochenarbeit.

Manchmal etabliert sich dabei ein Miteinander, das fast nur noch aus Beeinflussungsversuchen besteht: Eltern und Kind haben unterschiedliche Ziele im Kopf und jeder versucht sich durchzusetzen. Ständig werden Anweisungen gegeben, wird das Verhalten des anderen kommentiert, an Regeln erinnert, an Werte appelliert oder mit Konsequenzen gedroht.

Nähe zwischen Eltern und Kind ist kein ­problematischer Aspekt, sondern ein protektiver Faktor.

Das Problem: Je häufiger diese Versuche im Laufe des Tages stattfinden, desto unwirksamer werden sie. Was wiederum dazu führt, dass noch öfter darauf zurückgegriffen wird. Manche Kinder oder Jugendliche schalten mit der Zeit auf Durchzug oder reagieren fast reflexhaft mit Widerstand auf praktisch alles, was ihre Eltern von sich geben.

Freundschaftliche Momente können gerade dann Wunder wirken. Nicht umsonst verschreiben Psychotherapeutinnen und -therapeuten Eltern in dieser Situation oft eine festgelegte Spielzeit, in der die Erwachsenen sich auf das Spiel des Kindes einlassen und für eine Stunde pro Woche auf jegliche Erziehungsversuche verzichten. Etwas, das manchen Eltern unglaublich schwerfällt.

Gelingt es, lässt sich aber oft beobachten, dass die Kinder wieder zugänglicher werden, sich eher an Absprachen halten, weniger Widerstand zeigen und gesprächsbereiter sind.

Eltern und Kinder fühlen sich heute näher als früher

Gleichzeitig ist es für viele Eltern entspannend, wenn sie nicht immer nur in ihrer Rolle als «Erziehende» bleiben und funktionieren müssen, sondern entdecken, dass sie sich mit ihren Kindern auch mal fallen lassen, Momente geniessen, lachen und gemeinsam Abenteuer und Leichtigkeit erleben können. Dabei dürfen wir ruhig etwas egoistisch sein und uns fragen: Was mache ich gerne? Wobei kann ich meine Batterien aufladen? Was macht uns beiden Spass? Anstatt: Ist das eine sinnvolle und nützliche Aktivität für die Entwicklung meines Kindes?

Gerade Jugendliche berichten heutzutage oft von mehr Nähe und Verbindung mit ihren Eltern. Dieser Aspekt wird in den Medien teilweise problematisiert. Die Jugendlichen hätten so zu wenig Reibung, könnten sich nicht lösen, würden nicht selbständig.

Problematisch wird es, wenn Eltern Verantwortung beim Kind abladen, dem Frieden zuliebe auf nötige Grenzen verzichten und dem Kind in erster Linie gefallen wollen.

Wenn wir aber differenzierter hinschauen und uns von platten Vorstellungen und Vergleichen zwischen früher und heute lösen, merken wir: Beziehungen sind komplex, die Elternrolle vielschichtig. Nähe ist dabei kein problematischer Aspekt, sondern ein protektiver Faktor. Jugendliche, die sich von ihren Eltern geliebt, gesehen und wertgeschätzt fühlen, haben weniger Probleme als andere!

Das gilt vor allem dann, wenn es Eltern nicht nur gelingt, Nähe herzustellen, sondern sie ihren Kindern und Jugendlichen auch etwas zutrauen, Freiräume ermöglichen, Verantwortung übertragen und wenn sie sich nicht scheuen, eigene Grenzen zu wahren und Probleme anzusprechen.

Nicht freundschaftliche Momente zwischen Eltern und Kind sind das Problem, sondern wenn sich Eltern von Kindern Trost, Bestätigung und Loyalität wie von Gleichaltrigen holen, Verantwortung beim Kind abladen, dem Frieden zuliebe auf nötige Grenzen verzichten und dem Kind in erster Linie gefallen wollen.