«Meine Mutter kommt ohne Klopfen in mein Zimmer!»
«Frag doch mal Sarah!»
Meine Mutter kommt einfach in mein Zimmer rein, obwohl ich das nicht möchte. Letzthin war ich gerade dabei, mich umzuziehen. Sie kommt ohne Anzuklopfen rein und ich rufe noch: «Nein!! Bin mich am Anziehen!». Da lacht sie nur und sagt: «Ich habe dich ja auch schon nackt gesehen, als du klein warst». Das geht gar nicht! Ich finde das überhaupt nicht lustig! Was kann ich tun, damit sie das nicht mehr macht?
Tim, 15
Lieber Tim
Ich bin ganz deiner Meinung: Das geht gar nicht! Schliesslich bist du kein kleiner Junge mehr, sondern bald ein junger Mann. Deine Mutter will dir bestimmt nichts Böses damit, aber sie bemerkt nicht, dass sie mit ihrer Handlung gewisse Grenzen überschreitet.
Dein Zimmer ist dein Privatbereich. Natürlich gehört dein Zimmer zur Wohnung oder zum Haus deiner Eltern und insofern ist es nicht dein Eigentum. Aber trotzdem sollte jeder Jugendliche einen Bereich haben, in dem er sich zurückziehen kann.
Gerade emotional aufgebrachte Jugendliche brauchen bei einem Konflikt ein Time-out, also einen sicheren Ort für den Rückzug.
Ich verstehe Eltern, die nicht möchten, dass sich ihr Sohn oder ihre Tochter ins Zimmer einschliessen kann. Und dass sie deshalb keinen Schlüssel zur Verfügung geben. Denn man weiss tatsächlich nie, ob es einmal richtig dringend sein kann, dass man ins Zimmer hineinkommt: Bei einem Notfall zum Beispiel.
Das bedingt aber, dass man sich als Eltern daranhält, anzuklopfen. Und auch da passiert es vielen Eltern, dass sie bloss kurz anklopfen, um danach schnurstracks ins Zimmer zu treten, ohne das «Ja» des Kindes abzuwarten. Oder sie respektieren ein «Nein» gar nicht und kommen trotzdem rein. So, wie es deine Mutter getan hat.
Richtiges Verhalten bei Konflikten um Privatsphäre
Von anderen Jugendlichen höre ich des Öfteren, dass sie nach einem Streit mit einem Elternteil ins Zimmer gehen, um sich beruhigen zu können. Manchmal werden da natürlich auch Türen geknallt, weil die Emotionen hochgehen. Das können oder wollen einige Eltern offenbar nicht akzeptieren und folgen ihrem Kind in dessen Zimmer.
Sogar wenn die Tochter oder der Sohn die Eltern auffordern, ihr Zimmer zu verlassen, bleiben diese manchmal drin. Sie wollen dann weiter diskutieren, den Konflikt zu Ende besprechen. Aber das ist in diesem Moment keine gute Idee. Denn gerade emotional aufgebrachte Jugendliche brauchen dann dringend ein Time-out von der Auseinandersetzung. Denn sonst kann es passieren, dass Dinge gesagt werden, die man so nie sagen wollte. Oder dass es sogar zu Handgreiflichkeiten kommt.
Such das Gespräch unter vier Augen mit deiner Mutter und stell deine Forderung klar und ruhig.
Besser wäre es, wenn Eltern ihr Kind erst einmal runterkommen lassen – und sich auch selbst wieder beruhigen. Zu einem späteren Zeitpunkt lässt sich das Gespräch mit mehr Ruhe und Sachlichkeit nochmal aufgreifen. Das führt dann auch garantiert zu den besseren Lösungen.
Die eigenen Grenzen spüren und schützen
Junge Menschen müssen lernen, ihre Grenzen zu spüren und auf eine adäquate Art und Weise durchzusetzen. Es ist also wichtig, dass ein junger Mensch lernt, «Nein» zu sagen. Und dass er erfährt, dass dieses Nein auch respektiert wird. Denn wie sonst soll es ein junger Mann oder eine junge Frau im Leben draussen schaffen, von anderen respektiert zu werden oder sich zu wehren? Diese Art, Grenzen zu setzen ist extrem wichtig, um sich von Übergriffen anderer zu schützen.
Das fängt beim «Nein» fürs Zimmer betreten an. Ich bin mir, wie gesagt, sicher, dass deine Mutter nichts dabei sieht, dass sie einfach in dein Zimmer platzt. Für sie ist das offenbar normal, denn sie ist ja deine Mutter. Sie hat dich neun Monate lang ausgetragen, geboren und aufgezogen. Als Baby und Kleinkind hat sie dich natürlich auch gewickelt und gebadet und insofern nackt gesehen.
Du bist aber inzwischen ein grosser Junge, beziehungsweise ein junger Mann geworden. Da hat man eine gewisse Schamgrenze, die so auch richtig ist. Und ausserdem möchtest du als Jugendlicher nicht, dass deine Eltern dich jederzeit unvorbereitet überraschen.
Was kannst du tun?
Ich empfehle dir, mit deiner Mutter ein Gespräch zu führen. Und zwar meine ich nicht, dass du sie wütend anschreist (was vielleicht im Affekt schon passiert ist, als sie ins Zimmer kam). Sondern ich finde, du solltest ihr mitteilen, dass du etwas Wichtiges mit ihr besprechen musst, unter vier Augen. Das ist insofern nötig, damit nicht noch allfällige Geschwister oder andere Personen mithören.
Im Gespräch versuchst du, ganz klar und ruhig zu bleiben. Damit signalisierst du nicht nur, wie ernst dir das Thema ist, sondern auch, dass du inzwischen ein reifer junger Mann geworden bist. Sag ihr, dass du das nicht mehr erleben möchtest, dass sie ungefragt und ohne Anzuklopfen ins Zimmer tritt. Bitte sie darum, dass sie das respektiert.
Häng ein Schild an deine Tür: «Stopp! Anklopfen und Warten!» Das erinnert deine Mutter an die neue Vereinbarung.
Gut möglich, dass sie darauf zuerst mit Unverständnis reagiert und behauptet, dass du aus einer Mücke einen Elefanten machtest. Aber bleib einfach bei deiner Forderung. Erkläre ihr unbedingt, dass es dir als Jugendlicher sehr unangenehm sei, wenn du beim Umziehen, Schlafen, etc nicht deine absolute Ruhe und Sicherheit hättest.
Zur Absicherung kannst du ja zusätzlich noch ein Schild an deine Zimmertür hängen. Vielleicht mit der Aufschrift: «Stopp! Anklopfen und warten!». Klingt banal, aber so kann sich deine Mutter das nächste Mal nicht herausreden, dass sie eure neue Vereinbarung vergessen hätte.
Viel Erfolg!
Frag doch mal Sarah
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