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Kinder sollen keine Angst vor Fehlern haben müssen

Aus Ausgabe
06 / Juni 2026
Lesedauer: 6 min
Kinder lernen besser aus ihren Fehlern, wenn wir sie nicht abstrafen, sondern in Beziehung bleiben, das Gespräch suchen und ihnen Orientierung bieten.
Text: Cornelia Grossniklaus

Bild: Getty Images

Stellen Sie sich vor, Ihr Kind macht einen Fehler und hat keine Angst vor den Folgen. Ein Gedankenspiel: Denken Sie an Ihre Schulzeit zurück. Vielleicht mussten Sie einmal zur Schulleitung, weil Sie gegen eine Regel verstossen hatten. Welche Gefühle kommen hoch? Nun stellen Sie sich vor, dieses Gespräch beginnt mit den Worten: «Du bist mir wichtig und ich bin verantwortlich für dich.» Was könnte dadurch möglich werden?

Genau an diesem Punkt beginnt für mich die Frage nach Autorität. Als Schulleiterin stelle ich sie mir immer wieder. Gerade dann, wenn ich entscheiden muss, wie ich auf schwierige Situationen reagiere.

Wenn Mut sich nicht mehr lohnt

Mael besucht die Mittelstufe. Als es in der Klasse zu einem Konflikt kommt, fasst er all seinen Mut zusammen und spricht diesen im Klassenrat an. Zu Hause hat er das mit seiner Mutter geübt. Es hat ihn viel Überwindung gekostet, denn Mael fühlt sich nicht immer wohl in der Schule und macht oft schwierige Erfahrungen.

Wie erwartet wird der Konflikt im Unterricht besprochen, ein Kind erhält danach einen Verweis von der Lehrperson. Wenige Tage später erhält auch Mael einen Verweis mit der Begründung, er habe ebenfalls gegen die Klassenregeln verstossen. Er versteht die Welt nicht mehr und geht weinend nach Hause.

Was bleibt? Vielleicht die leise Erkenntnis, dass es besser ist, nichts zu sagen.

Kinder lernen dann besonders gut, wenn sie sich sicher fühlen und Fehler als Teil ihres Lernwegs erleben dürfen.

John Hattie, Bildungsforscher

Zwischen Strafe und Verantwortung

Solche Situationen stellen uns als Schule immer wieder vor die gleiche Frage: Wie reagieren wir? Der einfachste Weg wäre oft klar: strafen, durchgreifen, Konsequenzen ziehen. Doch wenn ich genauer hinschaue und Erkenntnisse aus der Forschung miteinbeziehe, entsteht ein anderes Bild. Der Bildungsforscher John Hattie zeigt, wie entscheidend Beziehung, Vertrauen und ein positives Lernklima für die Entwicklung von Kindern sind. Kinder lernen dann besonders gut, wenn sie sich sicher fühlen und Fehler als Teil ihres Lernwegs erleben dürfen.

Der Psychologe Haim Omer beschreibt mit der Neuen Autorität ein Konzept, das genau hier ansetzt: Präsenz statt Macht; Selbstkontrolle statt Kontrolle über andere; Beziehung statt Distanz; Verantwortung statt Strafe; Wertschätzung und Versöhnung.

Diese Haltung fordert uns als Erwachsene heraus. Sie verlangt, dass wir innehalten, uns selbst regulieren und nicht vorschnell reagieren.

Ein anderer Umgang

Vor einiger Zeit standen wir als Schule vor einer schwierigen Situation. Ein Jugendlicher aus der Oberstufe hatte ein anderes Kind dermassen bedroht, dass es nicht mehr in die Schule kommen wollte. Die Schule musste handeln.

Statt sofort zu bestrafen, suchten wir das Gespräch. Ich benannte klar, dass Gewalt nicht akzeptiert wird. Gleichzeitig sagte ich: «Du bist mir wichtig und ich bin verantwortlich für dich. Und ich bin auch verantwortlich für die anderen Kinder und deren Wohlbefinden.» Gemeinsam mit den Lehrpersonen besprachen wir den Vorfall mit dem Jugendlichen. Wir machten ihm seine Stärken bewusst und zeigten damit auf, dass wir ihm zutrauten, anders zu handeln.

Wenn wir ruhig bleiben, uns selbst regulieren und nicht sofort reagieren, helfen wir den Kindern, sich ebenfalls zu beruhigen.

Dann wurde es still. Der Jugendliche bekam Zeit, selbst eine Wiedergutmachung zu finden. Die anwesenden Personen unterstützten ihn dabei. Er entschied sich für eine persönliche und schriftliche Entschuldigung. Deren Umsetzung wurde von der Klassenlehrperson und mir eng begleitet.

Bis zu seinem Austritt gab es keine weiteren Vorfälle mehr. Der Schüler und ich hatten danach immer wieder gute Begegnungen im Schulhaus, unsere Beziehung war durch den Vorfall gestärkt worden.

Ein zweites Beispiel aus dem Schulalltag

Auch jüngere Kinder stellen uns vor ähnliche Fragen. So verliess eine Gruppe Primarschulkinder in der Pause unerlaubt den Schulhausplatz und ging in Richtung eines Geschäfts. Als Schulleiterin hätte ich schnell reagieren und eine Strafe aussprechen können. Ich entschied mich bewusst dagegen.

Im Gespräch mit den Kindern benannte ich meine Verantwortung und fragte die Kinder, warum diese Regel existiert. Sie konnten es sehr genau erklären. Sicherheit, Vorbildfunktion, Verantwortung für jüngere Kinder. Dann stellte ich die Frage, wie wir diese Situation wiedergutmachen können. Die Antwort kam sofort aus der Gruppe. Ein Kind schlug vor, bei der Pausenaufsicht zu helfen und damit Verantwortung zu übernehmen.

In diesem Moment geschieht etwas Entscheidendes. Kinder erleben sich als wirksam. Sie übernehmen Verantwortung und wachsen daran.

Neurodivergenz und Autorität

Wir alle kennen die vielen Begriffe, die uns im Schul- und Familienalltag begegnen. ADHS, ASS, PDA oder Hochsensibilität sind nur einige davon. Hinter diesen Begriffen stehen Kinder, die oft besonders intensiv fühlen, reagieren oder handeln.

Gerade bei Kindern, denen es schwerfällt, sich zu regulieren, innezuhalten oder ihr Verhalten zu steuern, braucht es einen besonders bewussten Umgang mit Autorität. In meiner Arbeit als Lehrperson und Schulleiterin habe ich immer wieder erlebt, wie entscheidend die Haltung der Erwachsenen ist. Wenn wir ruhig bleiben, uns selbst regulieren und nicht sofort reagieren, helfen wir den Kindern, sich ebenfalls zu beruhigen. Unsere Selbstkontrolle wird zur Unterstützung für ihre Regulation.

Nachhaltige Veränderung entsteht nicht durch Angst, sondern durch Beziehung und Verantwortung. Damit das gelingt, müssen Schule und Eltern im Gespräch bleiben.

Und gleichzeitig bleibt eine wichtige Aufgabe bestehen. Auch diese Kinder brauchen Orientierung. Sie müssen lernen, Regeln einzuhalten und Verantwortung zu übernehmen. Der entscheidende Unterschied liegt oft darin, wie sie dies lernen dürfen. Wenn Kinder erleben, dass sie etwas bewirken können, dass sie ernst genommen werden und ihnen zugetraut wird, es besser zu machen, entsteht Selbstwirksamkeit. Und genau diese Erfahrung kann für sie der Schlüssel sein.

Eltern und Schulen im Spannungsfeld

Ich verstehe Eltern gut, die sich in schwierigen Situationen klare Konsequenzen wünschen. Sorgen, Unsicherheit und manchmal auch Wut sind verständliche Reaktionen, gerade wenn das eigene Kind betroffen ist. Gleichzeitig zeigt sich immer wieder, dass nachhaltige Veränderung nicht durch Angst entsteht, sondern durch Beziehung und Verantwortung. Damit das gelingt, braucht es Zusammenarbeit. Schule und Eltern müssen im Gespräch bleiben. Eltern sollen miteinbezogen werden und verstehen, warum die Schule so handelt.

Ich bin selbst in diesem Prozess. Ich lerne, hinterfrage und entwickle mich weiter. Die grosse Herausforderung besteht darin, als Schule eine Haltung nach innen zu definieren, die von allen getragen wird, um dann als gesamte Schule den Eltern diese Haltung zu kommunizieren. Autorität ist für mich kein fertiges Konzept, sondern ein Weg.

Stellen Sie sich nochmals die zu Beginn geschilderte Situation vor. Ihr Kind macht einen Fehler. Und erlebt nicht zuerst Strafe, sondern jemanden, der bleibt. Jemanden, der Verantwortung übernimmt. Jemanden, der ihm zutraut, es besser zu machen.

Was würde das für Ihr Kind bedeuten? Vielleicht ist genau das die Form von Autorität, die unsere Kinder heute brauchen.